Normalos

Cluster 2022/11 – Martin Hufner


(nmz) -
„Auch Kultur ist nur eine unmaßgebliche Schutzbehauptung“ schrieb der Lyriker Peter Rühmkorf 1979 in seinem Gedicht „Komm raus“. Und er setzt fort: „Eine Schlacht im Sitzen gewinnen: Schön wär’s.“ Momentan wirkt es aber so, als verlöre die Kultur selbst den Status der Schutzbehauptung und bleibe vor allem unmaßgeblich.
Ein Artikel von Martin Hufner

Es wird viel gesprochen und gestritten um einen Rückgang von Besucher­*innen von Kulturveranstaltungen in Konzert und Theater, egal ob Oper oder Popkonzert. Dafür gibt es eine Menge an Gründen. Nach wie vor ist die Corona-Pandemie präsent und macht krankheitsbedingte Veranstaltungsausfälle denkbar. Für sichere Veranstaltungspläne sieht es nicht gut aus. Aber nach wie vor macht diese in der Bevölkerung kreiselnde Erkrankung mit ungewissen Folgeerscheinungen auch Nähe zwischen den Menschen zu einer unsicheren Sache: für einen selbst und für andere. Gelingende Kultur ist dabei zwar immer eine riskante Sache, die aber sichere Rahmenbedingungen braucht. Die bestehenden traditionellen Kulturveranstaltungsrituale sind mit dieser Krankheit daher nicht so recht kompatibel. Und die anderen Unsicherheitsverstärker wie die aufbrausende Klimakatastrophe tragen ihren Teil dazu bei; der russische Angriffskrieg auf die Ukraine mit seinen indirekten und direkten Folgen für die konkret und mittelbar betroffenen Länder und Menschen ebenso; die Welternährungsfrage nicht weniger als das Erstarken autoritärer Herrschaftsformen weltweit.

Man muss sich fragen, wie man es unter diesen Bedingungen überhaupt auf diesem Planeten aushalten kann und vor allem auch warum. Und da, will mir scheinen, ist Kultur – nicht die nationale-nationalistische – mittlerweile eine maßgebliche Schutzmaßnahme für eine solidarische und friedliche Weltgesellschaft. Nur: mit einem „Zurück zur Normalität“ ist es da nicht getan, das funktioniert nicht, wie man gerade sieht. Statt sich aber im unheiligen Zorn irgendwo festzukleben wie die „Letzte Generation“ bedürfte es der Beweglichkeit einer allgemeinen „Ersten Generation“, die Kultur als kommunikative, streitbare und unhintergehbare Notwendigkeit anerkennt und danach handelt. Kultur muss immer wieder neu entdeckt werden und sich in der Gesellschaft jeden Augenblick neu verankern.

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