Personalia 2013/11


(nmz) -
Tiefer Blick in psychische Dispositionen: zum Tod von Patrice Chéreau +++ Feltrinelli-Preis für Fabio Nieder +++ Bernd Neumann steht nicht mehr zur Verfügung +++ Projektstipendien und Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis 2013 der Stadt München +++
Ein Artikel von Andreas Kolb, Gerhard Rohde, Ralf Dombrowski

Unsterbliche Kunst eines großen Regisseurs – Tiefer Blick in psychische Dispositionen: zum Tod von Patrice Chéreau

In Deutschland wird sein Name noch lange in leuchtender Erinnerung bleiben: Auf Patrice Chéreau fiel die Entscheidung Wolfgang Wagners, als es galt, für den sogenannten „Jubiläums-Ring“ anno 1976 in Bayreuth einen dem hundertjährigen Anlass der ersten „Ring des Nibelungen“-Aufführung bei den Bayreuther Festspielen würdigen Regisseur zu finden. Chéreau, in seiner Heimat Frankreich schon als Theater-und Filmregisseur eine feste Größe, in Deutschland weitgehend unbekannt und überhaupt als Operninszenator kaum erfahren, nahm die Herausforderung an, auch, weil der Dirigent Pierre Boulez hieß, der Chéreau empfohlen hatte. Zwei Franzosen (im Bild li. Boulez, re. Chéreau) im deutschen Wagner-Heiligtum, das war für Alt-Wagnerianer zu viel neues Europa: die Tumulte im ersten und auch noch im zweiten „Ring“-Jahr mündeten aber vom dritten Festspieldurchlauf an in einhelligen Jubel, und bei der allerletzten „Götterdämmerung“ anno 1980 währte der finale Jubel mehr als eine Stunde, kaum ein Festspielenthusiast verließ vorher das Haus.

Glücklicherweise existiert von Chéreaus „Ring“ ein Filmdokument, das Brian Large damals kongenial aufgezeichnet hat. Auch da kann man erkennen, was Patrice Chéreaus Regiekunst auszeichnete: die dichte Verzahnung von szenischen Aktionen mit der Musik – Chéreau verfolgte damals bei den Orchesterproben genau die mitgebrachte Partitur, die präzise Sängerführung, Gesten, Gebärden, Bewegungen genau auf die jeweilige dramatische Situation bezogen, darüber hinaus aber zugleich die individuelle Ausdeutung der Geschehnisse in der Handlung. Chéreaus „Ring“-Darstellung öffnete zahlreiche Perspektiven: die breiten historischen Entwicklungen des neunzehnten Jahrhunderts ebenso, wie die daraus erwachsenen Verwicklungen und Konflikte. Hakenkreuze wie bei anderen Regisseuren sah man nicht, man konnte aber in einigen Figurenzeichnungen sehen, wohin alles einmal führen sollte.

Chéreaus Sicht auf den „Ring“ beschränkte sich nicht auf geschichtliche, politische und gesellschaftliche Bezüge im „Ring“, er blieb auch dem vielzitierten Mythos nichts schuldig: wenn Brünnhilde Siegmund in der „Todverkündung“ langsam dessen nackten Oberkörper in ein weißes Sterbetuch einhüllt, dann öffnet sich im feierlichen Ritual der Blick in fernste mythische Zeiten.
Nach dem „Bayreuth-Ring“ inszenierte Chéreau weitere wichtige Werke des Musiktheaters: In Paris die von Friedrich Cerha komplettierte Fassung von Alban Bergs Oper „Lulu“, wieder mit Boulez am Pult; in Salzburg Mozarts „Don Giovanni“, Bergs „Wozzeck“ im Pariser Châtelet-Theater, beim Festival Aix-en-Provence Janáceks „Totenhaus“, Mozarts „Così fan tutte“ und in diesem Sommer die „Elektra“ von Richard Strauss. Es waren nie irgendwelche Aktualisierungen, wie sie heute in vielen Aufführungen zur Mode verkommen sind. Chéreaus Tiefenblick drang immer in die Figuren selbst ein, offenbarte deren psychische Dispositionen, aus denen dann alle Konflikte erwuchsen. Das war oft von einer schmerzenden Genauigkeit, Sigmund Freud stand als Berater im Hintergrund, aber auch ein Seelenkenner aus dem achtzehnten Jahrhundert: Marivaux, der schon damals wusste, dass man mit der Liebe nicht spielt. Jetzt ist Patrice Chéreau im Alter von 68 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Seine wunderbaren Filme, die Aufzeichnungen seiner Theater- und Operninszenierungen werden uns noch lange an die Kunst eines großen Regisseurs erinnern. [Gerhard Rohde]

Feltrinelli-Preis für Fabio Nieder

Der Komponist Fabio Nieder erhielt den mit 65.000 Euro dotierten „Premio Feltrinelli“-Preis der Accademia dei Lincei in Rom für sein musikalisches Werk. Der Antonio-Feltrinelli-Preis gilt als höchster italienischer Wissenschafts- und Kulturpreis. Fabio Nieder, der in Triest geboren wurde, hat die doppelte deutsch-italienische Staatsangehörigkeit und lebt seit etwa 20 Jahren in Deutschland. Er ist Komponist, Pianist und Dirigent. Fabio Nieder studierte Komposition und Klavier am Konservatorium in Triest. Er hat eine Vielzahl an Werken der Neuen Musik komponiert die auch bei den wichtigsten Festivals, Theatern und Konzerthäusern gespielt werden, wie zum Beispiel bei den Berliner Festwochen, den Wittener Tagen für neue Kammermusik oder in der Berliner Philharmonie. Als Dozent gibt er sein kompositorisches Wissen weiter, unter anderem am Konservatorium in Amsterdam und Triest.

Bernd Neumann steht nicht mehr zur Verfügung

Bernd Neumann steht als Kulturstaatsminister nicht mehr für eine neue Legislaturperiode zur Verfügung. Er wolle sich neuen Aufgaben widmen, erklärte er anlässlich der Konstituierung des 18. Deutschen Bundestages am 22. Oktober.

Bernd Neumann wurde am 6. Januar 1942 geboren und war drei Jahre alt, als seine Eltern 1945 mit einem Flüchtlingstreck aus Westpreußen nach Bergen in die Lüneburger Heide kamen, wo sie sich den Lebensunterhalt zunächst in der Landwirtschaft verdienten. Neumanns Vater war Schiffsbautechniker auf einer Werft in Elbing gewesen und als sich 1953 die Möglichkeit bot, bei der Bremer Vulkan anzufangen, zog die Familie in die Hansestadt. Damals war Neumann elf Jahre – Bremen blieb seine Heimatstadt bis heute, wo er sich, wenn es der Terminkalender erlaubt, jeden Samstagvormittag beim Fußballspielen im Freundeskreis des SV Werder entspannt.

Eine entscheidende Begegnung des jungen Neumann mit den Künsten geht auf seine Schulzeit zurück. Am Gerhard-Rohlfs-Gymnasium in Vegesack gründete er eine Film AG und noch heute steht ihm die die Vorführung des Filmklassikers „Wir sind alle Mörder“ von André Cayatte lebendig vor Augen. „Der Film hat mich dann immer begleitet, auch als ich in die Politik kam. Von Bremen weg in den Bundestag habe ich dann den Filmbereich übernommen und war dreimal drei Jahre in der Jury zur Vergabe von Drehbuchförderung. Ich las in der Zeit etwa 1.000 Drehbücher und war der einzige aus der Politik in diesen Gremien. Damals lernte ich die ganzen Filmcracks und Schauspieler kennen.“

Im politischen Berlin galt Neumann als „Weltmeister in Haushaltserhöhungen“, und das in einer Zeit, in der die Grenzen des Wachstums sich sowohl in der Ökonomie als auch in der Ökologie dramatisch abzeichnen. Dazu Neumann: „Gerade in Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise, kann die Antwort nicht lauten, in den Kulturhaushalten zu streichen. Sie muss heißen: Nicht Theater sterben lassen, sondern lieber eins bauen!“  [ak]

Von Tunneln, Tönen und einem Mixturtrautonium – Projektstipendien und Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreis 2013 der Stadt München

Er spiele zeitgenössische Musik, meinte Oliver Klenk, weil sie letztlich mehr mit seinem Leben zu tun habe als Mozart oder Haydn. Dann griff der Klarinettist zu seinem Instrument und präsentierte dem Publikum im Münchner i-camp ein beeindruckend essentielles Solo-Stück der finnischen Komponistin Kaija Saariaho. Es war eine der vier musikalischen Eckpunkte der Preisverleihung der Projektstipendien Junge Kunst/Junge Medien für Bildende Kunst und Musik, der Stipendien für Bildende Kunst und Musik und der Leonhard und Ida Wolf-Gedächtnispreise für Bildende Kunst und Musik, mit der die Landeshauptstadt München das junge kulturelle Leben der Stadt fördert. Neben Klenk stellte Peter Pichler rätselhafte Klänge Paul Hindemiths am Mixturtrautonium vor (siehe Bild). Das Duo Sebastian Schwab und Johanna Krumin widmete sich mit Klavier und Stimme Bearbeitungen von Liedern des Griechen Mikis Theodorakis und der Gitarrist Dieter Dolezel stimmte seine „sandbox“ im Dialog mit dem Cellisten Hanni Simons an - ebenso vielfarbige wie faszinierende musikalische Momentaufnahmen aus der kreativen Szene Münchens.

Insgesamt wurden am Dienstagabend 78.000 Euro Preisgeld für laufende und künftige Projekte vergeben. Neben Dolezel, Klenk, Pichler und Schwab wurden außerdem Angela Stiegler für ihre Experimente mit virtuellen Doppelgängern, Esther Rutenfranz für die Gestaltung des historisch-zeichnerischen Projekts „Parallelebenen“, Ulrich Gebert für die fotografische Erkundung von Steinstrukturen, das Team Ralf Homann und Manuela Unverdorben für ihre ästhetische Erforschung der Popkultur „Leichte Prise Freiheit“, Peter Weiss für seine weltumgreifende Rauminstallation „Die andere Seite“, Ninah Devecioglu für ihr interkulturelles Konzertvorhaben mit dem amerikanischen Komponisten Jeffrey Lependorf und Anita Edenhofer für ihr dem Lichteinfall in Tunneln nachempfundenes Multimediaprojekt „Beyond Surface“ ausgezeichnet. Stadtdirektor Anton Biebl überrreichte in Vertretung des Kulturreferenten Hans-Georg Küppers die Urkunden, abgerundet wurde die Veranstaltung durch ein Grußwort des Stadtrates Marian Offman, der betonte, wie zentral die junge Kultur für die Identität einer Metropole wie München sei, weshalb ihre Förderung auch zu den wichtigen Maßnahmen gelungener Kulturpolitik gehöre. [Text und Foto: Ralf Dombrowski]

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