Stirbt das Musikinstrumenten-Fachgeschäft?

Musikwirtschaft, Musikverbände und Politik brauchen Bewegung ·


(nmz) -

Bei der heutigen Situation des Kahlschlags von Musikkultur und -bildung stellt sich die Frage, ob das Verhältnis zwischen Musikern, Musikhandel und politischer Ebene nicht einer völlig neuen Tarierung bedarf. Können sich Musiker und ihre Verbände auf der einen sowie Musikwirtschaft und deren Organisationen auf der anderen Seite, künftig noch leisten, in deutlicher Distanz nebeneinanderher zu laufen? Können Kultur- und Bildungspolitiker sich noch erlauben, Musik- und Musikwirtschaftsverbände weitgehend zu ignorieren, zugleich aber in trauter Runde mit den Sparkommissaren der Finanz- und Innenministerien am (rot)-grünen Tisch den Abbau von Musikkultur und -bildung zu planen? Kurzum: Können sich die Sparten der Musikbranche weiterhin das bisherige Kommunikationsdefizit leisten? Die Antwort lautet: nein!

Ein Artikel von Anno Blissenbach

Musiker neigen dazu, die Musikwirtschaft als eine Zunft von Ausbeutern zu betrachten, die nichts Besseres im Schilde führt, als ihnen das – auf Grund viel zu niedriger Honorare – mehr als sauer verdiente Geld aus der Tasche zu ziehen. Inhaber von Musikfachgeschäften neigen dazu, diese Kunden-Spezies als weltferne „Künstler“ abzutun, die keineswegs ermessen können, was es bedeutet, ein Musikfachgeschäft ohne rote Zahlen über die Runden zu bringen.

Beide fühlen sich aus ihrer jeweiligen Sicht im Recht; würden sie sich jedoch die Mühe machen, die Sache einmal vom Standpunkt des Gegenübers zu betrachten, kämen sie zu völlig anderen Ergebnissen. In beiden Lagern gibt es gleichermaßen Idealisten, Träumer wie knallharte Geschäftsleute: Dies ist eine Persönlichkeits- keine Branchen- oder Spartenfrage. Fakt ist jedoch, dass es heute beiden nicht gut geht und die bestehenden Probleme überwiegend analoge Ursachen haben. Anders ausgedrückt: Geht es den Musikern gut, wird es auch dem Musikfachhandel gut gehen und umgekehrt.

Eine der Hauptursachen der wirtschaftlichen Misere von Musikern und Musikfachgeschäften: Der Gesamtumfang an finanziellem Branchen-Input ist zu gering. Warum?

a) Weil die öffentlichen Haushalte marode sind, b) weil der gesellschaftliche Stellenwert des aktiven Musikmachens heute geringer ist als der von Tennis, Golf, Urlaub und Videospielen, c) weil die Branche als Ganze zu zaghaft ist, zu sehr in Sparten zersplittert, zu wenig über den eigenen Tellerrand hinaus blickt, bisweilen interne Graben- und Pseudokämpfe führt und insbesondere, weil sie es bis heute kaum geschafft hat, sich wirksam und schlagkräftig zu organisieren, und d) weil deshalb die Kultur- und Bildungspolitiker keine kampagnefähige und Durchsetzungskraft verleihende Lobby hinter sich haben, wie sie in anderen Branchen selbstverständlich ist.

Jahrestagung GDM

Mit der Jahrestagung des Gesamtverbandes Deutscher Musikfachgeschäfte, GDM, hatte diese Sparte vom 28. bis 30.10.2003 in Nürnberg ihr Forum: Im Instrumenten-Fachhandel besteht Unmut, dass Hersteller und Importeure die Betreiber reiner Internetshops zu gleichen Konditionen beliefern wie Musikfachgeschäfte. Der Endkunde nimmt zwar gerne das Beratungsangebot des Fachgeschäfts in Anspruch, kauft das hierbei ausgesuchte Musikinstrument dann jedoch oft im billigsten Internetshop. Kommt keine Modifikation der Händlereinkaufspreise, stirbt das Musikinstrumenten-Fachgeschäft. Musiker und Fachhändler erwarten deshalb gemeinsam, dass die Lieferanten künftig Händlern, die eine Musikinstrumenten-Ausstellung unterhalten und Beratung durchführen, höhere, und reinen Internetshop-Betreibern geringere Rabatte gewähren.

Entsorgungskonzepte fällig

In den letzen 20 Jahren wurden Unmengen qualitativ äusserst geringwertiger Klaviere aus Russland, Polen, Korea und China nach Deutschland importiert. Obwohl deren Lebensdauer inzwischen ebenso abgelaufen ist wie die der 100-jährigen deutschen Oberdämpfer, gelangen sie immer wieder in die Übezimmer der Klavieranfänger. Beklagen tun dies Klavierlehrer, -händler und -hersteller glei- chermaßen. Gemeinsames Handeln wäre hier angebracht, ein wirksames Entsorgungskonzept mehr als überfällig. Wer die Entsorgung längst realisiert hat, ist Japan: Alle „überflüssigen“ Gebrauchtklaviere werden exportiert – vornehmlich nach Deutschland und in die EU –, gleichzeitig jedoch der eigene Markt gegen Importe abgeschottet.

Für den Bereich Musikalien hat der Unternehmensberater und ehemalige kaufmännische Geschäftsführer des Schott Verlages, Rolf Reisinger, bei der GDM-Tagung ausführlich dokumentiert, dass ein Notenfachgeschäft heute kaum noch Gewinn erwirtschaften kann: Die Betriebsanalysen ergaben durchschnittliche Jahresergebnisse im Minusbereich. Auf Basis der gesetzlichen Preisbindung werden von den Verlagen mit den Endverkaufspreisen de facto auch die Handelsspannen festgelegt. So wundert es nicht, dass die Musikalienhändler zum Ausgleich ihrer Defizite nach Preiserhöhungen rufen.

Doch woher soll bei sinkenden Realeinkommen diese Kaufkraft kommen? Am härtesten würde es die Instrumental-Lehrer treffen, deren Einkommen überproportional sinkt: Die Aufnahmestopps der kommunalen Musikschulen wirken sich unmittelbar auf den Geldbeutel der meist als Freie Mitarbeiter beschäftigten Lehrkräfte aus und im Privatsektor brechen zunehmend ganze Bevölkerungsschichten weg, die sich aufgrund steigender Steuer- und Abgabenlast keinen Instrumental-Unterricht mehr leisten können. So würden Preiserhöhungen die Musikalienhändler keinesfalls in die Gewinnzone bringen, sondern lediglich die Umsätze der Copyshops steigern. Musikern ist beim Kopieren durchaus bewusst, etwas Unrechtes zu tun. Sie tun es trotzdem, weil keine ernsten Sanktionen zu befürchten sind. So berichtete die Präsidentin des Deutschen Musikverleger-Verbandes, Dagmar Sikorski, bei der GDM-Tagung vom Prozess gegen einen Chorleiter, der ein Notenblatt 150-fach kopiert hatte: Das Gericht habe als Gegenstandswert die Kosten für 150 Kopien zu Grunde gelegt (etwa 15 Euro) und daraufhin den Prozess wegen Geringfügigkeit eingestellt.

Die Realitätsferne dieser – geltendes Recht widerspiegelnden – Beurteilung ist offensichtlich. An genau solchen Stellen – bei Internethandel wäre es das Wettbewerbs- bei Gebrauchtklavierimport das Zollrecht – müsste die Lobbyarbeit der Verbände einsetzen: Die Bundesrepublik ist ein Rechtsstaat mit unabhängigen Gerichten. Insoweit können und dürfen Gerichte nicht Ziel von Lobbyarbeit sein. Aufgabe der Lobbyisten ist es, auf Politik und somit auf Gesetzgebung Einfluss zu nehmen. Das ist völlig legitim und – wie obige Beispiele zeigen – auch nötig. Wäre Lobby hier organisierbar?

Beim Beispiel Kopieren ist klar, an welchem Strang die Musikwirtschaftsverbände ziehen würden. Ebenso klar ist, dass die Musikverbände stillschweigend den Strang eher in die andere Richtung ziehen würden. Also bleibt alles beim Alten. Schuld ist der Sparten-Egoismus durch den sich letztlich alle ins eigene Fleisch schneiden. Würden – um bei dem Beispiel zu bleiben – ab sofort alle benötigten Noten regulär erworben statt kopiert, wäre das Ergebnis eine schlagartige Vervielfachung der zu druckenden, ge- beziehungsweise verkauften Noten. Auf Grund der Marktgesetze würde dies zu einer massiven Verbilligung führen.

Gewinner wären alle Sparten: Verlage profitierten durch gesteigerte Wirtschaftlichkeit, Komponisten, Arrangeure durch steigende Tantiemen, Musikalienhändler durch steigende Umschlaghäufigkeit bei sinkenden Ne-benkosten, Musiker durch sinkende Preise und höheren Komfort (Notenbuch statt „fliegende Blätter“).

Gemeinsame Aktion

Doch vor gemeinsamem Gewinn steht gemeinsame Aktion: a) Musik- und Berufsverbände müssten ihre Mitglieder von der Sinnhaftigkeit überzeugen, b) der wiederauferstandene „neue“ Deutsche Musikrat, DMR – einziger Sparten übergreifender Dachverband, müsste Federführung und Spartenkoordination übernehmen, aber insbe- sondere politische Forderungen für wirksame Gesetzgebung erheben, c) die Lobbyisten müssten – unter Führung des DMR – die gesetzgeberischen Initiativen kompetent begleiten, d) Kultur- und Bildungspolitiker sich im Schulterschluss mit Rechts- und Wirtschaftspolitik der Themen offensiv annehmen. Eine solche „Konzertierte Aktion“ von Musikverbänden, Musikwirtschaft und Politik wäre in zahlreichen Branchenfeldern dringend nötig. Nie war die Chance, den finanziellen Branchen-Input zu erhöhen, dank PISA- und Bastian-Studie, dank der Erkenntnis, in Bildung investieren zu müssen, so groß wie heute. Jetzt werden die politischen Weichen gestellt.

Nur wenn Musikwirtschaft, Musikverbände und Politik sich jetzt (aufeinanderzu-) bewegen, dann werden sie gemeinsam etwas bewegen können!

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