Tonträger-Bilanz 2021: Aus der Versenkung

Der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker: Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Sucht nach Sensationen drängt zum Reklamepotenzial. Dabei wird gern übersehen, dass wegen kurzatmiger Oberflächlichkeit manchmal manches Beachtenswertes ganz unspektakulär aus der Versenkung kommt.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Allzu lange Zeit unterm Radar diskographischer Würdigung, ist der französische Romantiker Henri Bertini geblieben, dessen Nonett (Linos Ensemble, CPO) ein ebenso amüsantes wie kapriziöses Arien-Arrangement ist, bei dem die Akteure wie in einer Choreographie verschnörkelte Melodik, elegisches Chanson und auch Varieté-Qualitäten bieten. Facetten der Gestaltung, die auch unmittelbar nach dem II. Weltkrieg, noch wirksam waren, als Henri Dutilleux wohl aus Furcht vor Freiheitsverlust zur Fabel „Le Loup“ von Jean Anouilh und Georges Neveux eine quasi cineastische Ballettmusik komponierte. Das (hier erstmals ungekürzte) Szenario hat keine krassen Klang-Kontraste, sondern wird von (ise-)grimmiger Ironie bestimmt. Mit dem Tod von Wolf und Frau stirbt zwar kein Vorurteil, aber eine jähe Fanfare klagt unbegründete Ressentiments an.

Ähnliche Attitüden haben die „Pieces de concours“ (1942–1947), eigentlich Duos, die für Prüfungen am Conservatoire Paris addressiert waren und von Kenneth Hesketh superb orchesteriert wurden. Insbesondere die frivol seufzende Sarabande & die freche Cortège für Fagott haben animierenden Charme (Sinfonia Of London, Ltg.: John Wilson, Chandos 5263).

Gewalt gegen afro-amerikanische Bürger quillt in den USA aktuell wieder hervor, deutet auf überwunden geglaubten Rassismus. Vor mehr als 150 Jahren waren aber nicht Attacken der Polizei, sondern vor allem aufgeheizte Ressentiments für „The Passion Of Octavio Catto“ (The Catto Freedom Ochestra, Ltg.: André Raphel, Winter & Winter) verantwortlich.

Von einem weißen Fanatiker wurde der Absolvent des Institute for Colored Youth und Aktivist der Equal Rights League während der Unruhen bei der Wahl erschossen. Markante Momente seiner Vita hat Uri Caine in zehn Kapiteln zu einem polystilistischen Ebony-Epos geformt und somit dem Vergessen entrissen. Eine intensive Elegie und ein trotziger Rhythm’n’Blues Vamp setzen dem Märtyrertod dieses Freiheitskämpfers ein musikalisch imposantes Monument.

Spirituelle Kraft hatte auch John Coltrane angerufen: Der Jazz-Klassiker „A Love Supreme - Live In Seattle 1965“ (Impulse), seine berühmte Suite, ist nun in einer bisher völlig unbekannten Version posthum zu Tage gefördert worden. Das Material und die Tonqualität der Magnetbänder waren in einem noch so gut erhaltenen Zustand, dass eine Veröffentlichung geradezu notwendig war. Nicht nur aus jazzhistorischen Gründen, sondern vor allem wegen der vom Studio-Original abweichenden, erweiterten Besetzung und der noch gesteigerten Intensität im Penthouse Club Seattle bei Konzert-Atmosphäre. Die Quaternio-Struktur der Suite blieb zwar kenntlich und erhalten, wurde aber erheblich modifiziert, indem Bass-Duo- und Drum-Solo-Interludien Übergänge für die Themen-Parts markieren. Eine wirklich atemberaubende Aufführung, denn die Dramaturgie ist, trotz hochgradig emotionaler Episoden, stets kontrolliert. Obwohl das Schlagzeug akustisch zentral ist und Klavier und Saxofon - ganz zu schweigen von den leisen Bässen - leider schwach ausgesteuert sind, ist diese Live-Aufnahme von „A Love Supreme“ ein fantastisches Coltrane-Epos mit grandiosem Plot. Historischer Tief- und Weitblick hat eigene kulturrelevante Akzente. 

 

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