Schiffs-Meldung

Theo Geißler über das Leben an, unter und auf Deck und schlimme Unfreihandelsabkommen


(nmz) -
Eine Woche Paar-Urlaub. Boot auf Südberliner Binnen-Gewässern. Natur pur. Fern vom Fernseher und (fast allen) sonstigen digitalen Fremdbestimmungs-Instrumentarien. Immerhin: ein CD-Player lässt gerade bei Abendrot das Tschaikowsky-Violinkonzert mit Janine Jansen ausklingen. Seelenfriede stellt sich ein. Aber: Zeit für die täglichen Nachrichten via Bord-Radio. Krieg in der Ukraine, Krieg im Gaza-Streifen, Krieg im Irak und in Syrien, tausende Zivilisten sterben, ein amerikanischer Journalist wird von IS-Fanatikern geköpft. Der Optimismus des Tschaikowsky-Finalsatzes tönt plötzlich sehr schal nach. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun? Ist energisches Verdrängen angesagt, eingedenk des zauberhaften Dämmerungs-Himmels und der selbsterklärten Machtlosigkeit in solchen weltpolitischen Katastrophen? Erstmal Stille an Bord.
Ein Artikel von Theo Geißler

Zeit zum Anlegen am mit feinen Yachten gut belegten Steg eines Fischers, der frisch räuchert. Ohne Bugstrahl-Ruder und dank bescheidener Kompetenz des Skippers immer ein Manöver mit Diskussionsbedarf zwischen Kapitän und sensibler Leichtmatrosin, die ein nur dem Dieselbrummen geschuldetes deutliches Kommando schon mal als verbale Aggression empfindet. Weil er wohl sieht, dass wir dabei sind, ein echtes Luxus-Schiff zu rammen, rast der Fischer herbei, fängt unsere vierzig Jahre alte Bützfleth ab und brüllt, ob denn an Bord kein Kapitän sei, der klare Anweisungen erteile. Auf See gäbe es keine Demokratie. Und wenig später, als wir sicher vertäut sind, ergänzt er schief lächelnd: Ebensowenig wie hier an Land. Man müsse sich nur mal den ganzen Europa-Quatsch angucken: Reglementierungen sogar beim Räucher-Material – alles idiotisch.

Der Aal, auf dem Achterdeck serviert, schmeckt trotzdem vorzüglich, als mein eigentlich nur aus Sicherheitsgründen mitgeführtes Handy bimmelt. Ein guter Freund aus der Musikverbands-Szene will mich schleunigst informieren, dass TTIP, jenes vermaledeite heimlich verhandelte Freihandelsabkommen zwischen EU und USA nicht die einzige Gefährdung unserer musikalischen Bildung, unserer Musikkultur, ja unserer Demokratie in Gänze sei. Inzwischen würde – noch geheimer – seitens der EU-Kommission mit anderen wirtschaftsliberalen Ländern das TISA – Trade in Services Agreement – gedealt. Ziel von TISA sei die durchgreifende Liberalisierung von Dienstleistungen wie Bildung, Wasser, Energie, das Gesundheitswesen, die Sozialversicherungssys­teme. Da ginge es den von öffentlicher Hand finanzierten Kulturinstitutionen dann endgültig an den Kragen. Dabei konnte der Verband deutscher Musikschulen doch gerade vermelden, dass die Blockflöte als Anfänger-Instrument zunehmend von teureren Klangerzeugern wie Klavier oder Saxophon abgelöst würde – doch ein beachtlicher Wirtschafts-Aufschwungsfaktor. Dank des (verlogenen) Hinweises, ich müsse aus bekannt aktuellen Gründen jetzt Nachrichten hören, verbunden mit einem ernstgemeinten „Wir-kümmern-uns-drum“ konnte ich das Gespräch rasch beenden. Tafelmusik, was Heiteres, LaBrassBanda in den Player. Trotzdem schmeckt der Aal plötzlich wie der fußgefüllte Stiefel, aus dem er sich wohl zuletzt ernährt hatte…

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