Relevanz und Redundanz

Zwei Veröffentlichungen zum Thema „Musikalische Kreativität entwickeln und vertiefen“ im Fokus


(nmz) -
Thomas Lang: Introduce Songwriting, AMA +++ Hermann Keller: Neue Musiklehre. Grundlagen für Komposition und Improvisation, Bockel
Ein Artikel von Florian Heigenhauser

Schon seit geraumer Zeit sind im Reich der musikalischen Kreativität umfangreiche editorische Erschließungsmaßnahmen im Gange. Hierbei werden – um beim Bild zu bleiben – die unermesslichen Weiten der möglichen kompositorischen oder improvisatorischen Landschaften auf ganz unterschiedliche Art und Weise erforscht und fassbar gemacht. Allen Ratgebern, Workshop-Formaten und theoretisch orientierten Handreichungen ist aber eine janusköpfige Problematik gemeinsam: Der Gefahr von Simplifizierung komplexer Vorgänge im Sinne der Nutzbarmachung fassbarer Routinen steht eine zu starke Differenzierung der Materie gegenüber, durch welche die eigentliche Zielsetzung konterkariert wird. Der goldene Mittelweg erfordert zuallererst ein hohes Maß an künstlerischer und pädagogischer Erfahrung, vor allem aber das Gespür für die Ausgewogenheit verschiedener Faktoren: sinnvolle Eingrenzung der Zielgruppe, die daraus abgeleiteten notwendigen (und nur die!) theoretischen Grundlagen und letztlich der inspirierend angeleitete Ausblick ins individuelle schöpferische Agieren. Viele Veröffentlichungen versprechen nicht weniger als den unbegrenzten Eintritt ins Kreativsein („Komponiere Deinen Song – ohne Noten“), schränken aber meist gleichzeitig bereits im Vorwort ihr auf dem Umschlag angekündigtes Leistungsverzeichnis wieder mehr oder weniger deutlich ein.
Mit seinem aus der Workshop-Praxis entstandenen Skript „Introduce Songwriting“ will Thomas Lang im Bereich Amateur-Songwriting Unterstützung im Sinne theoretischer Systematisierung anbieten. Leider zeigen sich bereits im Vorwort erste Unschärfen hinsichtlich dezidierter Zielsetzungen im Verhältnis zu ihrer Umsetzung: So wird Musikern aller Instrumentengattungen die Unterstützung versprochen, tatsächlich aber ist eine eindeutige Kopflastigkeit zu Gunsten der Gitarre zu konstatieren: Ausschließlich für dieses Instrument gibt es sinnvolle, technisch-klanglich begründete Hinweise bezüglich Tonartwahl und Voicings. Für den Rest der Harmonieinstrumente bleibt nur der karge Vermerk auf den Zusammenhang Tonartenwahl-Spielbarkeit. Hier – aber leider nicht nur hier – wird versäumt, was eine Veröffentlichung dieser Art leisten können sollte: Sie sollte Türen öffnen. Beim Finden der Türe und ihrem Durchschreiten sollte der Lernende auch mitunter konkret an die Hand genommen werden - und eben nicht mit  Allgemeinfloskeln abgespeist werden.

Hier als Beispiel: Die deutlich höhere Flexibilität (verglichen mit der Gitarre) eines Tasteninstruments hinsichtlich der Voicingmöglichkeiten könnte zu einem echten Erfahrungsprozess führen. Auf der Basis einer einfachen Akkordfolge könnte zu Versuchen (mit Hilfsbeispielen) ermuntert werden, möglichst viele Varianten in Lage und Griffweite – mit allen klanglichen Konsequenzen – zu finden. Dass allein schon hier eine durchaus erreichbare höhere Stufe der Individualität im Songwriting versteckt liegt, wäre dann noch durch entsprechende diskographische Hinweise und deren nun sicher sensibilisiertes Hören einfach zu vermitteln.

Aber die grundsätzliche Problematik der Veröffentlichung Langs liegt nicht nur im wenig überzeugenden methodischen Ansatz (fast die Hälfte des Werkes besteht aus einer betont schlicht gehaltenen allgemeinen Musiklehre, in der die Kernaspekte mit dem Hinweis „Merke!“ und aseptisch wirkenden Übungen markiert sind),  sie wird leider noch durch eine Unzahl fachlicher Ungenauigkeiten und unnötiger Fehler verstärkt. Diese hier mit Ortsverweis komplett aufzulisten, kann nicht Ziel einer Besprechung sein, es erfolgt daher die Beschränkung auf wenige Beispiele, die gerade im Hinblick auf die Zielsetzung geradezu ärgerlich sind:
So wird immer und immer wieder im Falle eines tonalen Zentrums in Moll der t-Akkord als VI. Stufe bezeichnet, also im Sinne funktionaler Beziehungen einfach unrichtig und auch für das Verständnis harmonischer Beziehungen kontraproduktiv.

So liegt der Reiz der Formteile  „Bridge“ und „Prechorus“ mitnichten in ihrer identischen Bedeutung, sondern gerade im dramaturgischen Unterschied: das eine verbindend und Neues ohne Anhebung der Spannung entwickelnd, das andere steigernd und zielführend. Die charakteristische „Middle-Eight“ aus zahlreichen Beatles-Songs ist eben kein Prechorus, vor allem dann, wenn es einen solchen gar nicht gibt. Soll ja vorkommen.

So ist es nahezu sträflich, die aeolische Skala dem unwissenden Laien quasi als unvollkommenes Modell („auf wackeligen Füßen“) zu verkaufen, wo doch die nicht durch Akzidentien „modernisierte“ Modalität gerade im Pop/Rockbereich oft prägend für das harmonische Gesicht wirksam ist.

So ist es eigentlich unerträglich, im Rahmen einer Songwriting-Handreichung in einem „Merke“-Kasten (!!!) lesen zu müssen, dass Durtonarten fröhlich, Molltonarten hingegen traurig klängen.

Geht einfach gar nicht. Vom langsamen Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert KV 622 über das Englischhornsolo aus Dvoráks „Neuer Welt“ zu „Tears in heaven“, über Soul-Balladen à la Whitney Houston bis hin zu Cullums „Gran Torino“, es finden sich – weit genreübergreifend – der widerlegenden Beispiele in Legion.

Für jeden angehenden Songwriter wäre es doch, statt mit derart unterirdischem „Merke-Nonsens“ belästigt zu werden, wichtiger, verstehen zu lernen, dass musikalische Gestaltungsparameter sich letztlich nur im Zusammenwirken entfalten können. Mag ja sein, dass der Autor dies für selbstverständlich hält und in seinen Workshops auch dementsprechend zu vermitteln versucht, deutlich wird es jedoch in „Introducing Songwriting“ leider gar nicht.

Ein Handbuch unter Vielen zum Thema „Songwriting“ - aber Gott sei Dank nicht wie viele … Mindestens aber ist zu attestieren: Redundanz.

Hermann Keller hält es bei der schlichten Betitelung seiner „Neuen Musiklehre“ ein wenig mit seinem berühmten Namensvetter Grabner: Da enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten. Der Autor versucht, sicherlich auch begründet in seiner künstlerischen Vita, einen genreübergreifenden Rundumschlag hinsichtlich der Annäherung an künstlerische Prozesse.

Und eines sei vorweggenommen: Das Werk liest sich in vielen Bereichen spannend und fasziniert durch eben die schon erwähnten Querbeziehungen. Dabei bilden die wichtigsten musikalischen Gestaltungsebenen die Grundstruktur der Abhandlung: Rhythmik und Metrik werden unter dem Begriff „Schalldauerbeziehungen“ subsummiert, „Sonanzbeziehungen“ bündelt die Harmonik und „Distanzbeziehungen“ widmet sich der linearen, melodischen Komponente. Der beim Überfliegen des Inhaltsverzeichnisses aufkeimende Verdacht theoretischer Trockenheit bestätigt sich bei der Beschäftigung mit den Kapiteln in keiner Weise.

Die analytische Vernetzung von Werkbeispielen unterschiedlichster Stilistik, der inspirierende Einbezug akustischer Phänomene und Grundlagen, kompetente instrumentatorische Hinweise und Instruktionen sowie konkrete Anregungen und Hilfestellungen für improvisatorische wie kompositorische Versuche füllen die einzelnen Abschnitte mit Leben und erzeugen eine Vielfalt, die manchmal schon fast ein wenig überladen wirkt. Dass der Autor auch Musikbeispiele komponierender Familienangehöriger mit einbezieht, sei dem Vaterstolz geschuldet – und passt ins individuelle Gepräge des Buches.

Die Fülle an Information lässt einen erneut einen Blick in die Einleitung des Werkes werfen: Hier wird auf authentisch wirkende Weise Rechenschaft über Zielsetzungen und Gebrauch der Arbeit abgelegt. Dass allerdings der echte musikalische Laie viel Freude am Studium und der Anwendung empfinden kann, darf zumindest vorsichtig in Frage gestellt werden. Zu zahlreich sind die terminologischen Klippen, zu weit gespannt der nötige repertoirebezogene Erfahrungshorizont, um von echter Kompatibilität für den Laienbereich sprechen zu können, dies zumindest ist die Auffassung des Rezensenten.

Mit entsprechenden Vorkenntnissen ist es aber geradezu reizvoll, Kellers durchaus individuelle Darstellung scheinbarer musiktheoretischer Allgemeinplätze und deren Vernetzung wie auch seine analytischen Anmerkungen am eigenen Denken zu spiegeln, sich zu reiben, zu staunen, abzulehnen, aber eben auch hinzuzulernen.

Inwieweit die Lektüre in das eigene Improvisieren und Komponieren unmittelbar einzufließen vermag, kann schwer eingeschätzt werden, sie dürfte aber wohl eher indirekt wirksam werden. Muss ja kein Nachteil sein. Eine wahrhaft ungewöhnliche „Neue Musiklehre“ mit Alleinstellungswert, hier in positivem Sinn: Relevanz!

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