Schilderwälder

Cluster 2015/12 - Gordon Kampe


(nmz) -
Neulich morgens, gerade hatte ich meine Tochter zur Schule gebracht, bemerkte ich ein neues Straßenschild direkt vor meiner Haustür, das mir wegen anstehender Baumschnittarbeiten ein absolutes Parkverbot erteilte. Zwar stehen in der Straße keine Bäume, aber mir fällt es selbstredend nicht ein, die Entscheidungen der Obrigkeit frech zu hinterfragen. Ich klebte lediglich, denn ich war so kurz vorm Wochenende bes­ter Stimmung, ein Bild davon in mein facebook und erfreute mich an belang- und folgenloser Albernheit.
Ein Artikel von Gordon Kampe

Am Tag danach kommentierte jemand meinen Blödsinn. Man müsse sich wegen der fehlenden Bäume „Alleen imaginieren“. Wie man, dachte ich leicht mürrisch, gerade jetzt unter derlei Belanglosigkeiten überhaupt noch irgend­etwas hinzufügen könne. Doch alsbald verstand ich die tröstliche Weitsichtigkeit des Schildes mitsamt dem Kommentar. Denn wo alles bereits weggesägt ist, denken wir uns Alleen in die Luft: „Ich glaube schon“, sagte Heiner Müller einst nach einer Brecht-Lektüre, „die politische Hauptfunktion von Kunst ist jetzt, Phantasie zu mobilisieren.“

Das Schild – und endlich funktioniert Bürokratie so, wie sie es soll – wies nicht auf einen aggressiven Säge-Akt hin, sondern forderte mich ganz persönlich heraus, immerhin stand das Schild doch vor meiner Haustür. Kein Parkverbot ward ausgesprochen, sondern ein an-Heiner-Müller-Denk-Gebot. Liebe Ämter: Bitte stellt Schilder auf. Oder weitaus besser: pflanzt ganze Schilderwälder! Wir brauchen das mehr denn je.
  

Das könnte Sie auch interessieren: