Singen in Zeiten von Corona

Forschung, Wunsch und Wirklichkeit im Widerstreit


(nmz) -
Die zentrale Frage nach mehr als zehn Wochen Lockdown, die Sänger aller Couleur, Profis wie Amateure bewegt, lautet: Wie gefährlich ist Singen momentan? In welchen Situationen ist Singen gefahrlos möglich und anzuraten? Eine Frage, die offensichtlich stark polarisiert, wie sich auch anhand von Überschriften in den Medien nachverfolgen lässt: „Wenn Singen tötet“ (NZZ, 1.4.) – „Sänger sind gefährlich, Bläser nicht“ (Tagesspiegel, 11.5.) – „Singen ist gar nicht so gefährlich“ (FAZ 15.5.), um nur einige plakative Beispiele herauszupicken. Oftmals schrecken die Journalisten dabei zur Untermauerung ihrer Thesen leider nicht vor dem Mittel des „Cherry Picking“ zurück.
Ein Artikel von David Stingl

Ein gutes Beispiel dafür ist der Artikel „Did singing together spread coronavirus to four choirs?“, erschienen am 17. Mai in „The Guardian“. Hier wird auch der Fall des Chores in Skagit County (USA) beleuchtet. Zitiert werden allerdings ausschließlich Experten, die mutmaßen, dass die Verbreitung des Virus ausschließlich dem Sozialverhalten der Chormitglieder zuzuschreiben sei. Bereits am 12.Mai ist aber erstmals der detaillierte Untersuchungsbericht der Centers for Disease Control and Prevention (CDC) zu eben jenem „Superspreading Event“ in Skagit County erschienen. Dieser legt nahe, dass die Übertragungswege in diesem Fall eben nicht allein auf das Sozialverhalten der Chormitglieder beschränkt waren. Doch was sagt die Wissenschaft tatsächlich?

Zur aktuellen Studienlage

Zum Thema Gesang wurden in Deutschland Anfang Mai zwei Studien durchgeführt, beide parallel zu Studien mit Blasinstrumenten: eine bei den Bamberger Symphonikern zusammen mit dem Freiburger Institut für Musikermedizin und die andere am Institut für Strömungsmechanik und Aerodynamik der Universität der Bundeswehr in München (siehe dazu auch Seite 3). Beide Untersuchungen bedienten sich Messmethoden der Strömungsmechanik. Damit wurde untersucht, wie weit sich Luftströme beziehungsweise Aerosole beim Singen ausbreiten. Die Studie der Bundeswehruni ist gut dokumentiert, sogar mit einem Video. Das Experiment mit der Kerze, die beim Singen nicht flackern sollte (und hier dann auch nicht flackert), ist ein uraltes Mittel aus der Trickkiste versierter Gesangspädagogen. Dabei wird allerdings auch deutlich, dass der Schwerpunkt der Untersuchung auf der Phonation von Vokalen lag. Das im Video gesungene Stück ist in italienischer Sprache, in der Konsonanten nicht aspiriert ausgesprochen werden. Das Phänomen der Konsonanten beim Singen wurde hier also bestenfalls gestreift. Insofern verwundert die Aussage des Leiters der Studie, Christian J. Kähler, nicht, dass die Luft beim Singen nur im Bereich bis zu einem hal­ben Meter vor dem Mund in Bewegung versetzt werde. Das Freiburger Institut (geleitet unter anderem von Bernhard Richter, der selbst auch Gesang studiert hat) bezog Konsonanten mit in die Untersuchung ein, dementsprechend war erst zwei Meter von einer singenden Testperson entfernt keine Luftbewegung mehr messbar.

Dieses Ergebnis scheint plausibel, wenn man die Ergebnisse einer Ende März am „Massachusetts Institute of Technology“ veröffentlichten Arbeit betrachtet. Demnach können Flüssigkeitspartikel beim Husten oder Niesen bis zu acht Meter weit geschleudert werden. Ausdrucksstarke Artikulation von Plosiven und Frikativen, auch beim Singen, wird in Sachen Reichweite irgendwo zwischen Husten oder Niesen und der Phonation von Vokalen liegen. Insofern scheinen Untersuchungen, die die Emission von Flüssigkeitspartikeln beim Sprechen zum Gegenstand haben, zielführender zu sein, als solche, die nur die reine Vokalphonation untersuchen. Zudem sollte bei Chören in die Überlegung mit einbezogen werden, dass, der Textverständlichkeit wegen, die Artikulation stets etwas stärker erfolgt als beim solistischen Singen. Der Vergleich mit lautem Sprechen ist hier also angebracht.

Untersuchungen der Emissionen beim Sprechen liegen ja bereits vor. Woran es bisher noch fehlt, sind Studien, um die Lebensfähigkeit des SARS-CoV-2-Erregers in Abhängigkeit der Partikelgröße zu verstehen. Erst dann wären konkretere Aussagen darüber möglich, wie lange und in welchem Maß Aerosole, die sich über einen längeren Zeitraum in geschlossenen Räumen ausbreiten, eine Gefahr für Menschen darstellen, die sich in diesen Räumen aufhalten.

Praxis

Mehr als vorsichtige Handlungsanweisungen sind deshalb im Moment auf wissenschaftlicher Grundlage nicht vertretbar. Als Grundsatz mag gelten, dass das Problem umso kleiner ist, je weniger Menschen in einem Raum gleichzeitig singen. Für Proben und Aufführungen mit Gesangssolisten oder 1:1-Situationen wie Gesangsunterricht bestehen mittlerweile also bereits wieder relativ gute Perspektiven.

Nach wie vor schwierig bleibt die Situation allerdings für Chöre; je größer der Chor, desto schwieriger. Für professionelle Chöre, vor allem die Opern- und Rundfunkchöre ist das Maß aller Dinge nach wie vor die „Branchenspezifische Handlungshilfe“ für den Bereich „Bühnen und Studios“ der Verwaltungsberufsgenossenschaft (VBG). Die Fassung dieser Handlungshilfe vom 7. Mai sieht immer noch einen Mindestabstand von drei Metern zwischen den einzelnen Sängern vor. Für Proben in großen Besetzungen finden unter dieser Maßgabe die meisten Chöre nur mit großen Schwierigkeiten einen geeigneten Probenraum. Aber auch die Amateurszene steht vor nicht minder großen Problemen: Selbst wenn man sich auf Abstände unter drei Metern einlässt, sind vorhandene Probenräume schnell zu klein. Zudem gehört in Amateurchö­ren oft ein hoher Anteil der Mitglieder einer Risikogruppe an.

Und dabei geht es zunächst einmal nur um die Wiederaufnahme des Probenbetriebs. Konzertszenarien in geschlossenen Räumen sind noch nicht einmal mit angedacht, von Aufführungen gemeinsam mit Orchestern ganz zu schweigen. Mit Verantwortlichen, die hier Entscheidungen treffen müssen, während sie gleichzeitig unter einem hohen wirtschaftlichen Druck stehen, möchte man in diesen Tagen nicht tauschen.


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