Planen, Organisieren und Musizieren

Lernprozesse beim Brahms-Festival an der Musikhochschule Lübeck


(nmz) -
Musikpraxis ist unabdingbar für professionelles Niveau. Wie nun, wenn der Studienbetrieb für eine gewisse Zeit auf ein besonderes Ereignis hin ausgerichtet wird? Mit dem Brahms-Festival schert die Musikhochschule Lübeck (MHL) jedes Jahr aus ihrer Routine aus und gestattet internem und externem Publikum zu erleben, wie Lehrende und Lernende eigene Programme gemeinschaftlich konzipieren und präsentieren.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Geschichte

Nachdem die private Sammlung des Ehepaares Prof. Renate und Prof. Kurt Hofmann vom Land Schleswig-Holstein erworben und 1991 mit der Gründung des Brahms-Instituts an die MHL angegliedert wurde, regte der damalige MHL-Rektor Prof. Friedhelm Döhl (1936-2018) die Gründung eines Brahms-Fes­tivals an, das diese neue Institution und Forschung künftig würdigen sollte. Absicht war es, in dieser Konstellation ein Forum für Konzerte Dozierender zu etablieren, so erinnert sich der Pianist Konrad Elser, der zu den Interpreten der ersten Stunde gehört. Die Idee und erst recht deren Durchführung entfalteten nachhaltig eine integrative Wirkung nach innen und nach außen. Seitdem wurden die Veranstaltungen mit wachsendem Interesse besucht, ja es etablierte sich eine regelrechte Fangemeinde. Reaktionen anderer Musikhochschulen reichten von Erstaunen bis hin zur Bewunderung. Stille, an künstlerischen Hochschulen durchaus existierende Rivalitäten, nivellierten sich in der gemeinsamen Praxis. Vielmehr entstand durch das Brahms-Festival an der MHL eine verstärkte Wir-Identität.

Ein neues Miteinander

Nicht nur bei den Dozierenden, sondern auch bei den Studierenden, von denen sukzessive immer mehr eingebunden wurden, förderte das Musizieren im Ensemble ein neues Miteinander. Als „eine Phase intensiven Zusammenrückens aller Beteiligten, ja pure Inspiration“, beschreibt Lena Eckels, die an der MHL studiert hat und seit 2018 dort selber Professorin für Bratsche ist, ihre Erfahrungen während ihres Studiums von 2001 bis 2009. Da für viele Studierende solistische Aktivitäten Priorität haben, fördern nach Meinung von Lena Eckels gerade das Miteinander im Orchester und in der Kammermusik die zielgerichtete enge Zusammenarbeit und das Selbstbewusstsein: „Man muss genau auf die Ensemblepartner hören und sich obligatorisch auf jedes Format gut vorbereiten.“ Und die Pianistin Prof. Konstanze Eickhorst ergänzt: „Es faszinierte mich und erfüllte mich mit Respekt, wie der kammermusikalische Gedanke durch die Kollegenschaft ging, wie die Lehrenden sich der Herausforderung stellten, im eigenen Haus zu konzertieren, wie die ‚Profis‘ sich gemeinsam mit fortgeschrittenen Studierenden in einem Ensemble fanden, um miteinander zu proben und zu spielen.“

Organisation

Eine echte Besonderheit beim Brahms-Festival ist der ausgeprägte Wille zur Kooperation und demokratischen Aufgabenverteilung. Spannend ist, was hinter den Kulissen passiert: „Das Brahms-Festival ist ein wahrnehmbarer Höhepunkt im Studienjahr. Weniger sichtbar ist die Planung und das ‚Ringen‘ aller Hochschulgruppen um die Programmgestaltung, die Arbeit an Partituren, an Texten und neuen Ideen. Somit haben wir viel vorwärtsgebracht, geschafft und gelernt, bevor überhaupt ein einziger Ton er­klungen ist“, erklärt MHL-Präsident Prof. Rico Gubler.

Begeistert ergänzt Prof. Dr. Wolfgang Sandberger, seit 1999 Leiter des Brahms-Instituts und der Planungsgruppe, das Brahms-Festival reflektiere das Innere der MHL: „Es steht für eindrucksvolle, oft berührende Konzerterlebnisse im ‚wunderschönen Monat Mai‘. Oft intelligent, manchmal nachdenklich, stets auf der Suche nach Innovation – und das seit 30 Jahren. Das Festival ist ein Fenster in die Hochschule hinein: Seht, das alles ist bei einem engagierten Miteinander an einer Musikhochschule möglich!“

Exzeptionell ist jedes Jahr ein Abend, der federführend nur von den MHL-Studierenden selbst ausgerichtet wird. Teilnehmen kann man am Orga-Team ab dem ersten Semester, und potenziell „alle interessierten Studierenden können mitmachen“, sagt Lea Sofia Mejia-Barnickel, Studentin und verantwortlich für das diesjährige Projekt. Geleitet werden sie und ihre Kommilitonin Sophie Kockler von dem Gedanken: „Gib den Leuten etwas, was sie noch nicht kennen, berühre sie im Herzen, überrasche oder schockiere sie, und du bleibst in Erinnerung.“ Benjamin Janisch, Kompositionsstudent und Koordinator der MHL-Veranstaltungsreihe im Günter Grass-Haus, ergänzt: „Ich halte es für essentiell, dass Musikerinnen und Musiker das Bewusstsein und die Kompetenzen erwerben, ein Konzert selbst zu organisieren und mitzugestalten.“ En detail sollten sie dabei fähig sein, alles zu leisten: von der Konzeption über die Terminabstimmung und Raumverteilung der Musizierenden bis hin zum Umbau während des Konzerts und punktuell auch die Betreuung der Tontechnik.

Planungsgruppe

Um die Voraussetzungen für eine festivalkonforme Struktur innerhalb der MHL zu schaffen, gibt es eine Planungsgruppe, zu der etwa zwanzig Dozierende, Studierende und Verwaltungsmitarbeitende gehören. Am Anfang steht die Suche nach einem Motto, anhand dessen die Programm- und Werkideen entwickelt werden. „Ein Motto muss inhaltlich Struktur geben, aber auch vieles ermöglichen; nicht alles ist auf Brahms fixiert – die MHL hat ein wesentlich breiteres Spektrum. Dann beginnt die eigentliche dramaturgische Arbeit“, erklärt Wolfgang Sandberger. Er bündelt schließlich alle Komponenten und bereitet die endgültige Entscheidungsfindung der Planungsgruppe vor. Im Unterschied zu einem kommerziellen Festival richten sich Programme auch nach Lehrinhalten und die Musizierenden müssen stets auch die Rahmenbedingungen wie unter anderem Raum- und Probenabsprachen berücksichtigen. Da werden dann unter anderem die Raumkapazitäten für Proben sondiert – eine prekäre Aufgabe, weil Engpässe zu Belastungen für den Studienbetrieb werden können. Kennzeichnend ist, dass „bei uns an der MHL die Grenzen zwischen den Rollen Musiker und Organisator entsprechend dem sich wandelnden Berufsbild fließend sind“, erklärt Ann-Kristin Hauberg-Lahoud, die das Künstlerische Betriebsbüro der MHL leitet.

Hochschulbindung

Durch die Hochschulbindung ist das Brahms-Festival nicht kommerziell konfiguriert oder gar profitpflichtig. Vielmehr ist charakteristisch, dass Personal, Gebäude, Räume und Instrumente genuin vorhanden und verfügbar sind. Es werden keine externen „Stars“ temporär engagiert, sondern renommierte Interpretinnen und Interpreten aus eigenen Reihen rekrutiert. Ensembles bestehen nicht aus festen Mitgliedern. Die normale Agenda aus lehren, lernen, üben, proben und aufführen bleibt bestehen, wird aber auf das Festival konzentriert.  Die Teilnahme ist freiwillig, wobei der Darstellungswunsch bei allen Beteiligten groß ist. Im Hochschulkontext ist nicht vermeintliches Publikumsinteresse, sondern inhaltlicher und pädagogischer Mehrwert entscheidend. Zentrale Merkmale des Brahms-Festivals sind somit maximale künstlerische Freiheit und Mut zum Risiko.

Pandemie-Perspektiven

Mit dem Aufzug der Corona-Pandemie mussten ursprüngliche Planungen radikal geändert und situationsgemäß angepasst werden. Formate, für die keine Öffentlichkeit zugelassen ist, werden in diesem Jahr als reine Lehrveranstaltungen mit Erfahrungsgewinn für die Studierenden durchgeführt, wie zum Beispiel das große Sinfoniekonzert in der Musik- und Kongresshalle Lübeck. Auch wenn Studierende und Dozierende am liebsten endlich wieder coram publico aktiv wären, so ist dieser Wunsch zumindest im Jahr 2021 unrealistisch. Die Ernüchterung angesichts aktueller Gesundheitsrisiken fordert ein Umdenken, nämlich „Programme an schwierige Rahmenbedingungen anzupassen“, stellt Ann-Kristin Hauberg-Lahoud fest. So eröffnen sich aber auch Chancen, institutionelle Regeln zu durchbrechen und Aufführungshorizonte digital und konzeptionell zu erweitern. Welche Perspektiven sich aus und nach der Pandemie ergeben, ist offen. Klar ist, dass das Brahms-Festival eine Veranstaltung exzeptioneller Lern- und Praxiserfahrung ist und bleibt.

www.mh-luebeck.de
www.brahms-institut.de

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