Tendenz zum Wagnis erkennbar

Zu den Bayerischen Kunstförderpreisen 2007


(nmz) -

Die mit je 5.000 Euro dotierten Bayerischen Kunstförderpreise in den Sparten Darstellende Kunst, Bildende Kunst und Literatur wurden von Kunstminister Thomas Goppel in München bekannt gegeben. „Der Preis ist zugleich ideelle wie materielle Unterstützung und soll Motivation bei der weiteren künstlerischen Arbeit sein“, betonte der Kunstminister. Die Preisträger müssen über eine außergewöhnliche Begabung verfügen und durch hervorragende Leistungen hervorgetreten sein.


In der Sparte Darstellende Kunst wurden die Schauspieler Aurel Bereuter, Katharina Schubert und Marco Steeger sowie der Sänger Tilmann Unger ausgezeichnet. Diese jungen Künstler konnten sich durch ihre herausragenden Leistungen bereits einen festen Platz im Ensemble eines bayerischen Theaters erobern. Die Jury würdigt bei Aurel Bereuter, der 2001 an das Theater Ingolstadt kam, dessen hohe Bühnenpräsenz und sein besonderes Talent für Komik. Sein schauspielerisches Vermögen verbinde er mit großer sängerischer Präzision, was ihn zu einem wichtigen Darsteller auch für die Musicalproduktionen des Theaters Ingolstadt mache. In den sechs Spielzeiten in Ingolstadt habe sich der Schauspieler kontinuierlich zu einem Protagonisten des Ensembles entwickelt. Katharina Schubert, seit der Spielzeit 2001/2002 festes Ensemblemitglied an den Münchner Kammerspielen, habe dort bereits zahlreiche zentrale Rollen gespielt. In der vergangenen Spielzeit habe sie in „Trauer muss Elektra tragen“ ebenso überzeugt wie in den „Drei Schwestern“ und „Ulrike Maria Stuart“. Der Schauspieler Marco Steeger kam im Jahr 2000 an das Staatstheater Nürnberg. Nicht zuletzt seiner jugendlichen Präsenz, seinem ungestümen Charme und seiner schauspielerischen Präzision verdankten mehrere Stücke dort ihren großen Erfolg. Der Schauspieler suche sich trotz seines großen Erfolgs stets neue Herausforderungen, die er dank seiner besonderen Begabung gepaart mit großer Leidenschaft für seinen Beruf erfolgreich meistere. Bei Tilmann Unger (Theater Augsburg, ab der Spielzeit 2007/2008 Staatstheater am Gärtnerplatz) hob die Jury neben seinem wunderbaren Timbre und seiner starken Ausdrucksfähigkeit besonders seine sängerische Leichtigkeit hervor. Mit einer überdurchschnittlich hohen musikalischen Präzision verstehe es der Sänger, das Publikum zu großem Jubel hinzureißen.

Die Bayerischen Kunstförderpreise in der Sparte Bildende Kunst gehen an Axel Gercke, Annegret Hoch, Alfred Kurz, Stefan Wischnewski und Thorsten Franck. Der aus Erlangen stammende und dort lebende 28-jährige Axel Gercke studierte an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg und an der Kunstakademie Krakau Malerei. Seine gegenständlichen Bilder enthalten Alltagsmotive, die er in traditioneller Weise mit lebhaftem Kolorit und großem Detailreichtum darstellt. Dabei findet er sehr originelle Lösungen, die eine selbstbewusste künstlerische Haltung ausdrücken. Annegret Hoch wurde 1969 in Cham geboren. Sie studierte Malerei an der Akademie der Bildenden Künste München, der Academia di Brera, dem College of Art and Design London und dem Virginia Center for the Creative Arts, USA. Ihre ungegenständliche Malerei untersucht die Wirkung von Farbe und Raum, wobei eine kräftige Farbigkeit und eine lineare, zeichnerische Pinselschrift charakteristisch für ihren Malstil sind. Thematisch geht es in ihren Bildern um Ornamente und verwandte Ordnungssysteme. Neben raumfüllenden Installationen hat sie Wandmalereien geschaffen, die architektonische Gegebenheiten des Raumes einbeziehen. Der 35-jährige Bildhauer Alfred Kurz stammt aus Landshut. Nach Abitur und Ausbildung zum Schlosser und Konstruktionsmechaniker studierte er Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München und in Granada/Spanien. Seine Objekte bildet er aus den Materialien Holz, Eisen, Stuckgips, Polyester, Kartonagen und Goldfolien, ja selbst Pneumatikzylinder und Staubsaugermotoren. Im Sinne eines erweiterten Begriffs der Bildhauerei setzt er zudem Lichtspiele ein. Kurz ist mit einer Reihe von Ausstellungsbeteiligungen hervorgetreten. So hat er zum Beispiel ein 6 Meter hohes aus Rigipsplatten gestapeltes Kartenhaus in die „White Box“ im Kunstpark Ost in München eingebaut. Stefan Wischnewski wurde 1974 in Neumünster geboren. Er studierte Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste München und war Stipendiat an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe. Wischnewski fertigte aus Kunststoff, Zeltplanen oder Camping-Utensilien flexible Installationen, die er als dynamische Interventionen außerhalb konventioneller Kunstzonen im öffentlichen Straßenraum oder zum Beispiel am Ostseestrand verstanden wissen will. Seine Themen betreffen unter anderem die Freizeitgesellschaft (Tourismus) oder Architekturmotive. Im Spezialfach „Möbeldesign“ wird Thorsten Franck ausgezeichnet. Franck wurde 1970 in Hamburg geboren. Nach Tischlerlehre und Drechslerausbildung studierte er an der Fachhochschule für angewandte Kunst und Wissenschaft Hildesheim sowie am Royal College of Art in London. Den von Franck entworfenen Möbeln für den Alltag kommt eine eigene Qualität zu, die durch Präzision und Mobilität bestimmt wird. Sie sind stabil und leicht und reagieren auf ihre Umgebung. Auf- und Abbau gelingen in Windeseile, was Stadtnomaden besonders schätzen.

Die Preise (einer davon dotiert von der Kester-Haeusler-Stiftung, Fürstenfeldbruck) in der Sparte Literatur gehen an Thomas von Steinaecker, Daniel Grohn, Maximilian Dorner; zudem erhält das Autorenduo Nikolai Vogel und Kilian Fitzpatrick gemeinsam einen Preis. „In der jungen bayerischen Literaturszene ist eine Tendenz zum Wagnis zu erkennen: Unsere Nachwuchsautoren wenden sich wieder, zum Teil über das Genre des generationenübergreifenden Familienromans, gesellschaftlichen oder historischen Themen zu. Sie experimentieren auf subtile und komplexe Weise mit Genres und Tonlagen“, sagte Kunstminister Thomas Goppel zu den Vorschlägen der unabhängigen Jury. Die Jury würdigte Thomas von Steinaecker als einen Autor, der eine vielversprechende schriftstellerische Zukunft vor sich hat. In seinem dreiteiligen Familienroman „Wallner beginnt zu fliegen“ zeigt Steinaecker den Einzelnen als Spielball privater Umstände, familiärer Prägungen und historischer Vorgänge, die bis in die Sprache hineinwirken. Der Roman überzeugt durch eine vielschichtige Handlung und einen virtuosen Wechsel der Töne und Stillagen. Thomas von Steinaecker lebt als freier Autor und Journalist in München. Sein Roman steht derzeit auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Im Roman „Kind oder Zwerg“ von Daniel Grohn lässt sich ein Journalist als vermeintlicher Patient in einer psychiatrischen Klinik aufnehmen, um eine Reportage über dort vermutete neurochirurgische Experimente an Patienten zu schreiben. Der Roman, der Substanz durch die Fachkenntnisse des Autors im Bereich der Psychiatrie gewinnt, spielt geschickt mit genretypischen Merkmalen des Psychiatrie- und des Kriminalromans. Die unprätentiöse sprachliche Gestaltung trägt zu einem unverwechselbaren Profil des Romans bei. Maximilian Dorner hat mit seinem Roman „Der erste Sommer“ ein gelungenes Debüt vorgelegt. Das Buch verschränkt in einer filmisch wirkenden Dramaturgie mehrere Handlungsstränge, die sich im zerbombten München im Zeitraum zwischen Juli bis November 1945 abspielen. Der Roman weiß in der gut recherchierten, präzisen und anschaulichen Schilderung der Atmosphäre der unmittelbaren Nachkriegszeit zu überzeugen. Die Jury würdigte besonders den Mut, sich an ein vergleichsweise nahe zurückliegendes historisches Thema mit gesellschaftlicher Perspektive zu wagen. Nikolai Vogel und Kilian Fitzpatrick haben sich in der Münchner Literaturszene als aktive und kreative Literaturvermittler einen Namen gemacht. Als Autorenduo haben sie eine Serie von Kurzromanen geschrieben. In „Welt II” „Mond0 – Nova Plüsch“, „Pleasure Dome“, „Xa“ und „Barbarella“ bezieht sich das Autorenduo auf Traditionen der Science Fiction, aber auch der experimentellen Prosa. Die Jury würdigte die inhaltliche und sprachliche Experimentierfreudigkeit der Kurzromane und den Mut sich gegenläufig zu derzeitigen Trends zu bewegen. Die Preisträger in der Sparte Musik und Tanz lagen bei Redaktionsschluss noch nicht vor.

Kunstminister Thomas Goppel wird alle Bayerischen Kunstförderpreise am 21. November 2007 um 18.00 Uhr im Max-Joseph-Saal der Münchener Residenz überreichen.

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