Roter Faden verwebt in einheitlichem Netz

Peter Gülkes Beethoven-Studien in einem Sammelband bei Metzler/Bärenreiter


(nmz) -
Peter Gülke: „...immer das Ganze vor Augen“. Studien zu Beethoven, Metzler/Bärenreiter 2000, 282 S., 68 Mark.
Ein Artikel von Barbara Pikullik

Das Spektrum der hier publizierten Aufsätze ist ein breites und repräsentatives, und obgleich die Kerngruppe schon um 1970 herum entstand, kann der Eindruck des Lesers allemal dem vom Verfasser aufgeworfenen Bedenken standhalten: „… daß er (Gülke) dem Leser zu beurteilen überlassen muß, ob und inwieweit dies Älterwerden gleichbedeutend sei mit Veralten.“

Vier der Essays wurden für musikwissenschaftliche Periodika verfasst: „Zur Bestimmung des Sinfonischen“, „Introduktion als Widerspruch im System“, „Kantabilität und thematische Abhandlung“, und „Zur musikalischen Konzeption der Rasumowsky-Quartette op. 59“. Die Arbeiten zum Fidelio und zur Missa solemnis haben einführenden Charakter. Angesichts der Tatsache, dass diese somit eigentlich für ein breites, wohl eher Laien-Publikum bestimmt waren, sind sie, zumal aus Gülkes Feder stammend, von außergewöhnlich hohem Anspruch. Auch wenn ihre Thematik breit gefächert ist, so durchzieht die Aufsätze, die immerhin ein zeitliches Spektrum von etwa 30 Jahren umfassen, ein roter Faden, der sie sprichwörtlich zu einem einheitlichen Netz verwebt: „immer das ganze vor Augen“.

Mit diesem Beethoven-Zitat wurde auch der einleitende Aufsatz betitelt, der einzige übrigens, der eigens für die vorliegende Publikation verfasst wurde. Hier verweist Gülke eindringlich auf die Notwendigkeit, Beethovens Schaffen unter dem Gebot des Ganzen zu sehen und widerspricht dem Argument, ein solches Herangehen an sein Werk sei mittlerweile zu einem bloßen Allgemeinplatz der Beethoven-Exegese geworden. „Von absoluten Maßgaben stranguliert erscheint jegliches Streben zum Ganzen zum Scheitern verurteilt, andererseits freilich, wenn aus Furcht vorschnell Grenzen gezogen werden, zu ,selbstverschuldeter Unmündigkeit’. Auf dieser Linie lässt Beethovens Werk sich verstehen als fortwährend erneuerter Versuch, diese ,Unmündigkeit’ zu durchbrechen und über die Margen je partikularer Ganzheiten auf umfassendere hinauszuschauen, vom Thema auf das Ganze des Satzes, vom Satz auf das Ganze des Werkes, vom Werk auf das Ganze einer Werkgruppe oder auf dasjenige einer kompositorischen Problemgemeinschaft, von der Musik auf das Ganze eines Lebens- oder Weltzusammenhangs, worin Musik wiederum nur eine Partikularität darstellt.“ Die Anhäufung von Zitaten der ,großen’ Philosophen besonders im ersten Aufsatz freilich erscheint überflüssig und verhältnismäßig anstrengend. Sie erzeugt ein Schlaraffenland-Gefühl in dem Sinne: Friss dich erst durch den Philosophen-Pudding, bis du zur Erkenntnis kommst! Hat man sich allerdings erst einmal in Gülkes Sprache, allgemein mit dem Epitheton „schwierig“ versehen, hinein verbissen, und erhält man den Überblick über die syntaktischen Verschachtelungen und die oft eher über Umwege formulierten Aussagen, dann bringt der Sammelband eine erhebliche Bereicherung mit sich.

Gülkes umfassende Werkbetrachtungen enthalten Analysen, die die Aussagen im angemessenen Umfang stichhaltig untermauern. Das Gleiche gilt für die gut und sparsam ausgewählten Notenbeispiele. Eine dankenswerte Leistung der Verlage.

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