Quartette, Zwiefache, Heurigengesang

Eindrücke eines New Yorkers vom Festival aDevantgarde in München 2019


(nmz) -
Der Autor dieser Zeilen war seit stolzen zwölf Jahren nicht mehr bei einem Konzert der Münchner aDevantgarde, deren 15. Festival vom 27. Mai bis 2. Juni unter dem Motto „drunter/drüber“ stattfand. Der lange Hiatus ist natürlich leicht damit zu erklären, dass der Rezensent seit nunmehr fast 18 Jahren im fernen New York lebt. Deshalb sei es erlaubt, in dieser Besprechung gelegentlich Vergleiche anzustellen zwischen der kulinarischen Musikstadt an der Isar, die im Rest der Welt eben doch eher für ihre Opernfestspiele und Spitzenorchester bekannt ist als für ihre Neue-Musik-Szene, und dem Big Apple, der sich neben Berlin sicherlich als die zweite Hauptstadt der Neuen Musik fühlen darf, sowohl was die jüngere Musikgeschichte (von der New York School über Minimalismus zu Bang on a Can,) als auch die schiere Dichte an spezialisierten Ensembles und Festivals angeht.
Ein Artikel von Carl Christian Bettendorf

Das erste eines Quartetts von eher stichprobenartig ausgewählten Festivalkonzerten war passenderweise ein Streichquartettabend, passend auch deshalb, weil er in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste stattfand. Ein hehrer Ort für eine hehre Gattung, und tatsächlich sind alle vier Stücke des Abends hörbar darum bemüht, den schwergewichtigen Erwartungen gerecht zu werden. Interessanterweise spielt es dabei keine Rolle, ob die Komponisten deutscher (Philipp C. Mayer, Alexander Strauch), italienischer (Marco Stroppa) oder gar taiwanesischer (Chia-Ying Lin) Herkunft sind, sie alle schreiben in einem inzwischen längst „klassischen“ zeitgenössischen Stil für das Medium. Europäisch natürlich (oder eher: eurozentrisch), das war ja das Motto des Abends, der den „Klang Europas im 21. Jahrhundert“ ausloten wollte. Das italienische Quartetto Maurice spielte durchweg intensiv aber trotzdem klangschön und war zu allen Eskapaden bereit – in Mayers Auftragswerk mussten sie sich Kopfhörer aufsetzen, durch die sie mit klassischer Hintergrundmusik berieselt wurden, wodurch sie „zu Außenstehenden des eigenen Klangs und des Klangs der Nachbarn werden“ (so zumindest das etwas theorielastige Konzept des Komponisten).

Am nächsten Abend dann das absolute Kontrastprogramm: In einer der Hallen des Kreativquartiers an der Schwere-Reiter-Straße sitzt ein auffällig junges Publikum auf Holzpaletten, während sich die Musiker des Decoder Ensembles auf verschiedene „Stationen“ verteilen, die meist um das Publikum herum postiert sind. Das vom Münchner trugschluss-Kollektiv konzipierte Programm unter dem Titel „dissociated“ besteht ausschließlich aus Werken zweier Komponisten, Leopold Hurt und Hannes Seidl, die außerdem ineinander verwoben sind (so z.B. die einzelnen Sätze von Hurts Zyklus „Dissociated Press“). Dadurch entsteht ein erfrischender Abstand vom Autorenprinzip, denn die kompositorische Ästhetik der beiden ist sich zu ähnlich, um die verschiedenen Stücke immer eindeutig zuordnen zu können. Seidls Mixtape für ein Quartett von Mischpulten – eines der aufgrund der Besetzung eindeutig zuschreibbaren Werke – war vielleicht so etwas wie das Kernstück des Abends, nicht nur aufgrund seiner Position im Zentrum der Halle. Aus Gesprächen mit einigen dem Festival nahestehenden Musikern nach dem Konzert wurde schnell klar, dass man hier Zeuge eines für die Münchner Szene durchaus unüblichen Projekts geworden war, was den Kenner der New Yorker Szene eher müde lächeln lässt, denn dort gibt es Ähnliches in experimentellen Veranstaltungsorten wie Roulette, Spectrum oder dem National Sawdust regelmäßig.

Mehr als regelmäßig – um nicht zu sagen: zuhauf – kann man dort auch Singer-Songwriter wie Jake Bellissimo erleben. Den also quasi zum „front man“ der Neuerfindung des ur-bayerischen Hoagartns zu machen, war wenig überzeugend. Viel eigener (weil eben authentisch lokaler) waren in diesem sogar zweimal aufgeführten Programm die Beiträge einiger Münchner Komponisten: zwei pfiffig für Casio-Instrumente gesetzte Zwiefache von Christoph Reiserer, die gekonnt der strahlenden Sopranistin Sibylla Duffe in die Kehle geschriebenen „Zwei Münchner Monodien“ von Johannes X. Schachtner sowie der imaginierte Heurigengesang „Aus der Weltbox“ von Alexander Strauch. Auch die Texte von Cornel Franz, von ihm selbst als unscheinbarer Stammgast getarnt vorgetragen, waren stimmig.

Am letzten Abend dann noch ein Quartett von Stücken für Streichorchester und Elektronik, souverän gespielt vom Münchener Kammerorchester unter Gregor A. Mayrhofer. Den einzelnen (dritten) Satz aus Michael Gordons „Weather“ hätte man sich in Berlin oder New York wohl gespart, denn dort erklingt gelegentlich das Gesamtwerk, das eben als solches viel mehr Sinn macht.

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