Rückblick 2014/02

Vor 50 und vor 100 Jahren


(nmz) -
Vor 100 Jahren: Ein Deutsches Symphoniehaus in Stuttgart? +++ Vor 50 Jahren: Neue Musik für Laien
Ein Artikel von Eckart Rohlfs

Vor 100 Jahren

Ein Deutsches Symphoniehaus in Stuttgart? Der Münchner Musikschriftsteller Paul Ehlers sprach eindringlich über die Gründe für die Errichtung eines Symphoniehauses und pries den Haigerschen Entwurf als Voraussetzung. Dieser Bau sei aus dem Geiste der Musik herausgewachsen, ein Tempel, in dem die Symphonie die höchste Weihe finde. Auch andere Orte, namentlich am Rhein, haben sich um das Symphoniehaus bemüht, aber der Vorzug gebühre Stuttgart. Es sei der einmütige Wunsch des Ehrenausschusses (Vorsitzender Max v. Schillings), dass das Symphoniehaus in Stuttgart errichtet werden möge. Im Namen der Stadt sprach Oberbürgermeister Lautenschlager seine Freude über diesen Beschluss aus. Die weiteren Arbeiten werden sich mit der Finanzierung des Unternehmens, mit Bauausführung und Betrieb zu befassen haben. Haigers Entwurf stehe als gute Schöpfung der Antike dar, befreit von aller Qual der Erfindung. Niemals sei der Gedanke gekommen, etwa einen Wettbewerb auszuschreiben? Das Symphoniehaus kann nach der ganzen Art des Haigerschen Plans nur auf einem Hügel stehen. Wie aber wirkt der Tempel in der schwäbischen Hügellandschaft? Wie stellt man sich einen völlig aus dem Stadtbild herausfallenden, einsamen Tempel vor, wie will man ihn künstlerisch rechtfertigen? Hat unsere Zeit nichts zu sagen, wenn man ein Symphoniehaus bauen will, zu dem ganz Deutschland die Mittel Bewilligen soll?    

Neue Musik-Zeitung, 35. Jahrgang 1913/14, Nr. 5, S. 97

Vor 50 Jahren

Neue Musik für Laien – zunächst Skepsis und Fragen gegenüber diesem Angebot. Es sollte eine Musik sein, die sich den geistig- musikalischen Problemen unserer Gegenwart stellt. Stichworte für diese Probleme: Zwölftonmusik, serielle Musik, die sog. „offene Kompositionsform“ (oder postserielle Musik), die Verarbeitung konkreter  Klänge auf dem Tonband, also musique concrète – elektronische Musik und Jazz. Bewusst ausgenommen: die neobarocke Spielmusik und der Neofeudalismus, weil beide seit Jahren den musizierenden Laien an den Kernfragen vorbeiführen. Wer an einer solchen Irreführung mitwirkt und sie vielleicht auch noch ideologisch oder gar weltanschaulich verbrämt – leider gibt es allenthalben Beispiele dafür, besonders unter denen, die von berufswegen der Jugend Musik vermitteln – der muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass er den musizierenden Laien geistig nicht für voll nimmt.

Um den Laien mit diesen Problemen und ihren verschiedenen Konsequenzen zu konfrontieren, bedarf es natürlich einer Literatur, die in ihren technischen Anforderungen nicht über die Fertigkeiten eines fortgeschrittenen Dilettanten hinausgeht. Ein noch ungelöstes Problem, dessen sich die avantgardistischen Komponisten mehr als bisher annehmen sollten. Alle noch so gut gemeinten Einführungen in neue Musik helfen wenig, wenn dem Musikliebhaber nicht gleichzeitig eine echte Begegnung in der lebendigen Auseinandersetzung mit dem Material und seinen Verarbeitungstechniken ermöglicht wird. So geht es nicht nur darum, mit den jungen Instrumentalisten neue Musik zu spielen, sondern ihnen gleichzeitig eine heute gebräuchliche  Kompositionsmethode bewusst zu machen    und damit das rein musikalische Spiel über einen musikalischen Denkvorgang zu leiten (Eberhard Schmidt).

„Musikalische Jugend“, XII. Jahrgang 1963/6, S. 20

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