Smartphone-App statt Melodiediktat?

Zur Aktualität der Inhalte im Fach Gehörbildung


(nmz) -
Kürzlich hielt mir einer meiner Studierenden sein Smartphone vor die Nase und sagte: „Singen Sie mal was!“, berührte danach mit einer Geste die Glas-oberfläche und siehe da, es erschienen die Noten des soeben Gesungenen. Nicht perfekt, aber immerhin – Respekt! Der stolze Smartphonebesitzer erklärte die Abweichungen im generierten Notentext mit meiner mangelnden Präzision beim Singen. Nun, lassen wir das einmal dahingestellt.
Ein Artikel von Adrian Wehlte

Eine viel zentralere Frage richtet sich an mich als Gehörbildungslehrer: Macht es heute noch Sinn, eine halbe Stunde wertvolle Unterrichtszeit für die Notation einer achttaktigen Periode zu verschwenden, wenn das Ergebnis technisch in einer halben Minute zu haben ist? Dabei ist das Melodiediktat heute noch die klassische Disziplin im Fach Gehörbildung, wie ausnahmslos alle Eignungsprüfungen an Ausbildungsinstituten für Musik zeigen. Propagiert wurde das Melodiediktat bereits 1739 von Johann Mattheson in seinem Hauptwerk „Der vollkommene Capellmeister“. Hugo Riemann empfahl Ende des 19. Jahrhunderts den allgemeinbildenden Schulen, das Melodiediktat in den Musikunterricht zu integrieren. Seitdem bereitet dieses Handwerk einigen Schülern manch quälende Unterrichtsminuten oder gar -stunden.

Die technischen Errungenschaften zeigen, dass sich die Tradition des Faches Gehörbildung mehr auf technisch ersetzbare Routinearbeiten, als auf einen künstlerischen Prozess bezieht und daher das eigentliche Ziel dieser Routinearbeit im Verdacht steht, nur noch Selbstzweck zu sein. Also: mehr Traditionserhaltung als Erkenntniswille? Kritik dagegen hagelte es schon mehrfach vor über 50 Jahren. Stellvertretend sei Prof. Dr. Siegfried Borris genannt, der 1956 für eine Ganzheitliche Hörerziehung eintrat und die herkömmlichen Gehörbildungsmethoden in Frage stellte. In unserer Zeit wird durch Computer, Internet, Online-Enzyklopädien und ähnliches deutlich, dass weitere herkömmliche Lehrmethoden ausgedient haben, wie beispielsweise das Auswendiglernen von enzyklopädischem Detailwissen. Verallgemeinert kann man sagen, dass objektbezogenes Lehren in den Hintergrund tritt gegenüber subjektbezogenem Lernen, das eine Aneignung von Fertigkeiten bedeutet, die in der Berufspraxis erforderlich sein werden. Beim instrumentalen oder gesanglichen Hauptfachunterricht besteht kein Zweifel, dass dieser im besten Fall eben Genanntes leistet.

Im Fach Gehörbildung ist die Sachlage nicht ganz so offensichtlich, wird aber einleuchtend, wenn man das verständige Klangvorstellungsvermögen ins Zentrum rückt. Es ist wohl unstrittig, dass Musiker und Musiklehrer ein Klangvorstellungsvermögen brauchen, um ihr Instrument intonationsrein spielen zu können, um das im Unterricht oder in den Ensembleproben Gehörte beurteialen und verbessern zu können. „Verständig“ muss das Klangvorstellungsvermögen sein, da es ohne Verständnis der Grundlagen aus Musiklehre, Geschichte der Musikepochen, Satztechniken und Formen sowie Ins-trumentenkunde vage und lückenhaft bleibt.

Neben dem Training zum Erwerb eines Klangvorstellungsvermögens muss sich das Fach Gehörbildung daher in starkem Maße mit der Vernetzung dieser Fächer beschäftigen. Die Hör-analyse eines Werks im Unterricht wirft unweigerlich Fragen zu historischen, satztechnischen, formalen und instrumentenkundlichen Aspekten auf. Das ist die große Chance, umfassend und ganzheitlich auszubilden. Wer bei einer höranalytischen Aufgabe zu Mozarts Requiem ein Bassetthorn entdecken durfte, wird Bild, Bedeutung und Beschreibung des Instruments besser behalten können, als bei einem enzyklopädischen Abhandeln aller Instrumente.

So kann das Melodiediktat eines symphonischen Themas, das nicht als einstimmiges Fragment auf dem Klavier daherkommt, sondern eingebettet im symphonischen Satz und einem vollständigen formalen Verlauf, durchaus Sinn machen. Und zwar nicht am Beginn einer Gehörbildungsausbildung, sondern nachdem das innere Vorstellungsvermögen schon begonnen hat, sich durch die Praxis des Blattsingens zu entwickeln. Das Melodiediktat wird also nicht wegen des Notentextergebnisses geschrieben, sondern um gewahr zu werden, wie weit das Klangvorstellungsvermögen schon fortgeschritten ist.

Man mag den Erwerb eines Klangvorstellungsvermögens mit dem Erlernen einer Fremdsprache vergleichen, bestehend aus Vokabeln, Grammatik, Sprechpraxis und der Fähigkeit, auch bei Dialektvarianten der Fremdsprache noch etwas verstehen zu können. Kann man eine Fremdsprache lernen, indem man sich mit ihr nur in den Unterrichtsstunden (90 Minuten wöchentlich) beschäftigt? Wohl kaum! Der Appell, zwischen den Unterrichtsstunden Gehörbildung zu trainieren, verhallt noch viel eher als die Aufforderung, Vokabeln für eine Fremdsprache zu pauken. Es muss also begleitete Hausaufgaben geben, schriftlich wie mündlich, damit ein nachhaltiger Fortschritt erreicht werden kann. Zum Glück gibt es heute mediale Plattformen, wo Materialien zum Unterricht samt Hausaufgaben hinterlegt werden können: Aufgaben, die geeignet sind, das innere Klangvorstellungsvermögen zu mehren, was für Nicht-Absoluthörer eine noch viel größere Herausforderung darstellt als für Absoluthörer.

Man möge bedenken, dass ein Gehörbildungslehrer, der selbst absolut hört, sich gar nicht in die Situation von Nicht-Absoluthörern versetzen kann, so wenig, wie ein Normalsichtiger in die Haut eines Farbuntüchtigen schlüpfen kann. Für Absoluthörer mögen absolut hörende Lehrer ideal sein. Doch es gilt zu berücksichtigen, dass für sie eine andere Gehörbildungsmethodik notwendig ist als für Schülerinnen und Schüler, die nicht absolut hören. Es ist beispielsweise ein großer Unterschied, ob jemand f-as-c als Einzeltöne hört und auf den entsprechenden Dreiklang schließt, oder ob er zunächst die Dreiklangstruktur hörenderweise erkennt und danach mit seinem Musiklehrewissen die Einzeltöne nennen kann. Bei Musikdiktaten gibt es entsprechende Beispiele. Ein weiterer wichtiger Praxisaspekt, der nicht außer Acht gelassen werden soll, ist die Intonationslehre, verbunden mit dem Grundkonflikt im mehrstimmigen Musizieren, der durch das syntonische Komma verursacht wird.

Reflektiert man also die Fülle der Aufgabenfelder in der Gehörbildung, bleibt eingangs erwähnte Smartphone-App ein netter Hingucker am Rande.

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