Offen für alle Richtungen von Jazz und Pop

Verbreiterungsfach hat sich in Trossingen als Zweitfach etabliert


(nmz) -
Anstelle eines zweiten wissenschaftlichen Faches kann an der Hochschule für Musik Trossingen das Verbreiterungsfach Jazz- und Popularmusik mit den Säulen Kunst, Wissenschaft und Pädagogik studiert werden. Damit hat sich ein Studienbereich etabliert, der sich erst mühsam durchsetzen musste.

Anstelle eines zweiten wissenschaftlichen Faches kann an der Hochschule für Musik Trossingen das Verbreiterungsfach Jazz- und Popularmusik mit den Säulen Kunst, Wissenschaft und Pädagogik studiert werden. Damit hat sich ein Studienbereich etabliert, der sich erst mühsam durchsetzen musste.

In den 80er-Jahren, als Jazz oder Popmusik noch nicht als ernstzunehmende Genres in der Hochschulbildung gelten, gibt es eine Gruppe experimentierfreudiger, unerschrockener Musikpädagoginnen und -pädagogen. Sie lehnen sich dagegen auf, dass in der Ausbildung für das Gymnasiallehramt ausschließlich klassische, allenfalls noch neue Musik gehört, erlernt, betrachtet, analysiert und vermittelt wird. Jazz und vor allem Pop (inklusive sämtlicher Stilrichtungen des Rock) gelten als Unterhaltungsmusik. Schließlich gelingt es, das Kultusministerium davon zu überzeugen, Jazz als Zusatz zum klassischen Musikstudium zu ermöglichen. Das Verbreiterungsfach ist geboren – als Pilotprojekt zunächst. Denn noch überwog die Skepsis, ob bislang eher informell weitergegebene Musik auch methodisch und didaktisch nach formellen Kriterien vermittelt werden kann. An Musikhochschulen wurde Jazz- und Popmusik bislang kaum gelehrt.  

Schulmusik profitiert von Ausbildung in Jazz/Pop

Das Pilotprojekt entwickelt sich trotz aller Widerstände schnell. Die Studierenden mit Zusatzausbildung im Jazzbereich sind an den Schulen überaus beliebt und das Fach Schulmusik profitiert insgesamt. Neue Projekte blühen in den Schulen auf: Schulmusicals, Big Band, Jazzchor, Bandprojekte. Doch es dauert noch mehr als zwanzig Jahre, bis das Pilotprojekt zum Verbreiterungsfach Jazz aufgewertet und damit zum wissenschaftlichen Fach mit Beifachcharakter erhoben wird. Trossingen kann investieren: Zusätzlich zu den Fächern Big Band/Trompete, Klavier/Gehörbildung/Arrangement, Gesang und Vokalensemble kommen Lehrende für fast alle jazzspezifischen Instrumente. Nachdem sich die Big Band und Jazztrios bereits etabliert haben, formiert sich die erste Combo in erweiterter Besetzung mit Bläsern und Sängern. Erstmals finden Auftritte auch außerhalb der Hochschule statt (etwa beim Jazzclub Villingen). Highlight war viele Jahre die von Matthias Anton ins Leben gerufene Kooperation mit dem Bundesjazzorchester, das gemeinsam mit Trossinger Studierenden konzertierte.

2008 erhält die Jazz-Sängerin Anika Neipp die erste hauptamtliche Mittelbaustelle. Es entsteht eine eigene Abteilung. Raphael Lott erhält eine weitere hauptamtliche Stelle (Klavier), und mit Olaf Taranczewski und Christina Zenk kommen zwei halbe Professuren aus dem Landeszentrum (Producing, Musikwissenschaft) auch dem Verbreiterungsfach zugute. Konzerte werden sowohl von Studierenden als auch von Dozierenden im Südwesten Baden-Württembergs performed. Die Studierenden haben zahlreiche Möglichkeiten, ihre künstlerischen Fähigkeiten zu entwickeln und ihre Bühne zu finden. Direkten Einblick in den Schulalltag gewähren enge Kooperationen mit dem Musikgymnasium Trossingen und dem Lehrerseminar Rottweil unter der Leitung der Fachdidaktik-Dozenten Matthias Eschbach und Dr. Wolfgang Feucht.

Studierende stehen im Rampenlicht

Die Studierenden arbeiten so mit Schülerensembles, Schulchor, Schulbands bis hin zur Big Band. Doppelkonzerte der Big Band des Gymnasiums Trossingen und der Big Band der Musikhochschule Trossingen (Leitung Matthias Anton) sind Ausdruck der engen Kooperation.

Das Verbreiterungsfach Jazz/Pop ist längst den Kinderschuhen entwachsen. Was einst mit wenigen Lehrenden und Studierenden begann, entwickelt sich zur Erfolgsgeschichte mit nunmehr 31 Studierenden und 13 Lehrenden. Der Konzertbetrieb steigt, die Konzerte sind stets bis auf den letzten Platz gefüllt. Studierende aus Freiburg, Stuttgart, Mannheim und Karlsruhe finden sich im Verbreiterungsfach in Trossingen ein, um eine umfassende Bildung im Popbereich – nicht nur im künstlerischen Fach, sondern in vielen weiteren Disziplinen – zu erhalten.

Inzwischen hat sich das Verbreiterungsfach für alle Spielarten der Popmusik geöffnet: Sämtliche Genres und Musikstile von Jazz über Heavy Metal bis hin zu elektronischer Musik werden beleuchtet, analysiert und selbst musiziert. Mit dem Landeszentrum MUSIK-DESIGN-PERFORMANCE, dem Studiengang Musikdesign sowie der Abteilung „Medienkompetenz“ bieten sich für die Studierenden viele Möglichkeiten wie Producing, Beschallungstechnik, Medien, Musikwissenschaft Jazz/Pop, welche nun feste Bestandteile des Curriculums geworden sind. Den Fächerkanon ergänzen und bereichern Kooperationen mit dem MBS Studio in Villingen und der Hochschule Furtwangen (Prof. Matthias Reusch), Workshops mit Gastdozenten und interdisziplinäre Konzertformate wie Cookbook-Sessions, CVT Gesangsausbildung, Abelton-Live-Workshops, Music-LAB und Popchorleitung.

 

Gymnasiallehramt eng vernetzt für eine gute Studierbarkeit – Trossingen punktet mit flexiblen Lösungen und besonderen Angeboten in künstlerischer Praxis

Die Lehramtsstudiengänge Musik (Schulmusik) sind aus dem Trossinger Hochschulalltag nicht wegzudenken. Ihre mehr als 80 Studierenden bilden eine zentrale Säule für künstlerische Projekte - beispielsweise Chor, Bigband oder Orchester – und befördern auch aktuelle Entwicklungen etwa im Digitalbereich.

Das Studium gliedert sich in einen achtsemestrigen Bachelorstudiengang (Bachelor of Music) und einen viersemestrigen Masterstudiengang (Master of Education). In seiner polyvalenten Ausrichtung qualifiziert der Bachelorstudiengang einerseits für den Master Gymnasiallehramt, andererseits eröffnet er Perspektiven in künstlerischen Masterstudiengängen. Der Master of Education mündet in den Schuldienst am Gymnasium. Möglich ist auch eine Promotion in Musikpädagogik oder -wissenschaft (auch in Trossingen).

Durch die Kooperation mit den Universitäten Konstanz und Tübingen kann das Erstfach Musik mit zahlreichen Fächern der Universitäten kombiniert werden. Die enge Zusammenarbeit und individuelle Betreuung ermöglicht auch über die räumlichen Entfernungen hinweg einen guten Studienverlauf. Eine Alternative bildet das an der Musikhochschule Trossingen angebotene Verbreiterungsfach Jazz- und Popularmusik.

In der Überarbeitung des Lehramtstudiengangs im Modell 2020 wurden künstlerische Möglichkeiten und Wahlbereiche gestärkt. Beispielsweise sind der klassische Klavierunterricht stärker mit schulpraktischem Klavierspiel und Fachdidaktik vernetzt, die Wahlmöglichkeiten und Schwerpunktsetzungen der künstlerischen Praxis ebenso wie die Möglichkeiten zur Flexibilisierung des Studienverlaufs erweitert und Studieninhalte zu künstlerisch-praktischen Themen im Bereich Sprechen sowie Musik und Bewegung ausgebaut. Zudem wurde für alle Studierenden ein künstlerisch-praktisches Teilmodul Bandleading eingeführt.

In Kooperation mit dem Seminar für Ausbildung und Fortbildung der Lehrkräfte Rottweil (Gymnasium) werden praktische Anteile in Fachdidaktik und dem Orientierungspraktikum am Musikgymnasium Trossingen stärker in das Bachelorstudium integriert. Im Masterstudium wird in praxisbezogenen Seminaren daran angeknüpft. In das fachpraktische und fachdidaktische Studium werden Fähigkeiten aus den Bereichen schulpraktisches Klavierspiel, Chorleitung, Orchesterleitung oder Bandleading integriert.

Studienverläufe individuell gestaltbar

Zur Vielfalt trägt in besonderem Maß auch die Vernetzung mit dem Landeszentrum MUSIK-DESIGN-PERFORMANCE der Musikhochschule Trossingen bei. Die zahlreichen Möglichkeiten für Auftritte und Veranstaltungen am Standort Trossingen sowie zur Leitung von Chören oder Orchestern in der Region sind  im Umfeld der Schulmusik einzigartig.

Egal ob Wohnungssuche, Prüfungsvorbereitungen, Unterstützung bei Ensemble-Projekten oder Fahrgemeinschaften zur Universität: Die Trossinger Schulmusik-Studierenden arbeiten eng zusammen und engagieren sich auch für die Weiterentwicklung ihres Studiums. Darauf können sie zu Recht stolz sein. Wichtig ist allen Verantwortlichen eine gute Studierbarkeit durch individuell gestaltbare Studienverläufe, flexible Stundenpläne und direkte Ansprechpartner an der Musikhochschule sowie an den Universitäten.

 

Natürlich Trossingen – Interview mit Schulmusikerin Julia Rometsch, 1. Semester Master Gymnasiallehramt (Trompete)

Was war als Kind Ihr Traumberuf?
Lehrer werden. Tatsächlich schon immer!

Warum haben Sie sich für ein Schulmusikstudium in Trossingen entschieden?
Ich dachte, ich probiere das mit der Schulmusik, verlieren kann ich ja nichts. Ich kam am Tag der Aufnahmeprüfung hierher und andere Studenten saßen im Foyer, die haben sofort mit mir gesprochen und mich echt herzlich aufgenommen und mir gesagt, dass alle ganz nett sind in der Aufnahmeprüfung und wie cool es hier ist. Ich habe mich hier sofort wohlgefühlt und habe mich dann auch für das Studium in Trossingen entschieden.

Wie ist ein typischer Tag in Ihrem Studium?
(Lacht.) Aufstehen. In die Hochschule gehen. Viel Unterricht: Tonsatz, Einzelunterricht, am besten noch ein Musikpädagogik–Seminar… Dienstag ist bei mir so der typische Tag: Chor, Chorleitung, Ensemble, und abends dann noch in den eigenen Chor, den ich leite. Und zwischendurch sollte ich auch noch üben.

Das Schulmusikstudium ist sehr vielfältig. Welches sind Ihre Schwerpunkte?
Klar, das Erstinstrument ist einem schon sehr wichtig. Ich versuche aber, so viel wie möglich, so gut wie möglich zu machen. Ich versuche alles mitzunehmen und eine ausgewogene Mischung zu schaffen. Aber ja, Chor, Chorleitung und Gesang finde ich besonders interessant.

Was lernen Sie im Studium für das Leben?
Selbstorganisation und Struktur. Man muss sich selbst gut organisieren lernen, nicht verzetteln und einen guten Überblick behalten.

Künstler oder/ und Lehrer, wie sehen Sie sich?
Künstler und Lehrer. Wenn ich nur Lehrer wäre, würden ich die Kunst vernachlässigen. Ich muss Künstler sein, um Musik vermitteln zu können.

Woran erinnern Sie sich schon jetzt gerne in Ihrem Studium?
An vieles – besonders die coole Atmosphäre unter uns Schulmusikern. Wir haben viel zusammen gemacht: die von uns selbst organisierten Neujahrskonzerte, Chorphasen und Chorkonzerte.
Natürlich werde ich mich immer daran erinnern, dass wir hier im Foyer immer von den netten Damen an der Zentrale freundlich, mit einem Lächeln und mit Namen begrüßt werden. Das hat so was Familiäres, Behütetes. Und unseren grünen Teppich werde ich wohl auch nie vergessen.

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