Studierende und der Krieg

Absolute Beginners 2022/04


(nmz) -
Was für ein Luxusthema, über Kompositionsunterricht in Deutschland zu schreiben in diesen Zeiten. Denn es ist unvorstellbar, dass so etwas gerade in zum Beispiel Kiew stattfindet, während Bomben einschlagen und Zivilisten für einen der sinnlosesten Kriege in der Menschheitsgeschichte abgeschlachtet werden. In der Ukraine gibt es viele Musikhochschulen, zahllose Musikstudierende, Orchester und Festivals der Neuen Musik, wie zum Beispiel das berühmte „Two Days and Nights of New Music“ in Odessa. Ist ihnen gerade nach Unterricht zumute?
Ein Artikel von Moritz Eggert

Dass es einen großartigen Trotz und musikalischen Widerstand im Grauen des Kriegs gibt, belegen zahllose Videos mit verschiedenen Musikerinnen und Musikern in der Ukraine. Man findet sich spontan und unter Lebensgefahr zu Konzerten auf der Straße zusammen, Trompeter spielen von einem Balkon, der jederzeit von einer russischen Rakete getroffen werden kann und Kinder singen in Bunkern unerschrocken gegen die Bomben an, sodass einem selbst ein kitschiger Song aus „Frozen“ die Tränen in die Augen treiben kann.

Nein, die ukrainische Musik wird dieser Krieg nicht zum Schweigen bringen, darüber muss man sich keine Sorgen machen. Aber das unermessliche Leid und die Behinderung vor allem sich gerade entfaltender junger Talente machen sprachlos und wütend.

Die Welt der Musik ist international verbunden. An allen unseren Musikhochschulen studieren zahllose junge Menschen sowohl aus der Ukraine als auch aus Russland. In meiner Kompositionsklasse sind und waren Studierende aus allen Ländern des Konflikts, sogar aus Belarus. Alle ihre Biografien sind auf die eine oder andere Weise direkt vom Krieg betroffen. Aus den vielen einzelnen Geschichten ergibt sich ein Bild, dass mehr sagt als die öffentliche Berichterstattung.

Eine meiner bekanntesten Studentinnen ist die Ukrainerin Anna Korsun, verheiratet mit dem russischen Komponisten Sergey Khismatov, der ebenso Unterricht bei mir hatte. Anna lebt in Deutschland, hat aber Familie in Kiew um deren Leben sie täglich fürchtet. Ihr Mann leidet mit ihr, wie für viele Russen ist es nicht sein Krieg, sondern allein „Putins Krieg“. Täglich posten sie Schreckensbilder aus der Ukraine, die sie direkt von ihren Freunden und Bekannten im Land erhalten. Schon vor vielen Jahren – beim Einmarsch in der Krim – forderten sie fast schon prophetisch mit einer Kunstaktion einen „Arzt für Putin“. Dieser wird heute dringender als je gebraucht, wie wir wissen.

Zwei meiner aktuellen Studierenden sind aus Russland, auch sie Opfer des Krieges. Von Ivan in Moskau habe ich seit Ewigkeiten nichts mehr gehört, Mark aus Sankt Petersburg schrieb mir gerade verzweifelt, dass er nach Deutschland will, weil er in Russland keine Zukunft mehr für sich sieht. Nach letzten Informationen hat er es nach Finnland geschafft und will sich nun nach München durchschlagen. Dass es unter den momentanen Umständen für ihn nicht möglich war, seine Studiengebühren aus Russland zu überweisen, war der Münchener Musikhochschule nicht klar, ich musste es der zuständigen Mitarbeiterin erst erklären.

Mein bulgarisch-schottischer Student Alex wurde vom Kriegsausbruch in eine tiefe Depression geworfen – er hat viele Freunde und Bekannte in Osteuropa, alle sind auf die eine oder andere Weise vom Krieg betroffen. Aktuell versucht er seine Kontakte zu nutzen, um sowohl Ukrainern als auch Russen zu helfen, über die Grenzen zu kommen. Er will mit anpacken und helfen, selbst an die Grenze fahren.

Kurz vor Kriegsausbruch sprach ich mit dem bekannten ukrainischen Schlagzeuger Konstantyn Napolov, der in den Niederlanden lebt. Er war bis zuletzt davon überzeugt, dass Putin nur „bluffen“ würde mit seinen Truppenaufmärschen, genau wie wir alle wurde er dann vom Ernst der Lage überrascht. Aktuell organisiert er mit großem Erfolg Spendenkonzerte für die Opfer in der Ukraine.

All diese Einzelschicksale berühren mich. Sie gehen uns als Musiker an, denn wenn wir nichts tun, verstummt die Musik, verstummt eine ganze Generation. Aber nur diese Generation wird glaubwürdig davon erzählen können, was im Moment passiert. Wir brauchen sie mehr denn je.

 

 

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