Nordischer Ton, Ironie der Geschichte

Notenneuheiten von Niels Wilhelm Gade, Gustav Mahler, Bernard van Dieren und Bohuslav Martinu


(nmz) -
Niels Wilhelm Gade war der erste nordische Komponist, der in den musikalischen Zentren Mitteleuropas, insbesondere in Deutschland, Furore machte. Die Schweden Johan Helmich Roman und Franz Berwald waren nur gelegentlich wahrgenommen worden, doch in Gades Ouvertüre „Nachklänge von Ossian“ von 1840 hörten alle den seither so oft beschworenen ‚nordischen Ton‘, der in einer Zeit, die vor allem das Nationale in der Kultur hervorkehrte, als identifikationsstiftendes Merkmal beschworen wurde.
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Ein junger Däne wurde zum Inbegriff des nordischen Mysteriums aus dunkler, wilder Natur in rauen Klängen, und er legte nach dem überraschenden Erfolg sogleich nach: Seine 1842 vollendete erste Symphonie in c-Moll ließ den Ossian-Ton die Königsgattung des Orchesters aus dem Stand erobern. Felix Mendelssohn Bartholdy wurde am Pult des Leipziger Gewandhauses zum Advokaten der Musik des allseits als genial bewunderten jungen Dänen und verhalf dessen symphonischem Erstling bei der Uraufführung am 2. März 1843 zu einem gigantischen, einhelligen Erfolg bei Orchester, Publikum und Kritikern. Wie groß dieser Triumph wirklich war, können wir uns heute kaum vorstellen. Mendelssohn schrieb an seine Schwester Fanny, er wisse zwar von Gade nichts weiter, „als dass er in Copenhagen lebt, und 26 Jahre alt ist. Doch muss ich ihm für die Freude danken; es giebt wirklich kaum eine bessere, als schöne Musik zu hören, und sich mit jedem Tact mehr zu verwundern, und doch mehr zu Hause zu fühlen.“ Vor allem entzückte alle Anwesenden auch bei jeder der zahlreichen Folgeaufführungen das Scherzo. Daraufhin durfte Gade seine Symphonie am 26. Oktober 1843 selbst im Gewandhaus leiten und erwies sich nicht nur bereits bei seinem allerersten Dirigat als verblüffend exzellenter Kapellmeister, denn die Allgemeine Musikalische Zeitung konnte berichten: „Uns ist noch kein Erstlingswerk eines Komponisten vorgekommen, das den Stempel wahrhaft großen Talents so entschieden an der Stirn trüge, wie diese Symphonie; nach ihr zu schließen, haben wir von Herrn Gade nur ausgezeichnetes, bald vielleicht das Meisterhafteste zu erwarten.“ So war es nur konsequent, dass Gade nach Mendelssohns zu frühem Tod sein Nachfolger als Gewandhaus-Kapellmeister wurde. Heute wissen wir, dass Gade sich als Komponist in der Folge entschied, das Klischee des ‚nordischen Tons‘ abzustreifen, und dass dies kollateral dazu führte, dass seine Musik an formaler Geschmeidigkeit (im Gefolge Mendelssohns) so viel gewann wie sie an fesselnder Eigenart einbüßte. Nach wie vor gelten seine erste Ouvertüre und Symphonie als seine größten Meisterwerke, und die Symphonien Nr. 2 bis 8 sind eigentlich nur im Rahmen von Gesamteinspielungen zu hören. Sein Ruhm ist international längst verblasst, und auch die von Engstrøm & Sødring in Kopenhagen und Bärenreiter in Kassel gemeinsam verlegte Gesamtausgabe seiner Werke erfährt bisher weniger mediale Aufmerksamkeit, als angebracht wäre. Mit der soeben erschienenen Ersten Symphonie liegen nun nicht nur alle acht Symphonien, sondern auch bereits sämtliche wichtigen Orchester- und Kammermusikwerke und vieles weitere in akribisch recherchierten, maßstabsetzenden Neuausgaben vor, und es ist zu hoffen, dass zumindest die Erste Symphonie künftig öfter in Konzerten auch außerhalb Dänemarks zu hören sei.

Solcher fördernden Aktivitäten bedarf Gustav Mahlers Vierte Symphonie nicht. Sie ist nun in der Neuen Kritischen Gesamtausgabe der Universal Edition in Wien erschienen, und erstmals wurden Mahlers viel zu spät (erst in den 1960er Jahren) öffentlich gemachte letzte Revisionen der Orchestration als finale Fassung zur Grundlage einer kritischen Neuausgabe erhoben. Eine Ironie der Geschichte ist, dass der einstige Schönberg-Schüler, UE-Aktionär und Musik-Universalist Erwin Stein, einer der eminentesten unterschätzten Musikerköpfe des 20. Jahrhunderts, schon frühzeitig auf die zentrale Bedeutung dieser Änderungen letzter Hand hingewiesen hatte (Mahler starb schlicht zu früh, um die Drucklegung der finalen Fassung überwachen und abnehmen zu können) und nicht gehört wurde. Der vorliegende Gesamtausgabe-Band ist in jeder Hinsicht vorbildlich geraten, indem er in epischer Breite die umfangreiche Entstehungs- und Revisionsgeschichte des Werkes schildert und den ausufernd detaillierten Kritischen Bericht auch in deutscher Sprache vorlegt. Alles, was aus authentischer Quelle für die Aufführenden nur irgendwie von Interesse sein könnte, hat hier Eingang gefunden und ist in der Transparenz mustergültig nachvollziehbar gemacht. Keine Frage, diese Ausgabe ist die autoritative Grundlage für künftige Darbietungen und Erörterungen.

Es ist die vornehmliche Pflicht des Rezensenten, auf das hinzuweisen, was nicht gesehen wird. Seit vielen Jahren beobachte ich die verlegerische Tätigkeit von Barry Peter Ould, der in seiner Bardic Edition seit 1987 unter anderem Werke von Bernard Stevens, Harold Truscott, Percy Grainger, Cyril Scott, William Grant Still, Ronald Center, Christopher Headington und John Pickard herausgibt. Die zeitlose Größe von Stevens wird nach und nach erkannt; Kammermusikfreunde seien unbedingt auf die Streichquartette des ‚schottischen Bartók‘ Ronald Center hingewiesen; Truscotts zutiefst menschliche Elegie für Streichorches­ter ist seit ihrer Entstehung 1943 aktuell geblieben, hat es doch keine Zeit ohne offene oder verdeckte Kriege zwischen den geopolitischen Hauptakteuren gegeben. Äußerst gespannt bin ich übrigens, wann Barry Peter Ould endlich die seit Jahren im Entstehen begriffene Erstausgabe der Symphonie von Harold Truscott – eines der wesentlichsten Gattungsbeiträge zur britischen Symphonik – präsentieren wird. Auch im Portfolio der Bardic Edition ist eine Kultfigur der britischen Musikszene, die vor allem jene kennen, die sich mit Busoni oder Sorabji beschäftigen: Bernard van Dieren (1887–1936) war Holländer. In Rotterdam geboren, übersiedelte er 1909 nach London, wo er als illustre Figur trotz aller Anerkennung unter Kollegen in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wurde. Am bekanntesten sind seine sechs Streichquartette (entstanden 1912–28) und die „Chinese Symphony“ von 1914, die zusammen mit Ludvig Irgens Jensens Spätwerk „Japanischer Frühling“ als wichtigstes Nachfolgewerk von Mahlers „Lied von der Erde“ gelten darf. Verheiratet mit der Schwes­ter des Dirigenten Hans Kindler, der in Washington das National Symphony Orchestra gründete, und gefördert von der Cousine des exzellenten Komponisten Cyril Rootham, des an der Cambridge University wirkenden Lehrers von Arthur Bliss, war van Dieren, der enge Freundschaft mit Ferruccio Busoni und Peter Warlock pflegte, überall bestens vernetzt, woraus er kaum Kapital schlug. Busoni, Schönberg, Delius und Sorabji zählten zu seinen Bewunderern. Seit 1912 schleppte er ein Nierenleiden mit sich, das ihn oft über längere Zeiträume außer Gefecht setzte und letztlich seinen frühen Tod verur­sachte. Immens produktiv als Liedkomponist, erschienen daneben außer seiner „Chinese Symphony“ und einigen seiner Klavierwerke und Streichquartette nur wenige von van Dierens Werken im Druck. Anfangs wurde er als Avantgardist gepriesen – auch in Donaueschingen erklang seine Musik – und angefeindet. Die nun bei Bardic Edition erschienene „Overture to an Imaginary Comedy“ op. 7 für Kammerorchester entstand 1916 und wurde 1923 in Berlin in einem Konzert der International Composers’ Guild aufgeführt. Bis vor wenigen Jahren galt die Partitur als verschollen. Nun kann das geistreiche, in der ästhetischen Haltung Busoni verwandte Stück endlich wiederentdeckt werden.

Der Böhme Bohuslav Martinu zählt zu den prominentesten Meistern der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Er hat zu allen Gattungen Wesentliches beigetragen und die Musikwelt außerdem mit einer schwer überschaubaren Menge kleinerer Werke unterschiedlichster Besetzungen versorgt. Insofern ist die Gesamtausgabe seiner Werke, die von Bärenreiter Prag (ehemals Supraphon) betreut wird, eine gigantische Aufgabe, die mit erstaunlicher Qualität und Kontinuität abgeleistet wird. Aus der Vielzahl konzertanter Werke sind nun zwei Kopplungen neu erschienen. Die finalen Klavierkonzerte Nr. 4 („Incantation“) und 5 (Fantasia concertante) aus den 1950er Jahren in der amerikanischen Emigration, bevor er nach Europa zurückkehrte, sind Klassiker der gemäßigten Moderne ihrer Zeit. In unverkennbar eigentümlicher Weise, durchsetzt mit reichst ornamentierendem Tonsatz, brachte Martinu in diesen späten Jahren die Elemente, die sein musikalisches Leben prägten, zu einer prachtvollen Fusion, die seine tschechische Herkunft unverkennbar herausleuchten lässt. Der andere Band legt das als erstes Werk auf amerikanischem Boden entstandene Concerto da camera für Violine, Streicher, Klavier und Pauken vor, welches im Schatten des groß besetzten und angelegten zweiten Violinkonzerts unterging, und das erst postum verlegte Rhapsody-Concerto für Bratsche aus der späten Zeit, welches herrlich in weiten gesanglichen Bögen erblüht und vom Widmungsträger Jascha Veissi mit dem Cleveland Orchestra unter George Szell aus der Taufe gehoben wurde. Beide Ausgaben sind mit umfassend aufklärenden Einführungen in englischer Sprache ausgestattet, und angesichts des Martinu’schen Figurationsgewusels verwundert es nicht, dass die kritischen Berichte mit der Richtigstellung zahlloser kleiner Irrtümer aufwarten. Mögen die Aufführungen dieser wertvollen Werke davon hörbar profitieren.

 

 

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