Projektionsflächen einer utopischen Gerechtigkeit

Thierry Escaichs Oper „Claude“ auf ein Libretto von Robert Badinter wurde in Lyon uraufgeführt


(nmz) -
Die Idee, dass Oper sich politisch artikuliere oder sogar einmische, hat sich noch nicht ganz rückstandslos aufgelöst, hat allerdings bei einem tagesaktuell verkürzten Politikverständnis zuweilen etwas rührend Obsoletes. Wer allerdings Politik in historischer Perspektive sieht, kann sehr wohl gewichtige Beiträge aus dem Mikrokosmos der Oper erkennen. Das kleine Festival „Justice/Injustice“ der Oper in Lyon versammelte vier Opern, die politische Prozesse reflektieren – Beethovens „Fidelio“, Dallapiccolas „Il prigionniero“, Schönbergs „Erwartung“ sowie das am 27. März uraufgeführte Auftragswerk „Claude“ von Robert Badinter (Libretto) und Thierry Escaich.
Ein Artikel von Hans-Jürgen Linke

„Claude“ ist ein überraschend gelungenes Stück geworden. Seine Wirkungsabsicht ist gleichermaßen zeitlos wie pointiert aktuell, die musikalische Gestalt, die Escaich dem zu Grunde liegenden Drama zu geben vermocht hat, ist düster, expressiv, zuweilen lautmalerisch agierend und überaus ausdrucksreich. Badinter, der seit seiner Zeit als Justizminister der ersten Mittérand-Regierung in Frankreich erhebliche Prominenz besitzt, hat seine Geschichte nach einer Vorlage von Victor Hugo geformt und mit historischen und aktuellen Anspielungen aufgeladen. Das Stück spielt im Gefängnis Clairvaux – einer der bedeutendsten Klosterbauten des Landes, seit der großen Revolution als Gefängnis genutzt –, die Titelfigur Claude Gueux ist bei Badinter ein Protagonist des Lyoner Seidenweberaufstandes und politischer Gefangener, dem zugleich noch ein aktueller Beitrag zu der in Frankreich gerade virulenten Debatte um die so genannte Homo-Ehe aufgebürdet wird, eine beziehungsreiche Verwendung von Brot-, Rettungs- und Opfer-Motiven gibt ihm sogar etwas Jesushaftes. Ein korrekt-sadistischer Gefängnisdirektor, den Claude schließlich ersticht, sowie klar gestaltete Handlungsmuster unter den Gefangenen ermöglichen in dem Trauerspiel das Lehrstück, die am Ende verhängte Todesstrafe enthält vor diesem Hintergrund zugleich einen autobiografischen Verweis: Schließlich war Frankreich das letzte Land in Westeuropa, das die Todesstrafe abgeschafft hat, und Badinter war der Justizminis-ter, von dem seinerzeit die Initiative dazu ausging.

Dass daraus kein politisch-pathetischer Kitsch entstanden ist, hängt in hohem Maße mit der enorm intelligenten Musik Thierry Escaichs zusammen, die von dem Orchester der Lyoner Oper unter der Leitung von Jérémie Rhorer vorbildlich plastisch, mit hoher dynamischer und agogischer Elastizität und Präzision und klanglicher Expressivität in zuweilen überraschender Instrumentierung realisiert wird. Escaichs Kompositionsweise widmet ihre Ausdrucksfähigkeit nie einem isolierten Motiv. Sie überhöht darum nichts, sondern webt, wie einst die Lyoner Seidenweber, stets an einem Gebilde von komplexer Gleichzeitigkeit, das aus vielen Komponenten und Fäden erwächst. So entsteht eine Musik, die an den Hörer zwar erhebliche Anforderungen stellt und es niemandem – auch den Sängern nicht – leicht macht, die aber nie unterkomplex wirkt. Gleichwohl ist sie auch zu überaus konzentrierten, feinsinnig untermalenden, zarten oder auch konkret lautmalerischen Momenten in der Lage.

Olivier Pys umsichtige Inszenierung schlägt einen analogen Weg ein. Seine Bildersprache mit hohen Mauern, dräuender Düsternis, versklavten Unterwerfungsritualen einer- und beschämend aufgeräumten Verhältnissen bei den Ordnungskräften andererseits (Ausstattung und Kostüme: Pierre-André Weitz, Licht: Bertrand Killy) tendiert des öfteren zu einer mythisierenden, manchmal gar metaphysischen Sicht der Dinge. Das Gefängnis und die Arbeit sind bei ihm eher Grundtatsachen der menschlichen Existenz als nur Randerscheinung. Sein Stil bleibt dennoch realistisch, ohne ins Naturalistische abzugleiten. Seine arbeitenden Gefangenen bilden ein mit einer sinnlosen Beschäftigung sorgfältig choreografiertes Ensemble (Choreinstudierung: Alan Woodbridge, Choreografie: Daniel Izzo), das Aufsichtspersonal besteht aus menschenverachtenden Charaktermasken, so dass jeder seine erkennbare Funktion in der gesellschaftlichen Maschine, deren wichtigstes Produkt Schmerz und Ungerechtigkeit sind, einnimmt. Dagegen können sich die Figuren des Claude und seines Freundes Albin vorzüglich abheben, als Opfer-Retter-Figuren, als Projektionsflächen einer utopischen Gerechtigkeit. Vielleicht wird auf der Bühne ein wenig zu häufig plakativ geprügelt, aber immerhin entsteht bei dieser allgegenwärtigen Roheit auch ein nachdrücklich kontrastierender Eindruck von Zärtlichkeit, Freundschaft, Solidarität.

In den Hauptpartien hört und sieht man einen zu jeglicher Dramatik fähigen Jean-Sébastien Bou als Claude und den wunderbar linear artikulierenden Altus Rodrigo Ferreira. Jean-Philippe Lafont als Gefängnisdirektor verkörpert das korrekt gekleidete und gesetzeskonforme Böse und erhält von dem in Lyon immer überraschend jungen Premierenpublikum viel anerkennenden Beifall. So dass die hohe Qualität dieser Uraufführungs-Inszenierung also viele Väter hat, die zu einer bemerkenswerten Kooperationsleistung in der Lage waren. Sie haben sich nicht gegenseitig im Wege gestanden, sondern ihre Fähigkeiten zueinander zu einem Ergebnis addiert, das dem scheinbar obsoleten Genre der politischen Oper nachdrücklich ein Existenzrecht beansprucht und beglaubigt. Es wird gleichwohl schwierig sein, das Werk in andere Sprachräume zu verpflanzen, die Rahmenbedingungen für ein angemessenes Verständnis sind stark von der nationalen Geschichte abhängig.

In Deutschland müsste für einen analogen Fall etwa der ehemalige Innenminister Gerhart Baum nach Motiven von Gerhart Hauptmann ein Libretto schreiben für eine Oper, die einige der düstersten Kapitel der deutschen Geschichte mit berücksichtigen und die zum Beispiel Jörg Widmann dann vertonen müsste. Wer wollte in egal welchem Ausland so etwas sehen? Hören schon. Denn es ist vor allem Escaichs Musik, die für eine verallgemeinerbare Existenzweise des Werks oberhalb historischer Kulturraumsgrenzen sorgen könnte.

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