Trompeten von Jericho

Ferchows Fenstersturz 2016/03


(nmz) -
Erschütternd, was bild.de wieder aufgedeckt hat. Mein Halszäpfchen schwingt seit Tagen im roten Bereich. Da hat doch tatsächlich eine Braut in einer Münsteraner Gemeinde WÄHREND der Trauung das Mikrofon ergriffen und einen Helene-Fischer-Song durch die „praystation“ geschmettert. WÄHREND der Trauung. Echt jetzt. Ich kämpfe mit den Tränen. Also nicht vor Rührung. Mehr aus Mitleid. Für den Bräutigam. Armer Kerl. Wie es dem Gimpel geht, möchte ich mir gar nicht vorstellen, noch viel weniger, wie eine Braut, die Helene-Fischer-Songs WÄHREND der Zeremonie fiept, aussieht.
Ein Artikel von Sven Ferchow

In einer ähnlichen Schockstarre wie ich befindet sich übrigens der 55-jährige Pfarrer der Gemeinde. „Atemlos“ quasi (okay, nicht zwingend witzig!). Aber so dermaßen, dass er zunächst seinen Dienst quittierte und dann ins Kloster ging. Recht schönen Dank auch, Helene. Endlich ein Pfarrer, der nicht gleich zuhaut, aber trotzdem gehen muss. Obwohl, ein klein wenig überreagiert hat „Song Camillo“ da schon. Da darf man ruhig mal Vorbild sein. Heißt es nicht in 1. Kor 10,13: „Aber Gott ist treu und wird nicht zulassen, dass die Prüfung über eure Kraft geht. Wenn er euch auf die Probe stellt, sorgt er auch dafür, dass ihr sie bestehen könnt“? Mal ehrlich, lieber Herr Pfarrer: Wie war das denn damals in der guten alten deutsch-demokratischen Volkskammer, als „Honi“ sein „Auferstanden aus Ruinen“ anfieselte. Die konnten da auch nicht gleich weglaufen. Gut. Der Vergleich hinkt. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Oder denken wir nur an 1994. Boris Jelzin vor dem Roten Rathaus zu Berlin. Den monatelang geprobten Klassiker „Kalinka“ des eigens zusammengetrommelten deutsch-russischen Kinderchors zersägte er mit einem lang- gezogenen, aber trotzdem undefinierbaren „Äöeh“-Laut, den man so eher aus der Betty-Ford-Klinik kannte. Nachdem David Hasselhoff eingecheckt hat. Allerdings vom Personal. Nur um das klarzustellen.

Und was bitte, Herr Pfarrer, soll Ihr Vorbild denn bei all den Kinderchorleiterinnen und Kinderchorleitern auslösen, deren jahrtausendelang gepflegte Chortradition durch hobbylose Fratzen zertrampelt wird? Weil sämtliche Helikopter-Mamas ihren Zappelphilipp „Justin-Taylor“ oder ihre verzogene „Celine-Joel“ in den Chor prügeln, um schnell mal eine „Latte Matschiato“ zu schlabbern oder eine „Zumba“-Intensivstunde bei „Ramon“ einzulegen und sich unerschütterlich einreden, ihre Bälger wären der nächste Justin Bieber oder die künftige Taylor Swift? Sollen die sich im nächsten Bezirksklinikum einschreiben? Oder Harakiri mit dem Taktstock begehen?

Und zu guter Letzt, Hochwürden, was einige Ihrer Kollegen da Sonntag für Sonntag gesanglich vor dem Altar abliefern, ist jetzt auch nicht gerade hitverdächtig. Blöderweise laufen da aber einige irritierte Schäfchen wirklich weg. Ob Helene Fischer da nicht das kleinere Übel wäre? Um Gottes Willen! Was rede ich da? Dass ich das mal sagen würde. Über Helene Fischer. Schade. Echt. Um mich.

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