Orchester gibt es nicht nur im Südwesten

Eine nmz-Umfrage zur Situation der ARD-Klangkörper


(nmz) -
SWR-Intendant Peter Boudgoust will aus Kostengründen das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart und das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg zusammenlegen. Seit dem Bekanntwerden der Pläne gibt es zahlreiche Proteste: Neben prominenten Komponisten und Musikern wie Wolfgang Rihm, Hans Zender und Sylvain Cambreling äußerten sich der Deutsche Musikrat, die Gesellschaft für Neue Musik, das Netzwerk Neue Musik, Studentenvertretungen aus ganz Deutschland, die Deutsche Orchestervereinigung, Orchestervorstände und Freundeskreise der Orchester oder auch Bürgerinitiativen wie die „Orchesterretter“.
Ein Artikel von (nmz-redaktion)

Der Grund für die Fusion liegt laut Intendant Boudgoust in notwendigen Einsparungen von bis zu 166 Millionen Euro in den nächsten Jahren. Zugrunde liegen senderinterne Prognosen zur Einnahmeentwicklung für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten nach der Gebührenreform.

Für die Redaktion der neuen musikzeitung lag es nahe, weitere Rundfunkanstalten, die eigene Klangkörper unterhalten, zu fragen, ob ebenfalls Sparpläne existieren. Denn die durch die Gebührenreform ausgelöste Einnahme-Entwicklung für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ab 2013 betrifft auch diese. Von sieben angeschriebenen Anstalten bzw. Klangkörpern antworteten vier wie folgt. 

Die vier Fragen

1. Stehen Einsparungen bei Ihren Orchestern/Chören/Big Bands an?

2. Gab es in jüngerer Zeit Stellenabbau bzw. steht welcher bevor?

3. Welche Rolle spielt die Gegenwartsmusik bei der Programmgestaltung Ihrer Orchester? (Welchen Anteil von UA spielen Sie pro Spielzeit?/ Wie viele Kompositionsaufträge vergeben Sie pro Spielzeit?)

4. Was sind weitere Schwerpunkte bei der Programmgestaltung (Repertoire, Vermittlungsprojekte, Education, CDs, Tourneen usw.)?

Bayerischer Rundfunk

1. Die Klangkörper des Bayerischen Rundfunks sind wie die Redaktionen an eine strenge Haushaltskontrolle gebunden und unterliegen den gleichen Auflagen: Seit 2009 sind beim BR die Etats eingefroren. Branchenübliche Kostensteigerungen müssen aufgefangen werden.

2. Es gab in jüngster Zeit bei den Klangkörpern keinen Stellenabbau. Ein solcher ist auch nicht vorgesehen.

3. Zur Gegenwartsmusik bei unseren Klangkörpern dürfen wir Sie auf das Programm unserer Konzertreihe „musica viva“ aufmerksam machen, die sich ausschließlich aus zeitgenössischer Musik zsuammensetzt. Außerdem empfehlen wir die Konzertprogramme aller BR-Klangkörper. Alle Links dazu finden Sie unter http://www.br.de/radio/br-klassik/i… – jeweils unter „Konzerte“.

4. Auch die Informationen zu unseren Schwerpunkten der jeweiligen Klangkörper entnehmen Sie bitte den entsprechenden Online-Seiten unserer Klangkörper.

Christian Nitsche, Pressesprecher, Bayerischer Rundfunk, Hauptabteilung Intendanz, Unternehmenskommunikation, Pressestelle

Mitteldeutscher Rundfunk

1. Der MDR muss in den nächsten vier Jahren ein strukturelles Defizit in zweistelliger Millionenhöhe zurückführen bzw. beseitigen. Obwohl sich MDR Sinfonieorchester, MDR Rundfunkchor und MDR Kinderchor größter Wertschätzung in der Geschäftsleitung des MDR, den MDR-Gremien und beim Publikum erfreuen, sind sie natürlich auch in diesen Prozess mit einbezogen und müssen ihren Teil zu den Sparvorgaben leisten.

2. 2002 wurden die zwei MDR-Orchester, die MDR Kammerphilharmonie und das MDR Sinfonieorchester, fusioniert. Ein Teil der zusammen 151 Musikerstellen wird seither sukzessiv und sozialverträglich abgebaut. 

3. Die Rolle der Gegenwartsmusik auf die Anzahl von Uraufführungen und Kompositionsaufträgen beschränken zu wollen, verkennt die Bedeutung der Neuen Musik für die Ensembles des Mitteldeutschen Rundfunks, die auch im wiederholten Spielen neuer und neuester Werke besteht. In der kommenden Spielzeit wird es acht Kompositionsaufträge und Uraufführungen beim MDR geben. Der Anteil der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts in den Konzerten der Ensembles beträgt 2012/13 mehr als 50 Prozent. 

4. Ein großer Schwerpunkt liegt auf Education-Projekten. Das Jugend-Musik-Netzwerk „Clara“ des Mitteldeutschen Rundfunks ergänzt Schulunterricht und privates/häusliches Musizieren und Singen, arbeitet mit Kindern im Vorschulbereich, Schülern und Studenten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Es gibt Kooperationen mit allen drei mitteldeutschen Musikhochschulen in nahezu allen relevanten Ausbildungsfächern. 

Alle drei Ensembles des MDR sind mit Konzerten in ganz Mitteldeutschland präsent, zum Teil in Kooperation mit örtlichen Veranstaltern und Ensembles. Sie bilden auch einen wichtigen Programmteil des MDR Musiksommers, der in allen Regionen der reichen Musiklandschaft Mitteldeutschlands Konzerte veranstaltet.  Eine wichtige Aufgabe sehen die Ensembles in der Entwicklung neuer Konzertformen und Programmideen, z.T. auch genreübergreifend in neuen Sende- und Programmformaten.

Johann Möller, MDR-Hörfunk­direktor

Hessischer Rundfunk

Zu Fragen 1.) und 2.): Die Klangkörper des Hessischen Rundfunks (hr) werden wie alle Betriebsteile und Programme einbezogen wenn es um Überlegungen geht, wie die finanziellen Herausforderungen der nächsten Jahre bewältigt werden können. Bislang sind aber keine Stellen abgebaut worden. Zu Fragen 3.) und 4.): Wir schicken Ihnen mit der Post die Saisonbroschüren beider Klangkörper der kommenden und der letzten beiden Saisons zu. Darin finden Sie alle benötigten Informationen. Wenn Sie darüber hinaus noch Fragen haben, wenden Sie sich bitte an Frau Schulz und Frau Schad. 

Tobias Häuser, Pressesprecher/Leiter Pressestelle

Saarländischer Rundfunk – Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern

1. Es sind derzeit keine wesentlichen Veränderungen vorgesehen.

2. Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern ist 2007 aus der Zusammenführung des Rundfunk-Sinfonieorchesters (RSO) des Saarländischen Rundfunks und des Rundfunkorchesters Kaiserlautern (SWR) hervorgegangen. Unverändert ist die Zielgröße der DRP mit 87 Stellen vorgegeben.

3. Traditionell spielt die zeitgenössische Musik beim SR eine wesentliche Rolle. Die maßgeblichen Veranstaltungen sind die im zweijährigen Rhythmus stattfindende Komponistenwerkstatt und die Konzerte im Rahmen der Reihe „Mouvements“ , die mit dem gleichnamigen wöchentlichen Format mit Neuer Musik im Programm von SR 2KulturRadio verbunden ist. In der Saison 2012/13 finden sechs Uraufführungen und insgesamt 14 Aufführungen mit zeitgenössischen Werken statt.

4. Das Orchester bietet mit „Klassik macht Schule“ an beiden Veranstaltungsorten ein umfangreiches Musikvermittlungsangebot an, das sich vom Musikkindergarten bis zu der Reihe „Musik für Junge Ohren“ (Schulkonzerte für jeweils 1.200 Schüler) erstreckt. Derzeit wird in Zusammenarbeit mit dem SR Fernsehen eine mehrteilige DVD-Reihe mit Meisterwerken der Klassik für den Musikunterricht in den Schulen erstellt. In Zusammenarbeit mit SR 2 KulturRadio und den „Freunden der DRP“ finden zu allen Saarbrücker Konzerten Einführungen statt. 

In Kaiserslautern werden Einführungen zu den Sinfoniekonzerten angeboten, die Konzerte im Rahmen von „Sonntags um 5“ und die Konzerte „A la Carte“ werden live moderiert.

Jährlich erscheinen fünf bis sieben Tonträger des Orchesters bei verschiedenen Labels (SWR music, cpo, Oehms etc). Hervorzuheben aus der jüngeren Vergangenheit sind zahlreiche CDs mit Werken zeitgenössischer Komponisten (Hosokawa, Skrowaczewski, Stockhausen, Widmann) und die komplette Ersteinspielung der Sinfonien von Théodore Gouvy (Komponist des 19. Jahrhunderts aus der Grenzregion Saarland/ Lothringen).

Im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten unternimmt das Orchester Tourneen: 2010: China, 2011: Japan, 2012: Südkorea.

Peter Meyer, Leiter der SR-Kommunikation; Unternehmenssprecher, Pressearbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Marketing, Interne Kommunikation

Ein Nachtrag zur nmz-Umfrage „ARD-Klangkörper“ in der Septemberausgabe

Nach ausführlicher Berichterstattung zum Thema Fusion der SWR-Orches-ter befragte die Redaktion der neuen musikzeitung sieben weitere Rundfunkanstalten, die eigene Klangkörper unterhalten, ob ebenfalls Sparpläne existieren. Denn die durch die Gebührenreform ausgelöste Einnahme-Entwicklung für die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ab 2013 betrifft auch diese. Durch ein Versehen erreichte uns die Antwort des WDR nicht. Wir drucken sie deshalb in dieser Ausgabe nachträglich ab. 

nmz: Stehen Einsparungen bei Ihren Orchestern/Chören/Big Bands an?

Uwe-Jens Lindner: Die mittelfristige Finanzplanung sieht für die nächsten Jahre keine Etatsteigerungen, aber auch keine Reduzierungen vor. 

nmz: Gab es in jüngerer Zeit Stellenabbau bzw. steht welcher bevor?

Lindner: Das WDR Sinfonieorchester wurde im Jahr 2010 um fünf Planstellen auf 113 Musiker verkleinert. Ansonsten ist kein Stellenabbau beabsichtigt.

nmz: Welche Rolle spielt die Gegenwartsmusik bei der Programmgestaltung Ihrer Orchester? 

Lindner: Die Gegenwartsmusik spielt eine relevante Rolle bei der Programmgestaltung unserer Orchester. Darüber hinaus vergibt der WDR regelmäßig Kompositionsaufträge und unterstützt verschiedene auf Gegenwartsmusik ausgerichtete Festivals. Einzelheiten entnehmen Sie bitte den Saisonbroschüren beziehungsweise dem Internet (http://www.wdr.de/radio/orchester/i…). 

nmz: Was sind weitere Schwerpunkte bei der Programmgestaltung (Repertoire, Vermittlungsprojekte, Education, CDs, Tourneen usw.)?

Lindner: Wir haben einen „Plan M“, das ist die Oberbezeichnung für unsere Musikvermittlungsprojekte, er bietet Projekte von ganz jung bis alt. Einzelheiten können Sie der Broschüre Plan M (die wir Ihnen gern auf dem Postweg zukommen lassen können, hierzu bitten wir um ein kurzes Sig-nal von Ihnen) oder auch dem Internet entnehmen.

Uwe-Jens Lindner ist zuständig für Presse und Programmkommunikation beim Westdeutschen Rundfunk

Dossier: 
SWR-Orchesterfusion

Ihr Artikel

Sehr geehrte NMZ, vielen Dank für diese sehr gute Initiative. Als interessierter Kulturbeobachter im Südwesten beobachte ich schon seit Jahren den schleichenden Abbau gerade im Orchesterbereich, der viel gefährlicher für die deutsche Orchesterlandschaft ist, als ein Paukenschlag bei einer Auflösung. Ich nenne hier nur mal einige Punkte, die dringend bundesweit zu einer Gesamtschauf durch die kritische NMZ zusammengeführt werden sollten: - Verlust von jeweils 10 Planstellen bei allen drei rheinland-pfälzischen Staatsorchestern. (Dort auch die Einführung der inneren Kooperation - d.h. pro Saison düsen die Kollegen bis zu 900 Mal zu Krankheits- Probenaushilfen und Orchesterverstärkungen zwischen Koblenz-Mainz-Ludwigshafen hin und her) - Dem Kurpfälzischen Kammerorchester in Mannheim wurde die gesamte Unterstützung aus Rheinland-Pfalz zusammengestrichen. Die Kollegen dort haben seit 10 Jahren keine Gehaltserhöhung erlebt und ein Teil der Planstellen wird erst gar nicht mehr besetzt. - Durch die Fusion von Rundfunkorchester Kaiserslautern und Rundfunkorchester Saarbrücken gingen unterm Strich ca 70 Planstellen verloren. Am Tag der Fusion waren es noch 157 Kollegen - in Zukunft dann nur noch 87. - In Trier steht das Stadttheater und damit auch das Orchester ziemlich im Regen. Die Stadt hat 700 Millionen Schulden, das Haus ist schlecht besucht und hat keinen großen Rückhalt mehr in Politik und Bevölkerung. Um in den Schuldenfond des Landes zu kommen, muss man die freiwilligen Ausgaben, in diesem Fall die Kultur, rigeros zusammenstreichen. - In der Badische Philharmonie Pforzheim sind bei weitem nicht mehr alle Planstellen besetzt - die Stadt hat in der Finanznot einfach einige gesperrt. - In Konstanz steht dem Orchester, laut diesem Zeitungsartikel, das Wasser ebenfalls bis zum Hals: http://www.suedkurier.de/region/kre… - Über die vom Landesrechnungshof bei den Stuttgarter Philharmonikern vorgeschlagenen Einsparungen haben Sie ja bereits in der NMZ sehr treffend berichtet. Soweit nur meine Einschätzung - der Blick reicht halt nicht über die gesamte Szene - aber dafür schätze ich ja gerade die NMZ S. Franz


Das könnte Sie auch interessieren: