Parkeriana

Jazzneuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Die Langzeit-Wirkung von Charlie Parker (1920-1955), Jazz-Revolutionär, Sax-Virtuose und unvergessenes Idol einer Ära, ist bis jetzt nicht abgeflaut. Konträr gilt offenbar mehr denn je, gerade zum Gedenken an den 100. Geburtstag: „Bird is the word“.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

So meint Pianist Ethan Iverson in seinem Geleitwort zu einer speziellen Edition, nämlich „Charlie Parker – The Mercury & Clef 10-Inch LP Collection“ (Verve, Universal), das sind Midi-Vinyls (zwischen 7-Inch Single und 12-Inch „Normal“-LP) mit ca. 10 Minuten Spieldauer pro Seite. Fünf Original-Repros schmücken die vom Fauvismus und Dadaismus inspirierten Covers des US-amerikanischen Künstlers David Stone Martin und bieten Repertoire-Klassiker, deren Aufnahmen von Impresario Norman Granz persönlich betreut worden waren. Im einzelnen: die beiden Volumes „With Strings“(1949 / 50), eine seltsame Konfrontation von quecksilbrigem Sax und schmeichelndem Kammerensemble; „Bird & Diz“ (1949), einige pyrotechnische Hipster-Soli im Septett / Quintett; „South of the Border“ (1951), kubanische Rhythmik und lässige Sax-Parlandi sowie „C. P.“ (1952), dessen Cantus, markant im Vordergrund, komplexen Bird-Bebop in verschiedenen Quartetten (u.a. mit Hank Jones und Max Roach) vorstellt. Eine exquisite Box mit allen notwendigen diskographischen Angaben und nostalgischer Optik, sodass wie damals ein Gefühl des Aufbruchs entsteht.

An solcher „Parker’s Mood“ (Prophone 263, Naxos) orientiert sich auch das Q (= Quartet) des schwedischen Bassisten Hans Backenroth, indem Klas Lindquist diesem Blues herbes Alto-Flair gibt. Aber: keinesfalls reproduziert oder gar imitiert diese Band den Parker-Sound, vielmehr öffnen die Eigenarrangements subjektive Spektren. So, dass Hans Backenroth und Schlagzeuger Karl-Henrik Ousbäck das Intro zu „Au Privave“ rahmen, unisono im Thema gefolgt von Klas Lindquist und Gitarrist Erik Söderlind. Letztgenannter intoniert im Bass-Duo alternierend die „Yardbird Suite“, sanft dagegen der Bass- / Klarinette-Dialog bei „Embraceable You“ (Gershwin). Oft ist der Bass so exponiert, dass Hans Backenroth sowohl pizzicato als auch con arco verblüffende Improvs zeigt - in toto respektable Aneignungen empathischer Musiker.

Im Großformat wagt sich die Bohuslän Big Band (an der Westküste Schwedens zu Hause) „Chasin’ the Bird – A Tribute to Charlie Parker“ (Prophone 260, Naxos), und zwar zum einen durch Arrangements vom erwähnten Klas Lindquist, die kompakt „Confirmation“ paraphrasieren und Gelegenheit etwa für Tenorsax-Soli vorbereiten. Etwas exzentrischer ist „Parker’s Mood“ wegen metallischer Einzel-Perkussion zu Beginn und die Timbres, die Peter Jensen, Posaunist aus Dänemark, für „My Little Suede Shoes“ verwendet hat – polyphone Linien und unorthodoxe instrumentale Kombinationen, so eine Bassklarinette auf „Barbados“. Ebenso Maria Schneider, sie hat das „Hot House“ (von Tadd Dameron) mit Querakkorden zusätzlich erhitzt. Diese Augmentationen sind nicht nur dynamisch, sondern insbesondere durch vertikale Raffinesse hörenswert, wie überhaupt diese und auch andere Parkeriana eine erhebliche Nachreife seines Stils erkennen lassen.

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