Personalia 2011/06


(nmz) -
Zum Tode des Cellisten Bernard Greenhouse – Zum Tod des Komponisten Wilhelm Dieter Siebert – Auf dem Weg nach oben: Drei Siemens-Musikpreisträger von morgen
Ein Artikel von nmz-red

Große Kunst ist einfach
Zum Tode des Cellisten Bernard Greenhouse

Seinen Schülern gab er scheinbar schlichte Ratschläge: „Make it simple“, sagte er gern. Oder auch: „Make it interesting“. Dahinter verbarg sich so etwas wie eine Philosophie der musikalischen Interpretation, die Bernard Greenhouse zu einem großen Cellisten und einem hervorragenden Lehrer werden ließ.  Große Kunst bedarf keiner aufgesetzten Mätzchen (Make it simple), man muss aber ihre Sprache zu Leben erwecken, in der Musik das hervorkehren, was hinter den Noten verborgen liegt (Make it interesting). Bernard Greenhouse, 1916 in Newark, New Jersey, geboren, ist bei uns vor allem als Mitbegründer des legendären Beaux Arts Trios bekannt geworden, zusammen mit dem Geiger Daniel Guilet und dem Pianisten Menahem Pressler. Wer ihre Konzerte in den 50er- und 60er-Jahren live erlebte, bewunderte die innere Gelassenheit des Musizierens, die Lebendigkeit der Artikulation und des Ausdrucks, die gestische Agilität. Beet­hovens Trio-Kompositionen bildeten dabei das Zentrum eines umfangreichen Repertoires. Die Aufnahmen mit dem Beaux Arts Trio besitzen heute Kultstatus. Noch in den letzten Jahren seines Lebens kam Bernard Greenhouse oft nach Kronberg am Taunus, der „Hauptstadt des Cellos“, wie Kollege Rostropowitsch das Städtchen einmal nannte, nachdem die Kronberg Academy sich dort etabliert hatte. Wer Bernard Greenhouse hier als Lehrer und oft auch als Interpret noch erlebte, wird nicht vergessen, wie „Große Musik“ entsteht: „Make ist simple“ und „Make it interesting“. Jetzt ist Bernard Greenhouse im Alter von 95 Jahren in seinem Haus in Cape Cod/Massachusetts gestorben. [gr]

Die Titanic auf der Opernbühne
Zum Tod des Komponisten Wilhelm Dieter Siebert

Trivialmythen hat Wilhelm Dieter Siebert (Foto: privat) gern aufgegriffen. So schrieb er 1969 ein „James Bond Oratorium“, das er als „akustisch-optische Meditation über die Lust und die Herrlichkeit zu töten“ bezeichnete. Frankensteins Monster aus Horrorfilmen übertrug er in seiner Multi-Media-Oper „Frankenstein, der neue Arbeitnehmer“ (1974) auf den Alltag. Anders als Vertreter der Pop Art beließ es Siebert nicht beim Zitieren von Elementen der Massenkultur. Als kritischer Realist beleuchtete er in seinen Werken vielmehr deren soziale Funktion.

Die Jugend des am 22. Oktober 1931 in Berlin geborenen Komponisten war geprägt durch NS-Zeit und Krieg. Als Jazzmusiker rebellierte er gegen die Elterngeneration, er wollte zuerst Klarinettist werden, bevor er 30-jährig mit dem Komponieren begann. Dazu studierte Siebert bei Josef Rufer in Berlin und bei Wolfgang Fortner in Freiburg. Zusammen mit Karl Heinz Wahren und Gerald Humel, zwei Mitstudenten in Rufers Zwölftonklasse, gründete er 1965 die Gruppe Neue Musik Berlin, welche die Avantgarde aus ihrer Isolation herausführen wollte. Dies geschah beispielsweise durch neue Konzertformen und durch Annäherungen an Theater, Dichtung, Film und Malerei.  Sein Stück „Der Untergang der Titanic“ für Solo-Violine und Schlagzeug, das 1971 zum ersten Mal bei diesen Konzerten erklang, wurde zur Keimzelle für die gleichnamige Oper, die Siebert seine größten Erfolge bescherte. In diesem Werk, das ab 1979 sieben Jahre lang auf dem Spielplan der Deutschen Oper Berlin stand und auch in anderen Städten nachge­spielt wurde, erweiterte sich das Opernhaus zum Ozeanriesen und das Publikum zum Stamm der Mitwirkenden. Auch in Zeiten der Neoromantik blieb er ein kritischer Realist von entschiedenem Praxis- und Gegenwartsbezug. Die Neigung zum Gegen-den-Strich-Bürsten von vertrauten Genres verbindet ihn mit Mauricio Kagel. Wie dieser schuf sich Siebert seine eigenen, teilweise happeningartigen Veranstaltungsformen. In der sparsamen Besetzung seiner Bühnenwerke „Meister Kater“ (Frankfurt/Oder 1994) oder „The Bankers Opera“ (Düsseldorf 1998) berücksichtigte er die Möglichkeiten kleiner Häuser. Mehrfach setzte sich Siebert mit der Kriegsgefahr auseinander. Geschah dies 1991 in seiner Missa Apokalypsis „Der Pilot von Hiroshima“ noch konkret dokumentarisch, so in „Die Totenfidel“ für Viola und Streichorchester (2000) oder im „Choral auf das Ende der Kriege“ für Violine und Orchester (2004) zeitlos konzertant. Seinem wohl letzten Werk legte Wilhelm Dieter Siebert 2009 das Oscar Wilde-Märchen „Die Nachtigall und die Rose“ zugrunde. Am 19. April ist er in Berlin gestorben. [Albrecht Dümling]

Auf dem Weg nach oben: Drei Siemens-Musikpreisträger von morgen

Zum alljährlichen Ritual der Überreichung des Siemens-Musikpreises, in diesem Jahr an den Komponisten Aribert Reimann (siehe nmz 3/2011), gehört auch die Auszeichnung von drei jungen Komponisten mit Förderpreisen zu je 50.000 Euro. Bei der Feierstunde im Münchner Cuvilliés-Theater konnten Hans Thomalla, Hèctor Parra und Steven Daverson ihre Förderpreise aus der Hand des Vorsitzenden des Kuratoriums der Ernst von Siemens Musikstiftung, Thomas von Angyan, entgegennehmen. Alle drei Komponisten hatten zu dem Anlass im Auftrag der Siemens Musikstiftung kurze Werke geschrieben, die von Mitgliedern des ensemble recherche sowie vom Xasax Saxophonquartett (Thomalla) mustergültig aus der Musik-Taufe gehoben wurden. Die Sängerin Anna Prohaska, Jörg Widmann und Axel Bauni vereinigten sich zu einer eindringlichen Wiedergabe von Aribert Reimanns „…ni una sombra“ (2006) für Sopran, Klarinette und Klavier auf ein Gedicht Friedrich Rückerts. Der Musikkritiker Stephan Mösch hielt die bewegte, sehr persönliche Laudatio auf Aribert Reimann. [gr]

Ähnliche Artikel