Hauptbild
Dem verneinenden Geist ins Gesicht sehen: Wolfgang Rihm. Foto: Charlotte Oswald
Dem verneinenden Geist ins Gesicht sehen: Wolfgang Rihm. Foto: Charlotte Oswald
Hauptrubrik
Banner Full-Size

Silence to be beaten – Von der Tugend des Sagens

Untertitel
Wolfgang Rihm zum Siebzigsten · Von Markus Hechtle
Publikationsdatum
Body

Am 13. März feiert der Komponist und Hochschullehrer Wolfgang Rihm seinen 70. Geburtstag. Sein ehemaliger Schüler Markus Hechtle, jetzt selbst Professor für Komposition an der Hochschule für Musik Karlsruhe, gratuliert ihm auf seine Weise.

Wie eine Ewigkeit erschien mir der Blackout, den ich vergangenen November während meiner Eröffnungsrede zum Futurologischen Kongress in Karlsruhe erleben musste. Spontan wollte ich einen Satz von Wolfgang Rihm zitieren und – er fiel mir partout nicht mehr ein. Ich stand am Rednerpult und starrte vor mich hin, das Publikum hielt den Atem an und – ich schwieg. Der Satz war wie weggeblasen. Ausgerechnet dieser Satz, der mich seit vielen Jahren begleitete, der mich oft ermutigte, der mir immer wieder Kraft und Zuversicht schenkte! Kaum hatte ich meine Rede beendet, war er natürlich sofort wieder da: Die Tugend des Sagens der Angst vor dem Versagen vorziehen.

Ich weiß nicht mehr, in welchem Zusammenhang dieser Satz stand, auch nicht, ob ich ihn gehört oder gelesen habe, ich weiß nur, dass er von Wolfgang Rihm stammt: Die Tugend des Sagens der Angst vor dem Versagen vorziehen. Der Satz scheint eine Aufforderung, eine Empfehlung, eine Handlungsanweisung zu sein. Da ich weiß, dass Wolfgang Rihm nichts ferner liegt, als andere belehren zu wollen, blieb mein üblicher Abwehrreflex gegenüber unerbetener Lebensberatung aus und der Satz konnte mich treffen und mir in manchen Situationen Hilfe zur Selbsthilfe werden. Auch jetzt, in diesem Moment, in dem ich diesen Artikel schreibe. Denn schon unmittelbar nach meiner Zusage fragte mich eine innere Stimme mit besorgtem Unterton, ob der Text in dieser kurzen Zeit denn zu schaffen sei, um danach leise, aber insistierend und nicht frei vom Vorwurf der Selbstüberschätzung, Bedenken anzumelden, ob ich dieser Aufgabe überhaupt gewachsen wäre. In solchen und ähnlichen Momenten habe ich mich oft an diesen Satz erinnert und manchmal gelang es mir tatsächlich, die Zweifel zugunsten eines Äußerungsversuchs zu überwinden, konnte ich dank seines Zuspruchs die Tugend des Sagens der Angst vor dem Versagen vorziehen.

Vielgesichtige Stille

Mit dem Sagen brechen nicht nur wir Komponist*innen die Stille. Aber auch Stille kann Sagen bedeuten – die Stille, die wohltuend, lähmend, verräterisch und geheimnisvoll, gespannt und gelöst, groß und nervös, endlos und bleiern sein, die so viele Eigenschaften haben kann, dass ihr kein Wert an sich zugeschrieben werden darf. So können wir nie grundsätzlich wissen, ob Stille gebrochen oder herbeigeführt werden muss. Die Stille ist vielgesichtig, ja, vielfähig. Als eines der wichtigsten kompositorischen Elemente liegt sie auf dem Tisch der Komponist*innen stets griffbereit, immer in Reichweite – jedoch eigenschaftslos, qualitätsfrei zunächst. Eigenschaften verleihen wir ihr erst durch ihren Einsatz an genau jener Stelle, zu genau jenem Zeitpunkt, in exakt diesem Moment und Zusammenhang.

Als ich vor wenigen Wochen mit Stu­dent*innen zum Eröffnungskonzert des Streichquartettfests nach Heidelberg fuhr, bei dem Musik von Wolfgang Rihm im Zentrum stand, hatte einer der Studenten, Menghao Xie, Geburtstag. Er wurde 25. Ich bedauerte, dass wir nach dem Konzert nicht würden feiern können, da es in Baden-Württemberg eine Sperrstunde für die Gastronomie gab, worauf Menghao erwiderte, ja, das sei sehr schade, denn in seinem Alter könne man Geburtstage ja noch feiern. Ich staunte und fragte, ob es nicht eigentlich umgekehrt sei und es mit zunehmendem Alter mehr Grund gäbe, Geburtstage zu feiern, schließlich könne man froh sein, sie überhaupt zu erleben. Menghao nickte wenig überzeugt. Und mir wurde wieder klar, dass sich mit dem Älterwerden eben auch das Erleben des Älterwerdens verändert. Geburtstage scheinen den Alternden schon deshalb immer wertvoller zu werden, weil mittlerweile weder die Anwesenheit geliebter Menschen noch die des Geburtstagskindes selbst als selbstverständlich gelten darf.

Jubiläen, für die ich früher nur Hohn und Spott übrig hatte – wie etwa das fünfundsiebzigste Jubiläum des Männergesangsvereins Rottweil e.V. oder das vierzigjährige Dienstjubiläum von Oberstudiendirektor Dr. Gottlieb Nietnagel –, geben in Anerkennung der Leistung, bis dato immerhin irgendwie durchgehalten zu haben, plötzlich auch mir einen plausiblen Grund zum Feiern. Durchhalten scheint eine Leistung zu sein, die vor allem dann öffentlich gewürdigt wird, wenn es sich um Meeresdurchschwimmer*innen, Gebirgebezwinger*innen oder Wüs­tendurchquerer*innen handelt. Im Falle von Künstler*innen tritt diese Leistungskategorie zugunsten ihres Werks meist in den Hintergrund. Sicher aber gibt es Künstler*innen, deren Werk hätte großartig sein können, wenn es denn entstanden wäre.

Allein der Konjunktiv verrät: Begabung heißt nicht nur, etwas besonders gut zu können. Begabung heißt auch, überhaupt etwas zu tun, es irgendwie und weiterhin tun zu können. Begabung heißt, Talent zur Angstbewältigung, zur Angstüberlistung, zur Angstintegration zu besitzen oder zu entwickeln, Begabung heißt, der Tat, der Äußerung Vorrang einzuräumen gegenüber dem Zweifel, der auf unserer Schulter sitzt und uns mit klagendem Stimmchen oder dröhnendem Raunen die Wahrscheinlichkeit unseres Scheiterns vorrechnet, unser Versagen prognostiziert, uns mit diabolischer Überredungskunst die Katastrophe prophezeit. Gegen diese Stimmen anzukommen, sie zu vertreiben, zu überhören, sie zu verhöhnen, sie vielleicht aber auch in die Arbeit miteinzubeziehen, die Skrupel zu Freunden und dadurch zu Ermöglichern zu machen, gehört zur Kernbegabung der Tätigen. Denn nur das Tun, nur die Tat kann die Angst vor dem Scheitern überwinden, jener negativen Kraft, die dem Verschwinden dient, die sich der Verhinderung verschrieben hat.

Zugegeben, ein Albtraum war es nicht, im Gegenteil, ich fühlte eine gewisse Genugtuung, vor allem jedoch tiefe Erleichterung, als im festlich geschmückten und aus allen Nähten platzenden Saal im Haus der Kunst die Vorsitzende der Gesellschaft für Unterlassene Taten, kurz GUT, ihre Laudatio auf mich begann: „Mit großer Dankbarkeit möchten wir heute Herrn H. gratulieren und ehren für all das, was er nicht geschaffen hat. Wir bewundern, dass er meist nicht schaffte, was er sich vorgenommen hatte, dass er selten über seinen Schatten zu springen vermochte, dass er fast immer seinen Zweifeln erlag und nichts tat, obwohl er aufgrund seines außergewöhnlichen Talents, seiner geradezu inkommensurablen Begabung durchaus etwas hätte schaffen können. Indem er über Jahre hinweg erfolgreich verhinderte, etwas entstehen zu lassen, ist es ihm gelungen, nicht nur nichts zustande zu bringen, sondern auch in nicht unerheblichem Maße das Nichts zu akkumulieren. Sein Beitrag zu nichts kann daher nicht hoch genug bewertet werden und wir möchten Herrn H. in Anerkennung dieser Leistung den Großen Preis des Lassens zuerkennen. Herzlichen Glückwunsch!“

Auch der Drang, die Begabung anderer klein reden, die Taten anderer nicht anerkennen, andere für ihre Produktivität bestrafen zu wollen, hat meist Neid zum Vater und jene Kraft zur Mutter: Mein Gott, musste das jetzt auch noch sein? Muss man denn immer und überall sich äußern? Geht’s nicht mal eine Nummer kleiner, etwas bescheidener!? – Wer kennt sie nicht, die Versuchung, vom eigenen Versagen abzulenken, das eigene Unvermögen in eine Leistung umzudeuten, indem ein vermeintlicher Verzicht als Tugend ausgelobt wird? Gegen Ende von Jurysitzungen keimt nicht selten der Wunsch, den ersten Preis nicht zu vergeben, da doch eigentlich keine oder keiner der Bewerber*innen den hohen Anforderungen gerecht geworden sei. Dann siegt auch hier die Angst, möglicherweise die falsche Entscheidung zu treffen und durch das Bekenntnis zu einer Leistung, zu einer Person, von der man nicht hundertprozentig überzeugt ist, angreifbar zu werden. Indem die Jury mit großem Bedauern verkündet, den ersten Preis nicht vergeben zu können, adelt sie ihre Entscheidunsgsschwäche und verleiht sich schulterklopfend selbst den ersten Preis. Mit der Betroffenheit Betroffener durchschauen selbst Hobbypsychologen diese Strategie – und doch ist niemand davor gefeit, ihr zu folgen, falls erforderlich.

Fragile Freiheit der Kunst

Verlässlich meldet sich erneut der Widerspruch zu Wort mit der Frage, ob die Welt nicht eine bessere wäre, wenn weniger Schwachsinn produziert würde, wenn uns Viele, wenn nicht die Meisten, mit ihrem Gesagten verschonten, auf ihr Sagen verzichteten. Wie oft möchten wir manchen Leuten ein kurzes, aber trockenes SchonmalWasVomNutzenDesLassens­Gehört!? um die Ohren hauen, um uns dann mit nie für möglich gehaltener Nostalgie an öde Lateinstunden zu erinnern, in denen wir mit „si tacuisses, philosophus mansisses“ gequält wurden, einem Spruch, den es sinngemäß in vielen Sprachen und Kulturen gibt, natürlich auch im Badischen: Hädsch d’Labb khalde, wärs glüger gwese (Hochdeutsch: Es wäre besser gewesen, wenn Du den Mund gehalten hättest). Der Diskurs über Sinnhaftigkeit und Qualität des Gesagten muss trotzdem nachgeordnet bleiben, darf nicht dem Sagen vorgeschaltet werden, vorausgesetzt, man möchte sie bewahren, die so wertvolle wie fragile Freiheit der Kunst. Sobald nicht nur das Produzierte sondern auch hohe Produktivität Anlass zur Kritik geben darf, beginnt jener verneinende Geist als linkischer Vertreter des Negativen händereibend Klinken zu putzen, um uns mit schlecht gebundener Krawatte und fettigem, aber penibel zurückgekämmtem Haar zwischen Tür und Angel mühelos die Versicherung anzudrehen, es sei in jedem Falle und immer besser, nichts zu tun, als unnötig Risiken einzugehen.

Ausnahmsweise ganz zu schweigen von seiner Musik, die mich seit meiner Jugend begleitet, begeistert, befremdet, beschenkt, verstört und betört, hat mich Wolfgang Rihm stets mit seinem Mut zur Äußerung, zum Ich-Sagen und Ich-Sein beeindruckt. Es trös­tet und ermutigt mich seit jeher ungemein, ihn am Schreibtisch zu wissen, mal kraftvoll und ungestüm aus der Fülle schöpfend, mal zaudernd, zweifelnd, mühsam Möglichkeiten und Wege suchend. Ich bin ungeheuer froh und dankbar, dass er da ist, dass er tut, dass er versucht, dass er Krisen nicht zelebriert, sondern integriert, dass er bereit ist, dem verneinenden Geist entgegenzutreten, ihm ins Gesicht zu sehen, seinem Blick standzuhalten, womöglich nicht mit schierer Gewalt und grober Willenskraft, mehr und eher noch mit emphatischer Schwäche und einladender Geste. 

Vor zwanzig Jahren schrieb ich: „Wolfgang Rihm wird 50!? Na und?“ Und nun? Wolfgang Rihm wird 70!? – Wie schön!

Weiterlesen mit nmz+

Sie haben bereits ein Online Abo? Hier einloggen.

 

Testen Sie das Digital Abo drei Monate lang für nur € 4,50

oder upgraden Sie Ihr bestehendes Print-Abo für nur € 10,00.

Ihr Account wird sofort freigeschaltet!