Noten-Tipp 2016/04

Brahms spielen


(nmz) -
Clive Brown, Neal Peres Da Costa, Kate Bennett Wadsworth: Aufführungspraktische Hinweise zu Johannes Brahms‘ Kammermusik. Deutsch/Englisch. Bärenreiter BA 9600 (2015), ISMN 979-0-006-56000-4.
Ein Artikel von Eckart Rohlfs

Gleich einem Symposium, wie es tatsächlich im vergangenen Sommer an der Universität Leeds über die Bühne ging, setzen sich drei Exzellenzexperten mit der Wiedergabe spätromantischer Kammermusik auseinander. Im Fokus, die stilgerechte Darstellung von Brahms’ Kammermusik, die immerhin 26 Werke vom Duo bis Sextett umfasst. Genug, um dafür ein spannendes Kapitel der Musikgeschichte und insbesondere der Aufführungspraktiken des späten 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts aufzuschlagen. Das besorgen die Cellistin Kate Bennet Wadsworth, der Geiger Clive Brown, beide aus Leeds, und der Pianist Neal Peres Da Costa aus Sydney, die alle, ebenfalls bei Bärenreiter, in die Urtext-Herausgabe etlicher Kammermusik von Brahms eingebunden sind. Sie äußern sich dezidiert und tiefschürfend, jeder in seinem Fach, alle Ausdrucksmittel, die  technischen Spiel-Elemente und die im historischen Rückblick auch veränderten Spielweisen am Instrument auseinandernehmend. Reichlich Dokumente belegen und rechtfertigen die Besinnung auf Bewahrung, Kontinuität oder Gründe der Veränderung, sei es am Klavier oder am Streichinstrument.

Das alles bleibt insofern bis heute aktuell, als die Schlüsselperson Brahms gegenüber Musikern seines Umkreises selbst noch Wunschinterpretationen vorführte, an die wir uns ebenso klammern wie an Bild- und Klangdokumente und Berichte führender Musiker rund um jene Jahrhundertwende. Derartige Belege reichen durch wiederholte Lehrer-Schüler-Weitergabe von Generation zu Generation bis in unsere Zeit. Der Wunsch nach stilgerechter oder besser authentischer Darstellung kann den Musiker unserer Tage freilich in Konflikt bringen: zu entscheiden zwischen strengem Notenbild, Wunschinterpretation und jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnissen. Solche sind hier minutiös zusammengetragen und kommentiert.

Clive Brown resümiert: „Durch sorgfältige Analyse schriftlicher Dokumente in Verbindung mit frühen Einspielungen durch die mit dem Komponisten verbundenen Interpreten, können wir noch vieles lernen. Die Verknüpfung dieser Quellen kann uns helfen, die verborgenen Botschaften in Brahms’ Notierungsweise zu entschlüsseln.“ Für Brahms-Spieler eine unerlässliche Lektüre.

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