Reduktion auf das Wesentliche

Gesprächskonzert mit dem Komponisten Rainer Rubbert


(nmz) -
Wie spannend, aufschlussreich und gleichermaßen unterhaltend ein Komponistenporträt sein kann, zeigte diese Matinee-Veranstaltung des DTKV-Landesverbandes Berlin im großen Salon der Schwartzschen Villa, der sehr gut besucht war. Seit mehreren Jahren bereits lädt das Studio Neue Musik dazu ein, Berliner Komponisten im Gespräch mit der Musikwissenschaftlerin Dr. Adelheid Krause-Pichler näher kennenzulernen, ihre Musiksprache zu verstehen, neue Ausdrucksmöglichkeiten zu erkunden und die Besonderheiten der zeitgenössischen Komposition zu beleuchten.
Ein Artikel von akp

Rainer Rubbert zählt diesbezüglich zu den bekanntesten Komponisten in Berlin, und dies nicht nur, weil er die vielbeachtete Oper „Kleist“ geschrieben hat, seine Orchesterwerke unter anderem von den Berliner Philharmonikern aufgeführt wurden und er diverse internationale Kompositionspreise gewonnen hat, sondern auch, weil er seit 1989 mit seinem Kollegen Martin Daske die Konzertreihe „Unerhörte Musik“ leitet, die als einzige Berliner Institution regelmäßig wöchentliche Konzerte mit zeitgenössischer Musik organisiert.

Fleiß, innere Ruhe und Ausgewogenheit sowie Interesse an Literatur und an allem, was die Welt ständig verändert, sowie ungebrochene Kontinuität sind der Schlüssel zum Verständnis des Menschen Rubbert und seiner Musik. Das bedeutet eben auch, jahrzehntelang mit Kollegen zusammenzuarbeiten, sich gemeinsam für eine Sache einzubringen sowie die Genialität der Partner zu achten. Seit geraumer Zeit ist die Mezzosopranistin Claudia Herr die vorrangige Interpretin seiner Lieder, sie sang auch die Partie der Henriette Vogel in der Oper „Kleist“. Die Texte, sowohl zur Oper als auch zu den in der Matinee aufgeführten Liedern aus dem Zyklus „Künstlerinnen“ stammen von der Berliner Schriftstellerin Tanja Langer, die ebenfalls zugegen war. Und der Pianist Martin Schneuing, selbst ein beachtenswerter Komponist, spielte Rubberts zum Teil komplexe Klavierwerke mit technischer Leichtigkeit und inhaltlicher Klarheit, so dass der Zuhörer mit eingebunden wurde in die Klangwelt des Komponisten.

Die exzellente Darstellung der Rubbertschen Kompositionen mit ihrer stets vordringlichen inhaltlichen Dramaturgie machte die Veranstaltung zu einem besonderen Erlebnis.

Die Sängerin Claudia Herr, Meisterschülerin von Wolfgang Rihm, Stipendiatin beim Bachinterpreten Ernst Haefliger sowie Studentin bei Gundula Hintz in Berlin, widmet sich intensiv der Interpretation zeitgenössischer Musik in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten, die ihr für ihren außergewöhnlichen Stimmumfang Werke auf den Leib schreiben. Aber Claudia Herr erforscht auch für sich neue Klangmöglichkeiten: das spektakulärste Projekt war die Produktion einer „UnterwasserOper“, bei der neue Klänge unter Wasser hörbar wurden.

Der Zyklus „Künstlerinnen“ von Rainer Rubbert skizziert das Leben und die Persönlichkeiten dreier außergewöhnlicher Frauen: Camille Claudel, Niki de Saint Phalle und Frida Kahlo.

Der Text, fast könnte man sagen, das Libretto ist überschrieben mit:

Frida Kahlo – Liebeslied ans Leben Ich bin ein großes Lebewohl / von Anfang an / Die Blätter fielen in den Hof / als ich geboren / meines Vaters Vater kam aus Deutschland / das Haar meiner Mutter war tiefschwarz / meine Zehen ragten in aztekische Wälder / eine andere Zeit gehörte mir gold grün purpur blau ich wurde geboren / durchbohrt – geboren – / Liebe hieß meine Passion / und: / DIEGO! Mein großes wunderbares Ego / Mein Regen meine Sonne / Mein Wald und meine Gier / Meine Anmut Feuer und dolor / Encore encore / Du mein Spiegel der Nacht / Encore / D wie Du / I wie ich male / Erhöre mich / Geliebter / O Amor! (Tanja Langer )

Der Text umfasst mit wenigen Worten die wichtigsten Lebensstationen und Wesenszüge der früh verstorbenen Malerin, und was der Komponist Rubbert hier musikalisch ausdeutet und gewissermaßen in Szene setzt, ist nicht anders als genial zu bezeichnen. Die entsprechend dramaturgisch in Szene gesetzte Darbietung durch Claudia Herr und Martin Schneuing als Begleiter faszinierte das Publikum in diesem ebenso wie in den beiden anderen Liedern. Nicht umsonst erhielt Rainer Rubbert für seine Textvertonungen den begehrten Musikautorenpreis der GEMA.

Die Klavierstücke RWV 1087 und „… cette obscure clarté qui tombe des étoiles“ für Klavier solo verdeutlichten zusätzlich Rubberts programmatische Vorgehensweise, stilistisch vermischt durch Elemente von Avantgarde und spätem Impressionismus, mit vielen Klang-Effekten im Piano-Innenraum, aber jederzeit nachvollziehbar durch klare formale und tonsetzerische Strukturen – ein altes Kompositionsgeheimnis, das man oft vermisst. Martin Schneuing vermittelt die schweren Stücke mit einer solchen Leichtigkeit und selbstverständlichen Souveränität, wie es nur einem selbst komponierenden Pianisten gelingen kann, der an der Hanns-Eisler-Hochschule Dozent für Neue Musik ist.

Die ersten musikalischen Erfahrungen machte Rubbert bei einer Klavierlehrerin, die an der Musikschule verschiedenste Instrumente unterrichtete. Hier war er gefordert, als schon damals kreativ auffälliger Knabe, für alle Schüler zu verschiedenen Veranstaltungen Stücke zu schreiben, zum Teil in abenteuerlichen Besetzungen, die ihm allerdings die Welt der unterschiedlichsten Zusammenklänge eröffneten.

Im Gespräch mit dem Komponisten wurde deutlich, dass er diese Neugier auf Besonderes, ohne auf dem Boden der Tonsatzschule zu bleiben, nicht verloren hat. Was ihn geleitet hat, war die Faustregel seines Kompositionsprofessors an der Berliner Musikhochschule Witold Szalonek: den vermeintlichen Widerspruch zwischen avanciertem musikalischem Material, kompositorischer Konsequenz und ungehindertem Ausdruck aufzulösen.

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