Seit Jahrhunderten im Dienst der Wahrheit tätig

Aus dem Cellokästchen geplaudert: Wolf Wondratschek im Gespräch über seine Erzählung „Mara“


(nmz) -

Durch viele Hände ist es gegangen, hat genialische Interpreten erleben dürfen und mediokre Spieler über sich ergehen lassen müssen, hat die Musikgeschichte seit Beginn des 18. Jahrhunderts am eigenen Leib erfahren, erspürt und selbst zum Klingen gebracht: das Stradivari-Cello „Mara“, das nun in dem Poeten und Erzähler Wolf Wondratschek seinen Chronisten, seinen Ghostwriter gefunden hat. Denn dessen neues Buch ist eine Zwischenbilanz dieses bewegten Instrumentenlebens aus der Ich-Perspektive des Cellos. Für die neue musikzeitung sprach Juan Martin Koch mit dem Autor über diese ungewöhnliche Erzählform, über die letzten Geheimnisse der Musik und das Wiedergeborenwerden.

neue musikzeitung: Ein Keim Ihres neuen Buches scheint ja in der Passage einer Ihrer letzten Erzählungen „Die große Beleidigung“ angelegt zu sein. Dort stellt sich ein Bankier die Seele einer Geige vor, die sich danach sehnt, gestohlen zu werden, um dem „Tod im Tresor“ zu entgehen. Führen Instrumente also ein Eigenleben?
Wolf Wondratschek: Oh, da bin ich mir ganz sicher. Das billige ich sogar einer Pauke zu. Sogar dem Blech. Unterhalten Sie sich mal mit einem Hornisten, sehr aufschlussreich ist das. Die beichten ihrem Instrument mehr als dem Herrgott. Und wie große Angst sie haben vor seinen Launen. Und vor der Unbestechlichkeit seines Urteils. Es kennt kein Pardon, kein Erbarmen, verzeiht keine Schlamperei. Es fordert Können, Kenntnisse und Hingabe. Und, noch unverschämter, Glück. Bei Streichinstrumenten (und nicht nur, natürlich, denen aus der Werkstatt Stradivaris) ist der Verdacht, es handle sich um Lebewesen (mit jeweils individuellen Besonderheiten und Eigenarten) natürlich am naheliegendsten. Warum das so ist? Vielleicht weil sie klingen wie Seelengesang – und das aus einer Nähe und Intimität heraus, die etwas Unheimliches haben kann?

: Das Stradivari-Cello „Mara“, dem Sie seine eigene Lebensbeschreibung in den Mund legen, ist ja keine Fiktion. Es existiert, heute gespielt von Heinrich Schiff. Und so macht diese Autobiografie der anderen Art auf der einen Seite den Eindruck minutiöser historischer Recherche (und ist es wohl auch), auf der anderen Seite ist aber die Erzählperspektive reine Fiktion. Würden Sie das als eine Spannung, einen Gegensatz sehen oder als unproblematische Balance? Der wenig prätentiöse Tonfall, den „Mara“ anschlägt, spricht ja möglicherweise für Letzteres…
Wondratschek: Ich habe mir da, ehrlich gesagt, nie Sorgen gemacht, noch weniger ab jenem Tag, als ich Heinrich Schiff besuchte und wir uns einen Abend lang unterhielten (nicht über Mara, nicht einmal über Musik!) und ich, als ich mich umschaute, plötzlich das „Mara“ da liegen sah, direkt hinter mir. Hoppla, dachte ich, da ist es und hört uns zu. So lag es, dachte ich, in Argentinien in einer Wohnung und hörte zu, im London des neunzehnten Jahrhunderts oder in Wien zu Lebzeiten Mozarts.
Was den, wie Sie es nennen „wenig prätentiösen Tonfall“ angeht, so musste klar sein, dass dieses Instrument ganz gegenwärtig ist, ganz up to date. Es hat mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert zu tun, mit Flugzeugen, musikalischen Arenen und zeitgenössischer Musiksprache. Es lebt, weil es schnell lernt. Und es lebt, weil das Holz lebt und in ihm die lebendige Luft. Es trauert keiner Vergangenheit nach, auch nicht deren sprachlichem Ausdruck. Aber wie die Tonarten, in denen Musik gesetzt ist, wechseln, variiert das „Mara“ doch auch seinen Tonfall und spielt (wie es das als Musikinstrument kennt) auch mit den Möglichkeiten seines Sprechens.

: Und erzählt bisweilen mehr, als es eigentlich wissen kann…
Wondratschek: Wissen wir denn, was es wissen kann, dieses Cello? Und bedenken Sie noch etwas: Als Musikinstrument ist es, rein beruflich und seit Jahrhunderten im Dienst der Wahrheit tätig, der musikalischen Wahrheit. Es vibriert in diesem Fieber von Anfang, von Geburt an, und das buchstäblich. Wollen Sie sich bitte die Anforderungen dieser Anstrengung vorstellen? Kein Wunder, denke ich, dass es (in seiner Freizeit sozusagen, zur eigenen Erholung und Entlastung) einfach mal Lust hat, ein wenig zu übertreiben, zu bluffen, zu lügen sogar, fantasievoll zu lügen, versteht sich, auch: Geschichten einfach zu erfinden, auch die unwahrscheinlichsten? Alles in allem ist Mara, was das betrifft, ein, wie ich finde, begabter Erzähler. Ich habe viel gelernt von ihm.

: Einer der Besitzer ist auf der Suche nach einem letzten Rest „an noch nicht, noch überhaupt nie erklungenem Klang“, den das Cello berge. Ein letztes Geheimnis, das Musik ganz allgemein nicht preisgibt?
Wondratschek: So ist es. Viele letzte Geheimnisse, wenn ich nicht irre. Wie in der Poesie, die Nabokov als „Mysterium des Irrationalen“ definierte, wahrgenommen durch rationale Worte – oder in unserem Fall, noch rätselhafter, durch Töne, Klänge, reine Schwingung. Wir Menschen sind beim Hören von Musik Klangbotschaften ausgesetzt, die ganz zu entschlüsseln wir nicht wirklich fähig sind. Wir gehen beim Hören von Musik ein Bündnis ein mit Erwartungen, denen entsprechen zu können wir uns kaum noch zutrauen. Wir fliehen fast vor der Hypnose, die sich in uns einschleicht, ängstigen uns beharrlich vor einer Wirkung, deren Risiken wir gern anderen überlassen, denn wir wissen: wir sind für nichts so erreichbar wie für Musik (jede Art Musik im übrigen). Homer hat uns das vorerzählt mit seinen Sirenen.

: Welche Rolle spielt dabei die körperliche Präsenz von Musik?
Wondratschek: Genau die homerische. Odysseus lässt sich an den Schiffsmast binden (mit wachsverstopften Gehörgängen). Da wird das deutlich. Menschen, die in Chören singen, sind trancegefährdete Einzelwesen, sich selbst gefährdend durch den Ausnahmezustand, selbst Instrument zu sein. Sich trauen zu singen, davon hat der normale Mitteleuropäer jede Ahnung ziemlich gründlich verloren. So viel Selbstaufwallung der Seele ist lasziv, es gehört sich fast nicht, der Unwiderstehlichkeit eines aus dem Körper kommenden Klangs nachzugeben. Wir haben die Fähigkeiten geopfert, wild zu sein. Wir sind zivilisiert, also ent-radikalisiert, und so gesehen geeicht auf Gleichgültigkeit.

: Was bedeutet das für das Sprechen über Musik? Die beiden längeren – im weitesten Sinne – Beschreibungen von Musik (Oper im 18. Jahrhundert, zeitgenössische Musik heute) liegen ja nur wenige Seiten auseinander und sind doch so verschieden wie das Erklingende selbst.
Wondratschek: Die Oper will an die unterdrückten Gefühle andocken. Sie versucht das ja in den Opernhäusern der Welt Abend für Abend. Da wäre die eine oder andere Ohnmacht eigentlich immer noch möglich, also jener kleine Tod der Sinne durch eine Überdosis an Sympathie. Aber was geschieht statt dessen? Die Menschen emigrieren vor der Wucht, die bald kein Innen und kein Außen mehr kennt, in Frisuren, Garderoben, Geschwätz am Pausenbuffet, Verabredungen für danach. Das ist die Lage. Es gibt keinen Pakt mehr zwischen dem Gehörten und dem daran Unerhörten. Die zeitgenössische Musik haut uns diese Ankündigung regelrecht um die Ohren.

: Als Instrument wiedergeboren – welches wären Sie (gerne)?
Wondratschek: Erraten, ein Cello. Nicht unbedingt „Mara“ – oder eines aus der Stradivari-Gang. Auf diesen Familiennamen wäre ich nicht versessen. Was mich zu dieser Wahl veranlasst, ist der Klang dieses Instruments. Weshalb ich als kleiner Bub mich ja (und das selbstständig) entschieden habe, mir einen Cellolehrer anzuschaffen und mich elf Jahre privat unterrichten ließ. Ich habe das alles noch gut im Ohr. Und denke deshalb: Warum nicht also gleich als Klang wiedergeboren werden dürfen, als der einer D-Saite zum Beispiel? Kleine Bitte: Klang, ja, aber ohne allzuviel Vibrato.

Wolf Wondratschek: Mara. Eine Erzählung, Carl Hanser Verlag, 202 Seiten, € 17,90, ISBN 3-446-20361-3

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