Prekäre Verhältnisse

Leserbrief zu Ulrich Rademachers Artikel „‚Geht doch!“ gibt’s nicht!, nmz 3/17, S. 29


(nmz) -
Die von Ulrich Rademacher im Rahmen seines Artikels „‚Geht doch!‘ gibt´s nicht!“ angesprochene Forderung des VdM von 80 Prozent Festanstellungen für Musikschulen, die Mitglied im VdM sind, ist sicherlich begrüßenswert, obwohl sich das Problem der prekären Beschäftigung im Bereich der Musikschullehrkräfte dadurch (auch in dem unwahrscheinlichen Fall, dass die Politik irgendetwas in dieser Art umsetzen sollte) freilich nicht lösen lassen würde, weil ein guter Teil der Honorarlehrkräfte ja gerade an Einrichtungen beschäftigt wird, die gar nicht Mitglied im VdM sind.
Ein Artikel von Leserbrief

Gerade die Situation in manchen Regionen Bayerns, wo ja gesetzliche Mindeststandards im Bereich der Beschäftigungsverhältnisse (die in der Amtszeit des damaligen Bayerischen Staatsministers für Wissenschaft, Forschung und Kunst und heutigen Präsidenten des Bayerischen Musikrates, Thomas Goppel, zugegebenermaßen von ehemals 100  Prozent auf heute 51 Prozent abgesenkt wurden) für die im VBSM organisierten Schulen existieren, zeigt dies sehr deutlich.

Nennenswerte Verbesserungen wären beim Problem der prekären Beschäftigung im Bereich der Musikschullehrkräfte aus meiner Sicht aber zu erreichen, wenn innerhalb der BRD ein flächendeckendes System an öffentlichen Musikschulen mit tariflich beschäftigten Lehrkräften aufgebaut würde, wozu es dann sicherlich nötig wäre, auf eine Weise in die musikalische Bildung zu investieren wie dies etwa innerhalb der Republik Österreich seit einigen Jahrzehnten geschieht. Der oftmals vorgebrachte Einwand, dass so etwas innerhalb der BRD nicht finanzierbar sei, ist aus meiner Sicht argumentativ nicht haltbar, denn die Tatsache, dass mindestens ein anderer Staat in Europa, dessen Wirtschafts- und Finanzkraft nicht wesentlich höher sein dürfte als diejenige der BRD, es seit vielen Jahrzehnten „schafft“, eine flächendeckende Musikschulversorgung mit einigermaßen sozialverträglichen Gebühren und tariflich beschäftigten Lehrkräften zu gewährleisten, deutet darauf hin, dass es sich hierbei nicht in erster Linie um eine pekuniäre Frage handelt, sondern vielmehr um die Frage, ob der politische Wille dazu besteht.

Sollte es aber doch so sein, dass die politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte dazu geführt haben, dass die öffentliche Armut heute derart ausgeprägt ist, dass es nicht einmal mehr möglich ist, die Sozialversicherungsbeiträge für ein paar Musikschullehrer aufzubringen, wäre dies sicherlich – im wahrsten Sinne des Wortes – ein „Armutszeugnis“ für die Politik. Mitunter auch die Musikverbände hätten in einem solchen Fall die Aufgabe, darauf hinzuweisen, dass in einem entwickelten Land selbst von politisch Verantwortlichen im Rahmen ihrer beruflichen Tätigkeit die Erbringung eines Minimums an Leistung (also z.B. die Herstellung von Verhältnissen, innerhalb derer alle Teile der Bevölkerung die Möglichkeit hätten, mit ihrer Arbeit ein Einkommen zu erwirtschaften, von dem eine Familie einigermaßen anständig leben könnte) erwartet werden kann.

Da das Problem der prekären Beschäftigung (nicht nur im Musikschulbereich) seitens der Politik seit nun so langer Zeit ignoriert wird, wäre es aus meiner Sicht höchste Zeit, dass sich hier (endlich) einmal „etwas bewegt“, denn der „wirtschaftliche Erfolg“ dieses „reichen Landes“ basiert eben auch auf der Arbeit jenes Fünftels der innerhalb der BRD ansässigen Bevölkerung, die derzeit zu prekären Bedingungen und/oder im Niedriglohnsektor beschäftigt wird. Ich persönlich würde es vor diesem Hintergrund begrüßen, wenn sich der VdM in Zukunft in noch höherem Maß für den Aufbau eines flächendeckenden Musikschulsystems einsetzen würde und würde mir in diesem Zusammenhang auch ein entsprechendes Engagement der Landesverbände wünschen. Zwar ist es unwahrscheinlich, dass die Politik dann tatsächlich bereit wäre, auf diese Art und Weise in die musikalische Bildung zu investieren, doch einen Versuch, dergleichen Denkprozesse anzustoßen, wäre es aus meiner Sicht wert, denn sonst bliebe wohl nur noch die Hoffnung auf Fortschritte im Bereich der Genforschung, im Rahmen derer man die Gefahr einer Begabung, die außerhalb des Maschinenbauingenieurwesens liegt, dann möglichst schon im Mutterleib diagnostizieren und den Anteil an Neugeborenen etwa mit musikalischer Begabung auf ein für die „Mitte der Gesellschaft“ erträgliches Maß absenken könnte.

Reinhold Degenhart, Mindelheim

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