Schöpferische Kräfte erforschen und fördern

25 Jahre Sudetendeutsches Musikinstitut Regensburg


(nmz) -
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die aus dem Gebiet der Tschechoslowakei geflohenen oder vertriebenen deutschsprachigen Bewohner Böhmens und Mährens zu großen Teilen Aufnahme im benachbarten Bayern gefunden. Der bayerische Ministerpräsident Hans Ehard nahm dies zum Anlass, auf dem Sudetendeutschen Tag 1954 in München die Sudetendeutschen (wie der Sammelbegriff für diese Volksgruppe seit den 1920er-Jahren lautete) zum „vierten Volksstamm Bayerns neben Altbayern, Schwaben und Franken“ zu ernennen.
Ein Artikel von Gerhard Dietel

Als spätes Echo dieser Schirmherrschafts-Übernahme kann man es deuten, dass es 1991 in Regensburg mit politischer Förderung zur Gründung des „Sudetendeutschen Musikinstituts“ kam, wobei der Bezirk Oberpfalz die Trägerschaft übernahm und diese dankenswerter Weise noch heute, im fünfundzwanzigsten Jahr des Bestehens innehat. Unter der Leitung des 1941 in Elbogen an der Eger geborenen Komponisten Widmar Hader wurde das Institut zunächst im Zentrum Regensburgs aufgebaut und später in die Räume des Bezirks Oberpfalz im Stadtsüden verlegt.

Nachdem Hader in den Ruhestand gegangen war, übernahm der Musikwissenschaftler Andreas Wehrmeyer 2007 die Leitung und setzt seither die Arbeit seines Vorgängers tatkräftig fort. „Das Sudetendeutsche Musikinstitut hat die Aufgabe, das Erbe und die schöpferischen Kräfte der Musikkultur der Böhmischen Länder in ihrer ganzen historischen Breite vom Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der Bevölkerung deutscher Sprache, Abstammung oder Nationalität zu erforschen, zu dokumentieren und zu fördern. Die Anstrengungen gelten einem Kulturraum, der als Teil der europäischen Kultur und insbesondere in seinen verwickelten deutsch-tschechischen Wechselwirkungen zu begreifen ist“ – So liest man es im Internetauftritt des Instituts, mit gebotener Zurückhaltung bei der Beschreibung der schwierigen deutsch-tschechischen Geschichte.

Wer beim Namen des Instituts noch an die verbohrte Haltung mancher Funktionäre der „Sudetendeutschen Landmannschaft“ in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten dächte, läge also falsch. Nicht auf politische Konfrontation, sondern von Anbeginn an auf Kooperation über die Grenzen hinweg war die Arbeit des Instituts ausgerichtet: schon fast ein Jahrzehnt, bevor die tschechische Republik der Europäischen Union beitrat, wurde im Jahre 1995 eine enge Partnerschaft mit dem Musikwissenschaftlichen Institut der Masaryk-Universität in Brünn vereinbart. Weitere Kooperationen haben sich inzwischen mit den Universitäten Olomouc (Olmütz) und Ostrava (Ostrau) ergeben sowie mit der Tschechischen Akademie der Wissenschaften.

Musikalien, Fachliteratur, Handschriften, Tonträger und Dokumente aller Art zur Musik der böhmischen Länder sammelt das Sudetendeutsche Musikinstitut, wobei die Präsenzbestände mit ihren mehreren Tausend Medieneinheiten für Wissenschaftler und sonstige Musikinteressierte zugänglich sind. Umfangreicher noch ist der Bestand an Archivalien, darunter Autographen, Manuskripte, Plakate, Bilder, Mikrofilme, Briefe nebst dem Sonderbestand des einst von Heinrich Simbriger angelegten „Musikarchivs der Künstlergilde Esslingen“, das sich als Depositum in den Räumen des Sudetendeutschen Musikinstituts befindet. Vieles harrt hier noch der wissenschaftlichen Aufarbeitung, so dass den Mitarbeitern des Instituts und interessierten Musikforschern die Arbeit so bald nicht ausgehen dürfte.

Soweit es die finanziellen Möglichkeiten zulassen, tritt das Sudetendeutsche Musikinstitut auch mit Konzerten an die Öffentlichkeit, wobei es den Festsaal des Bezirks Oberpfalz nutzen, aber auch manche seiner Veranstaltungen ein zweites Mal in der Region oder im Kulturforum des Sudetendeutschen Hauses in München präsentieren kann. Die Programme dieser Konzerte sind darauf angelegt, neben bekanntem Repertoire weniger Geläufiges mit besonderer Berücksichtigung der böhmisch-tschechischen Musikkultur zu präsentieren und dabei auch Künstler aus Tschechien einzuladen. Auf seine Tätigkeit macht das Sudetendeutsche Musikinstitut ferner mit Publikationen aufmerksam. In der Ära Widmar Haders wurde unter Mithilfe zahlreicher externer Autoren ein zweibändiges „Lexikon zur deutschen Musikkultur, Böhmen, Mähren, Sudetenschlesien“ erarbeitet, das 2000 erscheinen konnte. Seit 2009 gibt das Institut ferner die Schriftenreihe „Neue Wege – nove cesty“ heraus, die inzwischen auf 10 Bände angewachsen ist. Zusammen mit dem Kabinett für Musikgeschichte an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften wurde im letzten Jahr ein zweisprachiger Sammelband („Zwischen Brücken und Gräben“) zu den deutsch-tschechischen Musikbeziehungen in der Zwischenkriegszeit publiziert, und kürzlich entstand in Zusammenarbeit mit dem Label tyx-Art eine CD mit böhmischer Streicherkammermusik des späteren 18. Jahrhunderts.

Das alles bildet eine stolze Bilanz nach 25 Jahren, bedenkt man die beschränkten finanziellen und personellen Möglichkeiten des Instituts, und gibt Anlass zum Feiern: mit einem „Festakt“ und einer Konzertveranstaltung wird am 3. Juni im Festsaal des Bezirks Oberpfalz des 25. Geburtstags des Sudetendeutschen Musikinstituts gedacht.

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