Nun muss es um die Umsetzung gehen

Konzeption Kulturelle Bildung III liegt vor · Von Olaf Zimmermann


(nmz) -

Bildungspolitik hat in den vergangenen Jahren in der politischen Diskussion wieder an Stellenwert gewonnen. Wird die heutige Diskussion mit dem bildungspolitischen Aufbruch der 70erJahre des letzten Jahrhunderts verglichen, sind gravierende Veränderungen festzustellen. In den 70er-Jahren ging es vor allem darum, so genannten bildungsfernen Schichten den Zugang zu höherer Schulbildung und anschließendem Studium zu ermöglichen. Ein wichtiger Bestandteil dieses bildungspolitischen Aufbruchs war die Gründung von Universitäten, Gesamthochschulen und Fachhochschulen.


Bei allen Erfolgen dieses Aufbruchs wird dem deutschen Schulwesen heute in internationalen Studien ein eher schlechtes Zeugnis ausgestellt. Den Anfang machte die TIMSS-Studie Anfang der 90er- Jahre, bei der deutsche Schülerinnen und Schüler relativ schlecht abschnitten, fortgeführt wurde diese Reihe durch die PISA-Studie. Deren Veröffentlichung rüttelte die deutsche Bevölkerung und besonders die Bildungspolitikerinnen und -politiker erneut wach. Warnungen, die die Stiftung Lesen bereits seit Jahren ausgesprochen hatte, dass nämlich im Bereich der Lesekompetenz und des Spracherwerbs große Lücken bestehen, wurden endlich wahrgenommen.

Bund und Länder nahmen ihre Verantwortung an und sehr schnell wurden Programme zur Verbesserung des Bildungswesen aufgelegt. Die Ganztagsschule wurde ganz besonders in den Fokus gerückt, da sich im Vergleich zeigte, dass Länder mit einem Ganztagsschulsystem in der Regel in der PISA-Studie besser abgeschnitten hatten, als Deutschland mit seiner Tradition der Halbtagsschule.

Der wesentliche Unterschied zum angeführten bildungspolitischen Aufbruch in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts besteht darin, dass die bildungspolitische Diskussion heute vor allem unter dem Leitbild des Wettbewerbs und nicht der Teilhabe geführt wird. Es geht darum, dass deutsche Schülerinnen und Schüler wieder mit denen anderer Länder konkurrieren können, lebenslanges Lernen soll dazu dienen, dass der Produktionsstandort Deutschland erhalten werden kann. Der Wettbewerb wird sogar so weit getrieben, dass die Bundesländer untereinander in Konkurrenz treten.

In diesem Kontext ist auch der zweite Diskussionsstrang der aktuellen bildungspolitischen Diskussion zu sehen, der Streit um den Föderalismus. Jetzt zeigt sich, dass ein zusammenwachsendes Europa, die Verlagerung der Kompetenzen auf die europäische Ebene zu einer Aushöhlung der Kompetenzen der Länder – ganz besonders der Landesparlamente – geführt hat. In den unterschiedlichsten Politikbereichen wird der Rahmen für politisches Handeln durch die europäischen Richtlinien vorgegeben. Deutschland ist zwar an dieser Richtlinienpolitik beteiligt, kann aber auf Grund der erforderlichen Rückkopplung mit den Bundesländern oftmals nicht so schnell entscheiden wie andere Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Auf Grund der weiter wachsenden Relevanz europäischer Entscheidungen pochen die Länder umso mehr auf ihre Hoheit im Kultur- und Bildungsbereich als Kern ihrer Eigenstaatlichkeit. Die Föderalismuskommission, bei der es darum ging, die Zahl der zustimmungspflichtigen Bundesgesetze zu reduzieren, um den Deutschen Bundestag wieder handlungsfähiger zu machen und im Gegenzug den Bundesländern mehr Spielräume für eigene Entscheidungskompetenzen zu geben, ist letztlich am Bildungsbereich gescheitert, weil die Bundesländer diesen Bereich allein für sich beanspruchen wollten. Dabei ging es nicht um gesamtstaatliche Verantwortung oder bessere Chancen für deutsche Schülerinnen und Schüler beziehungsweise Hochschulabsolventinnen und -absolventen im internationalen Vergleich, sondern allein um den Ausbau eines eigenen politischen Handlungsfeldes.

Die kulturelle Bildung ist von dieser Entwicklung in mehrfacher Hinsicht betroffen. Zum einen gehört sie, im Schnittfeld zwischen Kultur-, Bildungs- und Jugendpolitik angesiedelt, zu jenen Politikfeldern, die ein Zankapfel zwischen Bund und Ländern sind. Zum zweiten, und dieses ist vielleicht sogar noch bedrohlicher, haben es all jene Bildungsbereiche, die nicht direkt verwertbar sind, deren Nutzen nicht auf den ersten Blick erkennbar sind, in denen kein direkter Vergleich mit anderen Nationen gesucht wird, besonders schwer. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass in einigen Bereichen keine einheitlichen Berufsstandards existieren, was dazu führt, dass die erforderliche Professionalität angezweifelt wird. Auch ist nicht zu leugnen, dass das Nebeneinander von hauptamtlicher und ehrenamtlicher Kulturvermittlung sowie der zur Zeit sich abzeichnende vermehrte Einsatz von ehrenamtlich Aktiven in Ganztagsschulen die Frage nach der Professionalität kultureller Vermittlungsarbeit immer wieder provoziert. In diesem Zusammenhang wundert es nicht, dass von den Vertreterinnen und Vertretern der kulturellen Bildung verstärkt kulturferne Argumente angeführt werden, um kulturelle Bildung zu rechtfertigen. So steht aktuell die Neurowissenschaft hoch im Kurs, mit deren Hilfe belegt werden soll, dass dank kultureller Bildung die Entwicklung des Gehirns und des Denkens verbessert wird.

Argumente, dass Kunst und Kultur ein wesentlicher Bestandteil menschlichen Daseins sind, dass Kunst und Kultur über die unmittelbare Verwertbarkeit hinaus einen Wert für jeden Einzelnen und die Gesellschaft insgesamt haben, erscheinen schwach gegenüber dem – auch in der Bildungspolitik verbreiteten – Wettbewerbsargument. Kulturelle Bildung muss sich diesen Diskussionen stellen und kann, betrachtet man die Vielfalt an Angeboten kultureller Bildung, diese bestehen. Kulturelle Bildung bietet die Chance, den Diskurs um Teilhabe an der Gesellschaft erneut in den Fokus zu rücken. Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der Zuwanderung, eines zusammenwachsenden Europas wird es um so wichtiger, kulturelle Kompetenzen zu erwerben. Kulturelle Bildung ist dafür der Schlüssel. Das heißt, dass die Träger kultureller Bildung ihre gesellschaftliche Verantwortung noch stärker wahrnehmen und sich öffnen müssen. Eine so verstandene kulturelle Bildung kann der bildungspolitischen Diskussion wichtige Impulse geben. In der dritten Konzeption Kulturelle Bildung des Deutschen Kulturrats wird verdeutlicht, welches Potenzial in der kulturellen Bildung liegt. Es wird deutlich gemacht, dass der Stellenwert der kulturellen Bildung in der Bildungs-, Jugend- und Kulturpolitik gestärkt werden muss.

Der Deutsche Kulturrat wird in ausgewählten Handlungsfeldern Umsetzungsmöglichkeiten aufzeigen und hierbei besonders den Dialog mit den anderen Akteuren in der Bildungs- und Kulturpolitik suchen.

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