Orientierung für Investoren auf unübersichtlichem Markt

Interview mit Brigitte Mohn über „Ohren auf!“, ein neues Projekt der Bertelsmann Stiftung


(nmz) -

„Ohren auf! Musik für junge Menschen“ heißt eine soeben von der Bertelsmann Stiftung herausgegebene Broschüre. „Orientierung für soziale Investoren“ soll eine neue Reihe bieten, deren erstes Heft sich mit musikalischer Bildung beschäftigt. In einer umfassenden Themenzusammenstellung werden potenzielle Sponsoren, Stifter und Geldgeber über die positiven Faktoren der musikalischen Förderung bei Kindern und Jugendlichen, über derzeitige Defizite in der staatlichen Förderung, über Fördermöglichkeiten informiert. Darüber hinaus präsentiert die Publikation elf Einzel-Organisationen aus dem großen Feld der musikalischen Bildung. Deren Arbeit hat die Stiftung nach einem aufwändigen mehrstufigen Auswahlverfahren als beispielhafte Handlungsansätze vorgestellt. Mit Brigitte Mohn, Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, hat sich Barbara Haack über das Projekt unterhalten.

Ein Artikel von Barbara Haack

neue musikzeitung: Welche Motivation hatte die Bertelsmann Stiftung, dieses Projekt zu initiieren?
Brigitte Mohn: Zentraler Anlass war, dass es sehr viele verschiedene Initiativen im dritten, also im gemeinnützigen Sektor gibt, die sich alle um ähnlich gelagerte Themen kümmern. Alle diese Ansätze und Förderzwecke sind wichtig und verdienen Unterstützung. Aber wir wissen gar nicht, wer diese Initiativen sind und wie gut und nachhaltig ihre Arbeit eigentlich ist, wie viel sie mit dem eingesetzten Geld bewegen. Wir wollten gerne eine Transparenz, einen Überblick schaffen über die vielen Initiativen. Unsere Frage war auch: Wie kann man denen helfen? Gerade auch den Kleinen, denn die Großen haben ja bereits einen Wettbewerbsvorteil als Marke im Markt.

Neutral: Investoren

nmz: Helfen wollen Sie, indem Sie diese Aktiven mit Sponsoren zusammenbringen?
Mohn: Richtig, wir nennen sie allerdings neutral Investoren. Wir wollen ja eher das Segment derer ansprechen, die ein bisschen mehr geben und auch wirklich investieren wollen in gesellschaftliche Probleme oder Anliegen. Ganz wichtig war auch die Frage: Wie kann sich ein Geldgeber konkret engagieren?

nmz: Welche Zielgruppen haben die soeben erschienene Broschüre erhalten?
Mohn: Das waren Förderstiftungen, Verbände und Vereine, die im Bereich Musik tätig sind, Banken, Steuerberater, Rechtsanwälte. Wir haben viele Bürgerstiftungen angeschrieben. Dann hatten wir den Deutschen Stiftungstag in München, dessen Teilnehmer die Broschüre erhalten haben. Und natürlich die Experten, die uns im Vorfeld beraten haben, sowie deren Multiplikatoren.

nmz: Gibt es schon eine Resonanz?
Mohn: Die erste Resonanz der Organisationen, die wir bewertet haben, war sehr positiv. Wir wissen aus den ersten Rückmeldungen auch, dass die Reports gemeinnützigen Organisationen nutzen und Anstöße für ihre eigene interne Qualitätsdiskussion geben. Es werden ja diejenigen dargestellt, die „alle Hürden überstanden haben“. Wahrscheinlich machen wir in zwei Jahren eine zweite Runde im Bereich Musik.

Musik für junge Menschen

nmz: Das Thema „Musik für junge Menschen“ ist das erste in einer Reihe, die das Engagement im dritten Sektor beleuchtet. Warum haben Sie gerade mit diesem Thema begonnen?
Mohn: Das ist noch ein relativ überschaubarer Markt. Wir haben im Vorfeld eine Expertengruppe gegründet, die das Fachwissen einbringt, wie man diesen „Markt“ prinzipiell beurteilen kann. Und die die zentralen Kriterien formulieren, nach denen man schauen muss. Musik begleitet die Menschheit schon seit frühester Kindheit. Es ist ein emotionales Thema und hat viele Facetten. Es gibt zum einen das Engagement in Chor- und Orchesteraktivitäten. Zum anderen wird Musik als Mittel zum Zweck eingesetzt bei Integrationsprojekten in der Stadtteilarbeit, in der Schule und in der Therapie.

Auswahlkriterien

nmz: Welches waren die Auswahlkriterien für die Organisationen, die in Ihrer Broschüre präsentiert werden?
Mohn: Wichtig ist zum Beispiel die Frage: Wie sind die Gremien aufgestellt? Gibt es so etwas wie einen Beirat oder ein Kontrollgremium? Wie ist das Finanzierungskonzept? Gibt es jemanden, der die Arbeit überprüft? Wie langlebig ist die Finanzplanung? Wie hoch ist das Eigenkapital, wie hoch das Fremdkapital? Sind die Organisationen längerfristig finanziert? Welche Visionen haben sie? Wie haben sie ihre Strategie danach aufgestellt? Und was bedeutet das im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit? Arbeiten sie viel mit ehrenamtlichen oder hauptamtlichen Mitarbeitern? Haben sie eine Bedarfs- oder Umfeldanalyse gemacht? Wie gut sind sie auf dem Markt verankert? Was wissen sie über ihr eigenes Themenumfeld? Wird die Wirkung, die sie durch das Geld, das sie zur Verfügung gestellt bekommen,  erzielen, in irgendeiner Form gemessen? Das hängt auch mit der Frage zusammen, wie lernfähig diese Organisationen sind. Sind sie fähig und bereit zu einer Professionalisierung in ihrem Organisationsrahmen?

nmz: Wird das Projekt evaluiert und wenn ja: Wie und wann?
Mohn: Mit einem Abstand von circa einem Jahr werden wir noch einmal eine Runde machen mit denjenigen, die im Verteiler waren, um zu gucken: Wie viele haben sich daraufhin konkret gemeldet? Hat es wirklich für die Investoren einen Unterschied gemacht, dass sie die Broschüre hatten? Inwieweit haben die Initiativen durch das Verfahren Anstöße für sich selber bekommen? Uns interessiert auch die Einschätzung der porträtierten Organisationen, inwieweit es für sie von Nutzen für ihre Öffentlichkeitsarbeit ist.

Austausch auf Augenhöhe

nmz: Sie präsentieren sehr ausführlich verschiedene Aspekte der musikalischen Bildung und damit verbunden die Notwendigkeit, hier tätig zu werden. Es wird also die Frage beantwortet: „Was können Sponsoren, Stifter et cetera für die musikalische Bildung tun?“ Sponsoring ist aber ein Austausch auf Augenhöhe. In der Broschüre steht nicht viel darüber, was denn die Kulturorganisationen für die Sponsoren tun oder bewirken können. 
Mohn: Wir haben darauf keinen konkreten Wert gelegt. Der Markt ist ja noch relativ jung. Wenn wir sagen würden, die Organisationen müssen zum Beispiel einen Businessplan abliefern oder einen Geschäftsbericht oder Ähnliches: Das können die kleinen Organisationen nicht. Vielen der Sponsoren reicht es, wenn sie wissen, wie sich die Projekte entwickeln. Was passiert mit dem Geld? Wie ist der Fortschritt? Welche Wirkungen werden erreicht? Aber das können wir den Organisationen nur empfehlen.

nmz: Welche Kriterien gibt es aus Ihrer Sicht, die man anwenden kann, um festzustellen, dass eine bestimmte Einrichtung zum potenziellen Sponsor, zu seiner Unternehmensphilosophie oder -kultur „passt“?
Mohn: Aus den vielen Jahren, die wir uns in unserem Haus unter anderem mit der Stifterstudie beschäftigt haben, wissen wir: Man kann das nicht über einen Kamm scheren. Jeder ist da ein bisschen anders. Spender oder Geldgeber verhalten sich oft werteorientiert. Wenn jemand zum Beispiel sehr religiös geprägt ist oder jemand viele Jahre eine enge Bindung an Kunst hatte, dann orientiert er sich auch danach. Es gibt bestimmte Kriterien, die man abfragen kann. Aber man benötigt ausführliche Gespräche, um Grundbedürfnisse und Ziele eines Unternehmers herauszufinden.

nmz: Im Report wird zu Recht bemängelt, dass es mit der musikalischen Bildung in Deutschland nicht zum Besten steht: fehlender Musikunterricht in den Schulen, die finanzielle Ausstattung der Musikschulen ist unzureichend, mit der Folge eines hohen Eigenanteils der einzelnen Schüler. Inwieweit können und sollen private Spender und Sponsoren die Aufgabe der öffentlichen Hand in diesem Bereich kompensieren?
Mohn: Gar nicht! Das kann nicht kompensiert werden, das ist eine staatliche Aufgabe. Es ist in der Tat eine Frage, wie sich der Staat da aufstellen wird, auch bei der Frage: Wie vermitteln wir das jungen Menschen, wie kommen wir an Zielgruppen, die nicht vom Mittelstand geprägt sind, sondern eher zu den sozial schwachen Einkommensgruppen gehören? Da können natürlich public-private-partnership-Konstruktionen eine sehr sinnvolle Ergänzung sein. Aber nie ein Substitut!

nmz: Oft unterstützen Sponsoren gerne Projekte, die einen hohen Aufmerksamkeitseffekt, eine besondere emotionale Anziehungskraft haben. In Ihrem Report wird als Beispiel das Berliner Projekt „Rythm is it!“ genannt. Das wirkt nach außen, das ist toll, da kann sich der Sponsor mit schmücken. Das reicht aber nicht für eine gute musikalische Grundlage und Entwicklung. Besteht nicht die Gefahr, dass hinter solchen spektakulären Dingen die kontinuierliche und weniger öffentlichkeitswirksame pädagogische Grundlagenarbeit auf der Strecke bleibt?
Mohn: Um erst einmal die Aufmerksamkeit für diese Themen zu wecken, gerade auch für alles, was unter dem öffentlichen Radarschirm der Medien läuft, weil es vielleicht nicht so spektakulär ist, halte ich solche Events für extrem wichtig. Gerade die musikalische Förderung oder Kulturförderung für junge Menschen und Kinder ist ja kein großes Thema in Deutschland. Wenn wir Events haben, die auf solche Themen hinweisen, dann ist das ein erster Stein, der ins Wasser geworfen wird. Aufgabe der Gesellschaft und Gemeinschaft ist es dann zu sagen: Klar reicht das nicht. Das ist nur der Anfang und noch nichts Kontinuierliches. Zu überlegen, „wie kann ich Strukturen herstellen oder Rahmenbedingungen schaffen, dass sich langfristige Initiativen auch überregional und flächendeckend entwickeln können, und dann langfristig eine Wirkung entfalten“, das wird in der Tat eine große Aufgabe sein. Ein Teil dessen muss die Frage sein: Was bedeutet eine ganzheitliche Bildung für junge Menschen? Und da gehört Kunst und Kultur und Musik dazu.

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