Regie geht auch zu Vielen

Schlosstheater Rheinsberg: Junges Musiktheater als kollaborativer Prozess


(nmz) -
Bundesakademie für junges Musiktheater: Jugendliche bringen Milhauds Kurzopern über antike Mythen als Modellstudien für Emanzipation auf die Bühne des Schlosstheaters Rheinsberg
Ein Artikel von nmz

Normalerweise ist Musiktheater ein Schiff mit zwei Kapitänen: Regisseur und Dirigent – doch diese Produktion hatte mindestens acht Kapitäne“, erklärt Sybrand van der Werf. Der niederländische Regisseur war – wie die Bühnen- und Kostümbildnerin Barbara Krott und der Dramaturg und Musiktheaterpädagoge Rainer O. Brinkmann – vor allem als Coach und Ermöglicher an Bord der  Sommerproduktion 2021 der Bundesakademie für junges Musiktheater #BAJMT. Siebzehn Jugendliche und junge Erwachsene von 16 bis Anfang 20 aus ganz Deutschland waren an dieser Opernproduktion in ungewöhnlicher Intensität beteiligt: Unterstützt durch das Profi-Regieteam erarbeiteten sie das Inszenierungskonzept ebenso kollaborativ wie den gesamten Probenprozess. Sie übernahmen auch alle Gesangspartien.

Die Grundlage der Produktion bildeten die Opéras-minute von Darius Milhaud, drei Kurzopern über Handlungen des thebanischen Sagenkreises von 1927/28. Der Zyklus eignet sich nicht nur wegen der kurzen Spieldauer von dreimal circa acht Minuten für die künstlerische Interpretation durch junge Menschen, sondern auch aufgrund seiner dezidiert anti-romantischen Haltung und der damit einhergehenden Offenheit. Der Dirigent Christoph Breidler mit dem ensemble unitedberlin boten den jungen Sängerinnen und Sängern ein sicheres Fundament für die musikalische Umsetzung von Milhauds polytonaler Tonsprache. Um die drei Einzelhandlungen, die mythologisch aufeinander aufbauen, auch theatralisch in einer nachvollziehbaren Abfolge zu erzählen, entwickelten die Akteure selbst einen szenischen Rahmen mit Vorspiel und Zwischenspielen: Der phönizische König Agenor errichtet einen Tempel als Manifestation patriarchaler Macht, von der sich die Protagonisten der drei Kurzopern „Europa“, „Ariadne“ und „Theseus“ zu befreien suchen.

Die begeisterten Publikumsreaktionen bei beiden Aufführungen am 31. Juli und 1. August im Schlosstheater Rheinsberg machten deutlich, dass das Konzept aufging: Ein knapp einstündiges, fesselndes Musiktheaterwerk, das nicht nur für die Beteiligten eine spannende Arbeitserfahrung war, sondern auch als künstlerisches Erlebnis für Unbeteiligte bestehen konnte.

Dabei waren Produktionsumstände corona-bedingt ungewöhnlich gewesen. Die Einladung zur Bewerbung war während des Lockdowns im Dezember 2020 ausgeschrieben worden: Einzureichen waren Motivationsvideos, Arbeits- oder Gesangsproben. Anstelle von Castings vor Ort in drei Städten (wie ursprünglich geplant) erfolgte die zweite Auswahlrunde per Videokonferenz. Die Konzeption und weitere Erarbeitung der Produktion erfolgte in Workshops – teilweise in Kleingruppen – gleichfalls in Videokonferenzen. Dass wirklich vor Ort geprobt werden durfte, erwies sich erst im Juni. Im Juli bezogen die Jugendlichen ihre Zimmer im Gästehaus der Musikakademie Rheinsberg und stürzten sich in die Proben: Gearbeitet wurde – eine Woche in einem Probensaal, eine Woche im Schlosstheater – von morgens bis abends: szenische Proben, musikalische Proben, dazwischen Sprech- und Bewegungscoaching, Videoaufnahmen und intensive Diskussionen. Die Teilnehmenden zeigten sich begeistert davon, so viel ausprobieren zu können – und dass sie mit ihren Ideen und Vorschlägen auf Offenheit und Akzeptanz trafen.

Möglichkeiten, sich in einer „richtigen“ Produktion unter professionellen Bedingungen ausprobieren zu können, sind selbst in Hochschulen begrenzt – und stehen für junge Menschen vor der Studienwahl kaum zur Verfügung. Da will die Bundesakademie für junges Musiktheater eine Lücke füllen – sowohl für die jungen Menschen selbst als auch durch Professionalisierungsangebote für Spielleiter*innen.

 „Für junge Sängerinnen und Sänger gibt es Wettbewerbe, doch für an Regie, Kostümbild, Bühne und Videotechnik Interessierte gibt es kaum Angebote“, erläutert Georg Quander, der als Künstlerischer Leiter das produktive Zusammenwirken der Musikakademie und der Kammeroper Schloss Rheinsberg befördert. 2022 wird es ein ähnliches Projekt geben, diesmal mit neuer Musik: Die Kompositionsaufträge sind schon ausgeschrieben.


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