Soziale Störungsmuster aufdecken

Mediation und Konfliktmanagement in Orchestern


(nmz) -
Hans-Peter Achberger: Der Ohr-an-Ohr-Konflikt. Störungsmuster in der musikalischen Interaktion (Viadrina-Schriftenreihe zu Mediation und Konfliktmanagement, Bd. 19), Wolfgang Metzner Verlag, Frankfurt a. M. 2020, 153 S., € 19,90, ISBN 978-3-96117-060-9
Ein Artikel von Barbara Haack

 

Hans-Peter Achberger, selbst Musiker der „Philharmonia Zürich“, hat mit seiner modulierten Fassung einer Masterarbeit im Master-Studiengang „Mediation und Konfliktmanagement“ an der Europa-Universität Viadrina eine Untersuchung von „Störungsmustern in der musikalischen Interaktion“ vorgelegt, wobei er sich auf die musikalische Interaktion im Orchester fokussiert. Zu diesem Zweck hat er 13 Kolleg/-innen seines Ensembles 26 Fragen gestellt und aufgrund der Antworten, in Verbindung mit theoretischen Hintergründen der Soziologie und Konfliktforschung, Erkenntnisse und Ergebnisse präsentiert. Bisher sei es dem Musizierakt kaum gelungen, als soziales Phänomen in gleichem Maße wie der Sport auf sich aufmerksam zu machen, lautet die Eingangsbeobachtung. Die zentrale Frage: „Welche sozialen Störungsmus­ter, die in direktem Zusammenhang mit der Tätigkeit des Musizierens stehen, lassen sich im Akt des gemeinsamen Musizierens erkennen?“

Nach theoretischen und methodischen Einlassungen konzentriert sich der Autor auf die Analyse der Antworten, wobei er vom „Tetralemma der Störungsmuster“ ausgeht. Dieses Tetralemma übersetzt er für seine Untersuchung in vier Oberkategorien: die „Ich-Fokussierung“, die „Du-Fokussierung“, die „Wir-Fokussierung“ sowie die „Es-Fokussierung“. Eine mangelnde Balance dieser Grundkategorien kann das soziale Gleichgewicht stören und sich zu einem möglichen Konflikt auswachsen. Die „Es-Fokussierung“ nennt er im Folgenden die „Fokussierung auf etwas anderes“ und untersucht hier den möglichen Einfluss verschiedener äußerer Parameter auf Störungen innerhalb des Orchesters. Dazu gehören zum Beispiel das musikalische Werk an sich und die Interpretation desselben, die innerhalb des Orchesters oder auch zwischen Orches­ter und Dirigent/-in durchaus divergieren kann, die räumlichen Umstände des Miteinandermusizierens (zum Beispiel der Platzmangel, der zu Einschränkungen führt) oder auch der Einfluss des Publikums auf die Interaktion.

Bei der „übermäßigen Fokussierung auf sich selbst“ („Ich-Fokussierung“) unterscheidet Achberger drei Formen: die Angst vor dem Image-Verlust bei Kolleg/-innen oder anderen Beteilig­ten, die Abschottung, der zum Beispiel eine Art übertriebener musikalischer Eigenwillen, aber auch eine Selbstschutzfunktion zugrunde liegen kann, und „das eigene Zuhören“, auch eine Art der Abschottung, eine „Zuflucht, die vor Verletzungen genauso wie vor Frustrationen schützt“. Dem gegenüber steht die Fokussierung auf das Wir. Hier zeigt sich eine differenzierte Erkenntnis unter den Befragten, die mehrfach auf die nötige Balance zwischen der Konzentration auf sich selbst und dem Fokus auf das gemeinsame Musizieren hinweisen. Gleichzeitig wird eine mangelnde Fokussierung auf das „Wir“ eindeutig als möglicher Anlass für Konflikte genannt. Bei der Untersuchung des letzten Parameters schließlich, der Fokussierung auf das „Du“, geht es im Wesentlichen um unterschiedliche Erwartungen an den/die Musikpartner/-in, sowohl um musikalische als auch um kommunikative Erwartungen im weiteren Sinne. Das Thema „Führung“ und „Geführtwerden“ spielt hier eine wichtige Rolle. Auch daraus ergeben sich Konfliktpotenziale.

Mit dieser Untersuchung wurde eine interessante und überzeugende Struktur und Analyse möglicher Stör- und Konfliktfaktoren im Orchester vorgelegt. Überzeugend auch deshalb, weil die Fragestellung und Methodik des Fragens authentische Antworten der Befragten sehr wahrscheinlich macht. Für Menschen, die im Orchester arbeiten, ist die Publikation eine interessante Lektüre. Wer sich allerdings Ins­trumente einer Konfliktklärung oder des praktischen Umgangs mit Störungen erwartet, wird enttäuscht. Lediglich in der „Coda“ wird dies kurz angesprochen. Antworten der Musiker/-innen auf die Frage nach Bearbeitung von Konflikten seien „beinahe stereotyp“ beantwortet worden: Es bedürfe einer „Kultur des Austausches, der gemeinsamen Rede“. Hier wäre für eine praxistaugliche Weiterführung des Themas anzusetzen.

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