Sensible Rhetorik, feinfühlige Temporückungen

Klavier-Abend Jamina Gerl im Dezember 2014 im Theatersaal Augustinum Bonn


(nmz) -
Ihren jüngsten Erfolgen in den Vereinigten Staaten, wo sie sich nach ihrem Diplom an der Kölner Musikhochschule weiter hat ausbilden lassen, verdankt die Bonner Pianistin Jamina Gerl ihren ausgezeichneten Ruf in der Neuen Welt.
Ein Artikel von Fritz Herzog

Von der hohen Qualität ihres Spiels konnte man sich bei ihrem Recital Ende letzten Jahres auch im Bonner Augustinum überzeugen. Geschmackvoll hatte sie den ersten Teil des Abend mit Mendelssohns Fis-Moll-Fantasie op. 28, Bachs Präludium und Fuge h- Moll BWV 893, Beethovens 32 Variationen über ein Originalthema c-Moll WoO 80 sowie mit Debussys „L‘Isle joyeuse“ zusammengestellt und krönte diesen im zweiten Teil dann mit Lisztsgroßformatiger h-Moll-Sonate.

Die „Löwin am Klavier“, als die Jamina Gerl von der Presse in den USA apostrophiert wurde, gab sie mit ihrem Liszt-Spiel in Bonn allerdings nicht. Im Gegenteil: „Bravour um ihrer selbst willen“ sei, „das letzte, was Liszt verdient“, hat Alfred Brendel scharfsinnig seinen Ansatz einmal umrissen. Und genau in diesem Sinne versteht auch Gerl „ihren“ Liszt. Technisch über jede noch so große Schwierigkeit erhaben, ist hier keine selbstverliebte Tastenakrobatik zu erleben, sondern eine außergewöhnlich tiefschürfende Interpretation, die die virtuosen Aspekte dieses immerhin 760 Takte umfassenden und durchgängig komponierten, Robert Schumann gewidmeten Sonaten- Boliden konsequent in den Dienst einer absolut stimmig wirkenden Anamnese des Phänomens „Franz Liszt“ stellt.

Mit schlüssig disponierter Dramatik begegnet Gerl auch Mendelssohn, den sie stilsicher als lyrischen „Erzähler“ aushört, wobei selbst der drängende Drive des finalen Presto dessen poetischen Gehalt nicht an den Effekt verspielt. In sensibler Rhetorik, mit feinfühligen Temporückungen, wird darauf Bachs letztes Werk aus Band I des „Wohltemperirten Claviers“ realisiert in einer Weise, welche die eigentliche Modernität Bachs deutlich unterstreicht.

Einer Art Temperamenten- Lehre gleicht Gerls Lesart von Beethovens Variationen- Zyklus‘, womit sie die breite Wandlungsfähigkeit von Beethovens energetischer Variationen- Kunst spannungsreich belegt.

Gegen diese Intensität bei Beethoven wirkt Debussys impressionistisch heitere Bildbeschreibung (Watteaus „Einschiffung nach Kythera“) zum Abschluss des ersten Teils regelrecht entspannend. Begeistert wurde dieser Abend vom Publikum aufgenommen.

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