Streaming als Lockdown-Phänomen

Antworten auf eine Umfrage zu digitalen Initiativen von Konzertorchestern


(nmz) -
Nach dem zweiten Lockdown belebte und verdichtete sich das Konzertleben in Mitteleuropa blitzartig. Doch ein Großteil des Publikums blieb weg, obwohl viele Kulturorchester mit Streaming eine eindeutige Botschaft sendeten: „Wir sind für euch da!“ Konnte man durch die Streamings in der Spielzeit 2020/21 von altvertrauten Konzertformaten neue Besuchergruppen für die Kulturorchester erschließen?
Ein Artikel von Roland H. Dippel

Mein Schreiben an zwölf ‚klassische‘ Orchester und ein großes Festspielunternehmen enthielt sieben Fragen über Effizienzen der Streaming-Angebote nach den ersten beiden Lockdowns, den Einfluss von Streaming auf die Kartennachfrage in der Spielzeit 2021/22, das Erschließen neuer Besuchergruppen für physische Konzerte, Publikumsreaktionen, weitere Digitalisierungsprojekte und Konsequenzen des Streamings für die analoge Präsenz. Eine Frage galt Strategien, die in Hinblick auf die Außenkommunikation erfolgreicher waren als das Streaming selbst. Neben drei aussagekräftigen Zuschriften gab es eine Reihe von Absagen mit mehr oder weniger plausiblen Gründen dafür, warum man bis Ende der ersten November-Woche nicht antworten könne.

Es sollte ausschließlich um das digitale „Konzertverhalten“ gehen, nicht um die digitale Präsenz von Orches­tern bei Musiktheater, Tanz und anderen szenischen Veranstaltungen. Die Umfrage richtete sich an eine repräsentative Auswahl von Orchestern großer, mittlerer und kleinerer Städte in Deutschland sowie das Freiburger Barockorchester und Ensemble Modern, die bedeutenden freien Spezialvereinigungen für Alte und Neue Musik. Befragt wurden nicht die Streaming-Experten unter den Konzertorchestern wie zum Beispiel die Berliner Philharmoniker, die schon vor Corona in ihrer Digital Concert Hall neue Medienformate ausbauten, und keine Rundfunkorchester, die im technisch-medialen Equipment ihrer Sender bes­tens vernetzt sind. Erbeten wurden „kurze und geschliffene Antworten“, irrelevante Fragen konnten ausgelassen werden. Demzufolge muss man hinter den freundlichen Absagen und Entschuldigungen wesentliche Gründe vermuten.

Übergangsangebote

Auch die Frage nach genauen Klick- und anderen Zahlen zur Publikumsbeteiligung unterließ ich, weil diese wie bei großen Tonträger-Labels nicht öffentlich bekannt gegeben und nur für interne Strategien verwendet werden. Die Münchner Philharmoniker antworteten als einziges Orchester nicht, waren allerdings durch den extremen Medien-Widerhall Hype ihres Umzugs in die Isarphilharmonie entschuldigt. Die Salzburger Festspiele baten um freundliche Nachsicht, weil sie sich aufgrund der Endphase ihrer Programmplanung für die Sommerfestspiele 2022 nicht mit der ihrem Anspruch gemäßen Genauigkeit äußern konnten. Christoph Dittrich, Generalintendant der Theater Chemnitz und der Robert-Schumann-Philharmonie, fasste seine gegenwärtige Strategie in einem prägnantem Absatz zusammen: „‚Leider‘ muss ich schreiben, dass wir mit jeder Faser an der Wiederherstellung des analogen Spielbetriebes arbeiten. Digitale Angebote spielen die gleiche Rolle wie vor der Pandemie: Wir machen Aufnahmen von besonderen Stücken. […] Die Streaming­angebote haben uns zwar über die schwere Zeit der Lockdowns geholfen, aber eine Nachwirkung ist nicht konkret zu benennen.“ Die Robert-Schumann-Philharmonie hatte für Livekonzert-Aufzeichnungen mit ARD/Arte ko­operiert und verfolgt seit Jahrzehnten unabhängig von wechselnden GMD-Positionen eine erfolgreiche und kontinuierliche CD-Produktion. Dittrich nannte keine Argumente für das Strea­ming des Chemnitzer Orchesters. Diese ähneln sich bei allen Konzert- und Theaterorchestern. Streamen war Bestätigung der Anwesenheit und Arbeitswilligkeit während des durch Hygienevorschriften erzwungenen Ausfallens von Proben und Auftritten. Die Orchester wollten ihrem Publikum etwas bieten, um weiterfließende Gehaltsbezüge zu legitimieren.

Bei der oft festgestellten Beschleunigung der Digitalisierung während der Pandemie ist es besonders auffällig, dass in Einrichtungen mit anstehenden Leitungswechseln für die Streaming-Initiativen der Orchester keine mittelfristigen Konzepte entwickelt wurden. Die Streaming- und Digitalpräsenz reicht nur so weit wie die Befugnisse des Personals und dessen Vertragsdauer. In mindestens zwei Einrichtungen weiß man derzeit nicht wohin mit den in der Spielzeit 2020/21 begonnenen Projekten. Die Brandenburger Symphoniker wirkten in Musiktheater-Produktionen und Jahresendkonzerten des Brandenburger Theaters mit, die vom Stadtfernsehen Brandenburg mehrfach übertragen und in der Mediathek verfügbar gemacht wurden. Aber dort ist derzeit die Stelle der Orchesterdirektion, welche das Streaming-Prozedere während und nach der Pandemie steuern müsste, nicht besetzt.

Die kleinen Streaming-Angebote und ein CD-Projekt der Mecklenburgischen Staatskapelle aus der Spielzeit 2019/20 wurden in Schwerin aufgrund eines „Change-Prozesses“ zu einer neuen Intendanz und neuen Marketingleitung noch nicht in Hinblick auf eine eventuelle Fortsetzung ausgewertet. In Telefonaten mit den PR-Abteilungen der Staatskapelle Weimar und der Anhaltischen Philharmonie Dessau konnten diese nach eigener Aussage nichts Wesentliches zu spezifischen Konzert- und Orchesterstrea­mings ergänzen. Am Staatstheater Augsburg ist in der Reihe von Virtual-Reality-Inszenierungen der mit einer eigenen Projektleitung etablierten Digitalsparte eine „interaktive Konzert-Erfahrung in 360°“ mit den Augsburger Philharmonikern zu erleben. Die Frage nach Effizienz und Wirkung dieses Projekts spezifisch für das Orches­ter konnte auch dort nicht beantwortet werden. Für das Ensemble Modern, das im Dezember 2020 sein 40-jähriges Jubiläum „Beschenkt“ im Stream und mit einer CD feierte, erweist sich die Auswertung zum jetzigen Zeitpunkt ebenfalls als schwierig.

Kostenfaktor Stream

Es fällt auf: Keine einzige Antwort aus den Orchesterbüros wiederholt oder erweitert die Beschwörung einer goldenen digitalen Zukunftsfähigkeit der Bühnensparten, wie sie während der beiden Lockdowns von vielen Seiten zu hören war und zum Teil sogar in Stellenbeschreibungen und Verträgen ergänzt wurde. Die Antworten beinhalten keine Angebote, die erbetenen Auskünfte zu einem späteren Zeitpunkt zu liefern. Das lässt sich nur damit erklären, dass Klickzahlen und Einschaltquoten bei den meisten Orchestern weit hinter den Erwartungen zurückblieben. Mehrere Orchester- und Theaterleitungen gaben in anderen Kontexten als diese Befragung ein Missverhältnis zwischen den Einnahmen aus den Streamings im Vergleich zu den Kosten der Produktion und Medienkooperationen zu. Intendant Bernd Loebe sagte im Sommer 2021, dass er aus Kostengründen die Streaming-Angebote der Oper Frankfurt während eines normal laufenden physischen Spielbetriebs nicht fortführen werde. Der finanzielle Aufwand für Produktion und Präsentation würde auf Dauer die wirtschaftlichen Kapazitäten sogar der großen Opern- und Konzerthäuser sprengen.

Differenzierte Antworten kamen vom Osnabrücker Symphonieorches­ter, dem der erste Lockdown 2020 einen Großteil seines ambitionierten Festprogramms zum 100-jährigen Bestehen verhagelt hatte, und dem in Synergien mit den Marketing-Strategien seiner Auftrittsorte stehenden Freiburger Barockorchester. Alexan­der Wunderlich, Orchesterdirektor in Osnabrück, stellt eine temporäre Begrenztheit der Streaming-Aktionen fest: „Ob das Streaming-Angebot letztendlich die Ursache dafür ist, oder vielmehr die Unsicherheit vieler Menschen, in volle Konzert- und Theaterhäuser zu gehen, würde ich in Frage stellen. Wir haben aktuell kein neues Streaming-Angebot, so dass wir uns selbst damit keine Konkurrenz machen. Die Resonanz auf die ersten Konzerte und Vorstellungen zeigt deutlich, dass der physische Besuch einen großen Mehrwert darstellt.“ In Osnabrück investierte man in technisches Equipment, um für alle zukünftigen Anforderungen bei Medienaufzeichnungen gewappnet zu sein.

Schwer erreichbare Zielgruppe

Michael Bail vom Freiburger Barockorchester berichtete, wie das stabile physische Konzertpublikum zu digitalen Abonnenten wurde: „Die meis­ten User stammen aus Deutschland (44,3 Prozent). Schaut man sich diese Zahlen an, wird klar, dass es sich hierbei um unsere angestammten Konzertbesucher handeln dürfte, die aufgrund des Lockdowns nun auf unsere Online-Angebote zurückgriffen.“ Vermittlungsangebote würden zwar digital genutzt, doch eine physische Anwendung erweist sich als schwierig: „Das Freiburger Barockorchester kann einen leichten Anstieg der Follower der jüngeren Generation (29 bis 44 Jahre) feststellen. Hier ist klar, dass es sich wohl um Eltern handelt, welche die Videos mit ihren Kindern anschauten oder um Lehrer, die die Musikvermittlungsinhalte für ihre Schüler nutzten. Ich bin etwas skeptisch, ob sich diese User-Gruppen in der Folge auch für die physischen Konzertangebote interessieren. Die vierköpfige Familie mit Nachwuchs im Kindergarten- oder Grundschulalter ist eine äußerst schwer zu erreichende Zielgruppe für abendliche Konzertveranstaltungen.“

Alle Klangkörper können von dankbaren Reaktionen für ihre digitale Präsenz während der Lockdowns berichten. Bei einigen Initiativen gab es interne Frustrationen, weil zum Beispiel eine Medienfirma aufgrund ihrer Unerfahrenheit mit den Anforderungen für klassische Musik die Konzertfilme nicht rechtzeitig ins Netz stellen konnte. Deshalb fanden die Videos in der beginnenden Sommersaison 2021 nicht die angemessene Aufmerksamkeit. Parallel konnten Orchester mit Tonträger-Erfahrungen ihre Einspielungen oder Veröffentlichungen während der Lockdowns durchführen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich Streaming-Übertragungen einzelner Konzerte auf eigenen und anderen Plattformen neben Rundfunk- und TV-Übertragungen durchsetzen.

Die Programm-Muster klassischer Konzerte werden derzeit scharf hinterfragt. Ein Hintergedanke bei der Konzentration dieser Befragung auf klassische Orchester war, dass diese für die Streaming-Angebote während der Lockdowns neue künstlerische Mittel zur Konzertgestaltung entwickeln würden. Keines der angeschriebenen Orchester konnte oder wollte sich dessen rühmen, neue Formate der Programmgestaltung oder der Konzertpräsentation entwickelt zu haben. Anders als bei Musiktheater und Tanz – bei Schauspiel und Hybridformen des digitalen Theaters sowieso – nannten die antwortenden Orchester keine dramaturgischen Innovationen wie im physischen Leben die Besuche in Seniorenheimen und anderen sozialen Einrichtungen. Ins Netz gestellte Aufzeichnungen solcher Initiativen haben in der Regel weniger Klick-Zahlen als Konzerte oder Konzertausschnitte. Obwohl das niemand in den Antworten schrieb, lässt sich gerade bei den Orchestern im Hinblick auf soziales Engagement eine Erweiterung des physischen Aktionsspektrums feststellen.

Für die Darstellung und Diskussion in digitalen Medien bleibt das allerdings eher irrelevant. Konzert-­Streaming war demzufolge ein Sonderfall während der Lockdowns, der neben dem Live-Erlebnis nach aktuellem Ermessen keine große oder ebenbürtige Position zum physischen Konzert erlangen wird.

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