#Sommerloch

Juan Martin Kochs zum Kulturleben im Sommer 2015


(nmz) -
Herr: es ist Zeit. Das Sommerloch war sehr groß. Aber das Sommerloch, das zu groß ist, um von den Bayreuther Festspielen gefüllt zu werden, muss erst noch im Geiste Wagners erdichtet und vertont werden. Neben Katharinas mehr oder weniger verkorkster Tristan-Deutung und Nikes Unmut über das neu gestaltete Wagnermuseum (sie­he hierzu auch Seite 16) war es die Bloggerin Juana Zimmermann (http://musik-mitallemundvielscharf.de), die für den eigentlichen Coup sorgte: Nicht zuletzt, um auf die Social-Media-Verschnarchtheit so mancher Kulturinstitution aufmerksam zu machen, richtete sie den Twitter-Account ein, den die Bayreuther Festspiele nicht haben … und alle fielen auf den #Bayreuthfake herein.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Jahrzehntelang hereingefallen ist die Musikwelt anscheinend auch auf einen Copyrightfake des Musikverlags Warner/Chappel. Wie die Recherchen der Dokumentarfilmerin Jennifer Nelson nahe legen, dürfte der Geburtstagsklassiker „Happy Birthday“, an dem Warner jährlich rund zwei Millionen Dollar verdient, schon seit den 1920ern „Public Domain“ sein. Wir wissen nicht, welches Lied zur Geburt der neuen Google-Holding erklingen wird. Als Kontrapunkt zum Größenwahn, der sich in dem gewählten Namen „Alphabet“ ausdrückt, empfehlen wir aber schon mal György Ligetis Nonsense-Madrigal Nummer drei als Firmenhymne. Während die Chefetage übt, kommt sie wenigstens auf keine blöden Gedanken.

Noch zu erfinden ist – und damit sind wir leider schon am Ende der halbwegs launigen Themen angekommen – allerdings auch das Sommerloch, das nicht mit den blöden Gedanken eines Kulturpolitikers zugeschüttet werden könnte. Heuer stammen sie vom Thüringischen Kulturminister Benjamin-Immanuel Hoff und materialisierten sich in Form eines Strukturpapiers, das unter dem Deckmantel einer Reform einen erneuten Kahlschlag in der ostdeutschen Theater- und Orchesterlandschaft bedeuten würde. Hoffs Pläne sehen unter anderem die Abschaffung der eigenständigen Opernsparte am Deutschen Nationaltheater Weimar vor (siehe Seite 8). Der Versuch des Ministers, die „geleakten“, schon sehr konkreten Vorschläge als „Zwischenstände“ herunterzuspielen und damit das in der angeblich so vorbildhaften Kommunikation mit den Kulturakteuren nunmehr doch zerschlagene Porzellan sogleich wieder mit klebrigem Politsprech zu kitten („Strukturveränderungen zur Sicherung von Qualität und Angebot“), wirkte einigermaßen hilflos.

Das ist freilich nichts im Vergleich zu manch unsäglichem, dem Fremdenhass bewusst oder unbewusst Vorschub leis­tenden Politsprech, den man tagaus, tagein in Sachen Asylsuchende über sich ergehen lassen muss, nachdem sich Griechenland als Stammtischparolen-Thema abgenutzt hat. Als Musikkulturblatt können wir da nur mit unseren Mitteln und auf unserem Gebiet dagegenhalten: im Oktober zum Beispiel mit einer „taktlos“-Sendung zum Thema „Fremde Heimat“. Und können nur bedauernd bis zerknirscht zur Kenntnis nehmen, dass dieses von Bayerischem Rundfunk und nmz knapp 18 Jahre gemeinsam verantwortete Radioformat Ende des Jahres eingestellt wird. Zwei Kultursendungen des Bayerischen Fernsehens droht ein ähnliches Schicksal. Willkommen im #Herbstkrater.

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