Ökologie der Mittel

Uraufführungen 2019/11


(nmz) -
Im Eröffnungskonzert des diesjährigen Beethovenfests Bonn bezeichnete der Ministerpräsident von Nord­rhein-Westfalen, Armin Laschet, ­Beethovens anschließend aufgeführte 6. Symphonie als „DIE Umweltsymphonie zur Bewahrung der Schöpfung“. Der Landesvater unterstrich die Aktualität des größten Sohnes der Stadt und zeigte sich zugleich als guter Christenmensch und CDU-Politiker besorgt um Gottes schöne Welt. Die Festrhetorik traf dennoch einen Kern der Musik.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

Denn die „Pastorale“ ist ein Gegenentwurf zum ungleichen Schwesterwerk der 5. Symphonie. Beide basieren auf mottoartig exponierten Kernmotiven. Doch anders als das markante Klopfmotiv des c-Moll-Werks, das einen gleichsam „schicksalhaft“ permanent vorandrängenden Prozess antreibt, bewirkt das tändelnde Hauptmotiv der F-Dur-Symphonie Verlangsamungen des harmonischen Flusses bis zum Stillstand. Statt verschwenderischer Wachstums-, Konsum- und Fortschrittslogik herrscht hier nachhaltiger Umgang mit kostbaren Ressourcen. Beethovens satztechnische Ökonomie der Mittel erscheint in einer Variante als Ökologie der Mittel, die auch eine andere Wahrnehmung erlaubt. Das Hören wird nicht überwältigt und mitgerissen, sondern darf gleichsam von der Leine gelassen in den leuchtenden Farb- und Klangflächen mitschwingen. Konträr hierzu verhielt sich freilich Beethovens berühmt-berüchtigte Akademie vom 22. Dezember 1808, wo neben beiden Symphonien auch das 4. Klavierkonzert, Teile der C-Dur-Messe und die „Chorfantasie“ uraufgeführt wurden. Hier tobte die Furie der Verschwendung, ohne Rücksicht auf kostbare Güter wie Kraft, Zeit, Aufmerksamkeit.

Gut zweihundert Jahre später geht es nun in Wien erneut um den Konflikt von Ökonomie und Ökologie. Die 32. Ausgabe von Wien Modern steht unter dem Thema „Wachstum“, dem Dauerbrenner von Politik, Wirtschaft, Demographie, Stadt- und Verkehrsplanung. Vom 28. Oktober bis 30. November gibt es musikalische Erkundungen von Extremen und dem richtigen Maß und Maßhalten. Angekündigt sind einhundert Veranstaltungen zwischen Maximalismus und Minimalismus mit Dauern zwischen zwanzig Minuten und fünfzehn Stunden. Obwohl es laut Veranstalter 20 Prozent weniger Veranstaltungen als 2018 gibt, protzt das Festival auch heuer mit großen Zahlen: 33 Spieltage, 24 Spielstätten in 12 Wiener Gemeindebezirken, 49 Produktionen, 29 österreichische Erstaufführungen sowie sage und schreibe 81 Uraufführungen, in Worten einundachtzig, so viele wie bei den einschlägigen Festivals in Donaueschingen, Witten, Stuttgart und Köln eines Jahrgangs zusammen.

Bereits 1972 hatte das internationale Expertengremium Club of Rome „Die „Grenzen des Wachstums“ aufgezeigt. Doch einstweilen hat die Weltgemeinschaft kaum Konsequenzen daraus gezogen. Und wie die Wirtschaft sind auch Kunst und Kultur – siehe Bernhard König „Monteverdi und der Klimawandel“ nmz 9/2019 – von der kapitalistischen Unternehmer-Logik beherrscht: „Wer nicht wächst, der stirbt!“ Dass dies auf Dauer nicht gut gehen kann, spricht sich langsam herum, wird aber immer noch zu wenig gehört. Daher gilt: Was an einem Menschen lebenslang wächst, sind einzig – und sollten es auch einzig bleiben – die Ohren!

Weitere Uraufführungen:

03.11.: Cécile Marti, Oscar Bianchi, Paweł Hendrich, Piotr Roemer, neue Orchesterwerke für Basel Sinfonietta, Dreispitzhalle Basel, und Karl Gottfried Brunotte, Totenglocke II für Elektronik und Orgel, Christus-Kirche Bad Homburg
06.11.: Nikolaus Brass, Echos mit Sibyllen für Schola Heidelberg und ensemble aisthesis, Heidelberg, sowie Wieviel Heimat braucht der Mensch? für Sprecher und Symphonieorchester Vorarlberg, Dornbirn
15.11.: Gerhard Stäbler, Kunsu Shim, neue Stücke für ensemble aventure, Elisabeth Schneider Stiftung Freiburg
28.11.: Prasqual, neues Stück für Asasello Quartett, Festival WERFT Alte Feuerwache Köln, und Gordon Kampe, neues Stück für Boulanger Trio, Feldtmann Kulturell Hamburg

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