Rückblende 2015/06

Vor 50 und vor 100 Jahren


(nmz) -
Vor 100 Jahren: Türkei: Nicht nur im rauhen Kriegshandwerk, auch in der Musik holt sich die junge, erwachende Türkei ihre Meis­ter aus Deutschland +++ Vor 50 Jahren: Rudolf Gamsjäger, Generalsekretär der „Musikfreunde in Wien“, Direktor der Jeunesses in Österreich, begrüßt den XIX. Weltkongress der Internationalen Jeunesses Musicales in Wien: wie schwer ist es, eine Weltorganisation aufzubauen und die Gründungs­idee lebendig zu erhalten!
Ein Artikel von Eckart Rohlfs

Vor 100 Jahren

Türkei: Nicht nur im rauhen Kriegshandwerk, auch in der Musik holt sich die junge, erwachende Türkei ihre Meis­ter aus Deutschland. Sehr oft nimmt der regierende Sultan Gelegenheiten wahr, seine besondere Vorliebe für deutsche Musik zum Ausdruck zu bringen. In die Programme der Leib-Marine-Musik „Erthogrul“, geleitet vom Kgl. Preuß. Musikdirektor Paul Lange, gehören Kompositionen von Paul Lange: „Yachassin Vatan“ und „Haireddinne Barbarousse“. Auch die Kriegsmärsche von Blankenburg hört man öfters im Kaiserlichen Palast. (…) Aber von Paul Lange bis zu Beethoven ist ein langer Weg – vorwärts. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, dass bisher die französische Schule geherrscht hat. Den Boden für deutsche Kultur zu bereiten, wird unendliche Mühe kosten.
Musikerschädel und Musikergehirn beobachtet der Wiener Anatom Tandler. Wenn auch heute noch nicht alle Ursachen bekannt sind, (…) wissen wir doch, dass einer der maßgebendsten Faktoren für die Schädelformung die Entwicklung des Gehirns ist. Wenn wir von Musikerschädeln sprechen, so ist es notwendig, von Musikergehirnen zu sprechen und die Frage aufzuwerfen, ob das Gehirn eines großen Musikers in irgendeiner Richtung besonders entwickelt ist. Tatsächlich hat der Wiener Forscher Prof. Tandler nachgewiesen, dass das Hirnrelief beim Musiker im Bereich der obersten Schläfenwindung eine besonders starke Entwicklung zeigt: Es gibt also ein musikalisches Zentrum an der Hirnoberfläche, dessen Entwicklung für große Musiker charakteristisch ist.     Neue Musik-Zeitung XXXVI. Jahrgang 1915, Heft 16, S. 192    

Vor 50 Jahren

Rudolf Gamsjäger, Generalsekretär der „Musikfreunde in Wien“, Direktor der Jeunesses in Österreich, begrüßt den XIX. Weltkongress der Internationalen Jeunesses Musicales in Wien: wie schwer ist es, eine Weltorganisation aufzubauen und die Gründungs­idee lebendig zu erhalten! Neben Delegierten der 22 Mitgliedsländer entsenden 24 Staaten Beobachter. Auch von Seiten der Ostblockstaaten wird Interesse an der Arbeit der Jeunesses Musicales gezeigt. Es werden Fäden geknüpft, die über Barrieren hinweg zu gemeinsamer Betätigung führen können. Damit tritt die Musikalische Jugend, die den Zweiten Weltkrieg nur in seinen Auswirkungen kennengelernt hat, im völkerverbindenden Sinn auf den Plan und will von Seele zu Seele sprechen. Großes Augenmerk wird der Kongress der Förderung von Jeunesses Ensembles und junger Künstler zuwenden müssen. Dem Trend des Publikums, der von Veranstaltern und Managern in den Weltstädten genährt wird durch sogenannte Star-Konzerte anstelle aufbauender Programmgestaltung, das gesellschaftliche Ereignis anstelle des wirklichen Musikerlebnis treten zu lassen, müsste durch bewusste Haltung der Jugend in der Liebe zur Musik begegnet werden. Sowohl die passive Musikausübung im Konzertbesuch, als die aktive in der eigenen Betätigung, soll nicht ihre Zielsetzungen im egoistischen Repräsentations- oder Podiumsglanz, sondern im Dienste der „Eroberung der Musik in allen ihren Zweigen“ finden.

Arthur Honegger über die internationalen Bewegungen der „Jeunesses Musicales“: „Ich kann sagen, dass es sich auf jeden Fall um eine der interessantesten und nützlichsten Bewegungen zugunsten der Musik handelt. Es ist für alle lebenden Komponisten sehr wichtig, ein größeres Publikum zu gewinnen, möglichst junge Zuhörer zu begeis­tern, und sich daran zu gewöhnen, sich so früh als möglich an die Jugend als das Publikum von morgen zu wenden.“

Musikalische Jugend XIV. Jahrgang 1965, Nr. 3, S. 1

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