Spielte man im 19. Jahrhundert besser als heute?

Anmerkungen zur historischen Entwicklung der Übezeit ·


(nmz) -
Die These, dass im 19. Jahrhundert Pianisten, und zwar sowohl Laien- als auch Berufspianisten, ein gutes Stück besser als heute spielten, lässt sich anhand der historischen Veränderung der Übezeiten mit ziemlicher Sicherheit belegen.
Ein Artikel von Martin Gellrich

Im 19. Jahrhundert waren Klavierspieler viel fleißiger als heute. Milchmeyer empfiehlt bereits 1797 eine Übezeit von acht Stunden pro Tag (Kullak, Niemann 1922, 71). M. Clementi soll schon als Kind acht bis 14 Stunden am Tag Klavier geübt haben, um sein tägliches Pensum bewältigen zu können (Platinga 1977, 6). L. Köhler brachte es täglich auf acht Stunden Übezeit, Dreystock und Kalkbrenner übten täglich zwölf Stunden. A. Henselt soll 16 Stunden pro Tag Klavier geübt haben (Músiol 1881, 3, Nautsch 1983, 21). Teilweise sollen Pianisten sogar bis zu 18 Stunden am Klavier verbracht haben (Kontzki 1851, 9). Die umfangreichen Übezeiten galten bereits für Kinder. L.-E. Gratia berichtet, dass junge Kinder ‘sechs, sieben, acht, manchmal sogar noch mehr Stunden am Klavier verbringen’ (Gratia 1914, 12), und H. Wohlfahrt schreibt, dass Kinder oft halbe Tage lang am Klavier festgehalten werden (Wohlfahrt 1876, 5).

Umfangreiche Übezeiten waren im 19. Jahrhundert bereits für Klavieranfänger verbindlich. Sie erhielten früher täglichen (!) Unterricht und mussten außerdem jeden Tag noch ein bis zwei Stunden alleine üben. So bemerkt es A. E. Müller im Vorwort zu seiner Klavierschule (Müller 1804, 4). C. Czerny schreibt in seiner Klavierschule, dass ein Klavieranfänger jeden Werktag eine Unterrichtsstunde erhalten und zusätzlich täglich eine Stunde alleine üben solle (Czerny 1839 III, 5).

Es ist klar, dass Übezeiten von 8 bis 18 Stunden für Kinder und Jugendliche galten, die auf eine Karriere als Berufsmusiker hinsteuerten. Aber auch zukünftige Laienmusiker übten früher wesentlich mehr als heute. Sie verbrachten neben den mehrmals wöchentlichen Unterrichtsstunden täglich zwei Stunden und mehr am Klavier. Dieses Faktum wird durch viele Quellen bestätigt, zum Beispiel durch Quellen von Türk (1789, 11), Köhler (1872, 250) und Lebert & Stark (1858).

Das ehemals sehr hohe spieltechnische Niveau wird daran deutlich, dass früher Klavierspieler wesentlich mehr Fingerübungen und Etüden übten als heute. Technische Übungen sollten nach Hüntens Meinung ein Drittel der Übezeit ausfüllen, nach Czernys Meinung sogar die Hälfte (Czerny 1839 II, 136; Hünten 1832, 22). Andere Quellen belegen eine Dreiteilung der Übezeit in Fingerübungen, Etüden und Vortragsstücke. Pianisten verwendeten früher somit oft fünf Stunden täglich und mehr für technische Übungen. Auch angehende Laienmusiker übten als Kinder täglich eine Stunde und mehr Fingerübungen und Etüden. Von den vielen Quellen, die dies belegen (Gellrich 1992), hier nur eine: R. Schumann schreibt in seinem Tagebuch am 18. Februar 1829, dass er die Fingerübungen aus der Hummel-Klavierschule von sieben Uhr morgens bis zwölf Uhr mittags geübt habe.

Diese enormen Übezeiten des 19. Jahrhunderts und speziell die enormen Übezeiten für technische Übungen sind für Pianisten von heute unvorstellbar. Sie sind nur aus dem Zeitgeist des 19. Jahrhunderts zu verstehen. Damals war es normal, Erwachsene und Kinder täglich zwölf Stunden und mehr in Fabriken arbeiten zu lassen (Marx 1962). Auch war man zu Zeiten des Frühkapitalismus von dem maschinellen Produzieren so fasziniert, dass man auch menschliche Arbeit rigoros nach dem Vorbild des maschinellen Produzierens organisierte (Marx 1962).

Wenn man die damaligen Übezeiten mit den heutigen Übezeiten vergleicht, so muss man feststellen, dass Laienmusiker früher in etwa so gut Klavier gespielt haben müssen wie heutzutage Berufsmusiker, zumindestens wenn man den pianistischen Werdegang bis zum Eintritt des Musikstudiums be-rücksichtigt. „Jugend-musiziert“-Teilnehmer beim Bundeswettbewerb ü-ben nämlich heutzutage selten mehr als zwei Stunden pro Tag und haben zudem nur noch eine Unterrichtsstunde pro Woche (Bastian 1989, 155f.). Heutige angehende Berufsmusiker verbringen somit, wenn man die reduzierte Anzahl der Unterrichtsstunden berücksichtigt, weniger Zeit pro Tag am Klavier als angehende Laienmusiker im 19. Jahrhundert. Auch Berufspianisten spielten früher, wenn man die Übezeiten zugrunde legt, ein gutes Stück besser als heute. Das extrem hohe spieltechnische und musikalische Niveau des Klavierspiels im 19. Jahrhundert kann man anhand historischer Aufnahmen aus den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts erschließen (siehe auch Gellrich 1999). Wenn man solche Aufnahmen von Pianisten, die das Klavierspiel noch im 19. Jahrhundert erlernten, anhört zum Beispiel von E. d’Albert, R. Pugno, M. Rosenthal, L. Pouishnoff, I. Friedmann, S. Rachmaninoff oder J. Lhévinne, so hat man immer das Gefühl, dass sie auch beim Spiel der schwierigsten Werke immer noch große technische Reserven haben und in der Lage sind, aus dem Stehgreif zusätzliche Verzierungen und erschwerte Varianten einzufügen. Außerdem nehmen sie bei geschwinden Stücken oft Tempi, die sich kein Pianist heute zu nehmen getraut. Man höre in diesem Zusammenhang etwa Aufnahmen von L. Pouishnoff, R. Pugno und J. Lhévinne. Ein weiteres Indiz für das früher spieltechnisch höhere Niveau sind die alten Metronomzahlen für Klavierstücke aus dem 19. Jahrhundert, speziell die Metronomzahlen für Etüden beispiels-weise die Metronomzahlen in C. Czernys „Schule des Virtuosen“. Die alten Metronomzahlen sind heute selbst für Spitzenpianisten kaum noch realisierbar.

Bleibt noch die Frage offen, warum die Übezeiten im 20. Jahrhundert so beträchtlich zurückgegangen sind. Grund war nicht nur die Ausbreitung des öffentlichen Schulsystems, das heutzutage nicht mehr noch solche Übezeiten wie im 19. Jahrhundert zulässt, sondern vor allen Dingen auch eine Kampagne, die von Vertretern der „Neuen Schule des Klavierspiels“ zwischen den Jahren 1890 und 1930 geführt wurde. Um das Jahr 1900 traten Klavierpädagogen wie zum Bespiel E. M. Breithaupt, L. Deppe oder M. Jaëll auf den Plan, die großspurig verkündeten, dass das Klavierspiel auf wesentlich einfacheren Wegen erlernbar sei als bisher. Sie behaupteten, dass ein bis zwei Stunden täglichen Übens ausreichen würden, wenn man nur die richtige, nämlich ihre Methode verwendete (zum Beispiel Thilo 1900, 69; Breithaupt 1905/1906, 250). Längere Übezeiten wurden nicht nur für nicht notwendig, sondern sogar als schädlich angesehen (Jaëll 1901, 7). Vor allem wurden auch die Übezeiten von Klavieranfängern beträchtlich reduziert. In den neuen Lehrbüchern wurden als Richtschnur fünf bis dreißig Minuten täglich angegeben (zum Beispiel Jaëll 1901, 7). Diese Übezeiten sind seither speziell für Kinder und Jugendliche in etwa gleich geblieben. Die neuen Propheten der Klavierpä-dagogik vertraten insbesondere die Ansicht, dass jegliches technische, sportliche Training des Spielapparats zwecklos sei. Der natürliche Organismus sei von sich aus in der Lage, auch die schwierigsten pianistischen Probleme zu meistern. Aus diesem Grunde wurde Klavierschülern das Spiel von Fingerübungen und Etüden weitgehend untersagt.

Anfangs des 20. Jahrhundert tobte in der Klavierpädagogik ein Streit zwischen den Verfechtern des alten und des neuen Wegs, bei dem sich die „Neuen“ zunächst nicht durchsetzen konnten. Zu offensichtlich war das mäßige Niveau der nach der neuen Methode ausgebildeten Pianisten. Die neue Methode des wenigen Übens konnte sich erst nach dem Ersten Weltkrieg durchsetzen. Niemand kon-nte es den jungen Pianisten verdenken, dass sie in Scharen zu den neuen Propheten überliefen, versprachen sie doch in viel weniger Übezeit das gleiche Ziel erreichen zu können wie die Verfechter der alten Methode des vielstündigen Übens.
Es ist unmittelbar einleuchtend, dass das Niveau des Klavierspiels in beträchtlichem Maße absank, als sich die neue Ideologie zwischen 1900 und 1930 allmählich durchsetzte. Denn es macht ja einen beträchtlichen Unterschied, ob ein Klavierspieler acht bis sechzehn Stunden oder maximal zwei Stunden täglich übt, und es macht einen erheblichen Unterschied, je nachdem, ob ein Klavierspieler pro Tag fünf Stunden und mehr der Ausbildung der Spieltechnik widmet oder kaum noch oder keinerlei technische Übungen absolviert.

Bastian, H.-G.: Leben für Musik. Eine Biographie-Studie über musikalische (Hoch-)
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Breithaupt, R. M.: Die natürliche Klaviertechnik, 2 Bde.. Leipzig 1905/1906.
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Gellrich, M.: Üben mit Lis(z)t. Frauenfeld 1992.
Gellrich, M.: Der Verfall der Interpretationskunst. Staatliches Institut für Musikforschung (Hg.): Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz 1998. Stuttgart/Weimar 1999, S. 249 – 293.
Gratia, L.-E.: L’étude du piano comment réaliser un maximum de progrés a l’aide d’un minimum de travail. Paris 1914.
Hünten, F.: Méthode pour le Pianoforte. Paris 1832.
Jaëll, M.: Der Anschlag. Neues Klavier-studium auf physiologischer Grundlage, Bd. 1. Leipzig 1901.
Köhler, L.: Systematische Lehrmethode für Clavierspiel und Musik, erster Band: die Mechanik als Grundlage der Technik. Leipzig 1872 (2. Aufl.).
Kontzki, A. D.: L’Indispensable du Pianiste. Leipzig 1851.
Kullak, A.: Die Ästhetik des Klavierspiels, hrsg. von W. Niemann. Leipzig 1922.
Lebert, S. & Stark, L.: Theoretisch-praktische Klavierschule für den systematischen Unterricht nach allen Richtungen des Klavierspiels, vom ersten Anfang bis zur höchsten Ausbildung. Stuttgart 1858.
Marx, K.: Das Kapital, Bd. 1. Berlin Ost (DDR) 1962.
Músiol, R.: Klavier-Pädagogen: Louis Köhler. Der Klavier-Lehrer, 1881, 4, S. 20 – 22.
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Thilo, A.: Ludwig Deppe in seiner Methode des Klavierunterrichts. Der Klavier-Lehrer, 1900, 23, S. 153 - 155, 169 - 171.
Türk, D. G.: Clavierschule, oder Anweisung zum Clavierspielen für Lehrer und Lernende mit kritischen Anmerkungen. Leipzig 1789.
Wohlfahrt, H.: Methodik des Klavier-Unterrichts zum Studium für angehende Klavierlehrer. Leipzig 1876.

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