Unerhört neue Orgeltöne

Kunstuniversität Graz


(nmz) -
Beispielhafte Forschung zwischen Kunst und Wissenschaft: Im Zusammenspiel von Orgelmusik und Orgelforschung eröffnet die Kunstuniversität Graz dem Verstehen, Spielen und Hören des Instruments neue Wege.

Zahlreiche Erkenntnisse der Akustik, Signalverarbeitung, Materialkunde und Computertechnik verlangen nach Auseinandersetzung auch in den Bereichen Klassische Musik und Instrumentenbau. Dies führte zur Gründung des Zentrums für Orgelforschung (ZfO) an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz. Das Forschungsteam im Grazer Palais Schwarzenberg, Mag. Martin Rumori, Mag. Jan Rocnik und Univ. Prof. Gunther Rost, widmet sich hauptsächlich der elektronischen und gemischten Klangerzeugung hinsichtlich ihrer spieltechnischen und ästhetischen Potenziale bei der Weiterentwicklung der Orgel im Dialog von Komposition, Interpretation und Instrumentenbau.

Evolution zur elektronischen Klangerzeugung

Die Idee der Orgel, verschiedenste Klänge durch einen Menschen wiedergeben zu können, hat sich seit der Antike mit den technischen Möglichkeiten immer weiter entwickelt. Klangereignisse, durch Streicher, Bläser, Perkussionsinstrumente oder auch direkt von Naturlauten inspiriert, wurden mittels Orgelregistern imitiert. Das Instrument ist mit dem Computer verwandt, denn es summiert erstaunlich diskret unterscheidbare 0/1-Weichenstellungen zu scheinbar unreduzierbarer Komplexität: Digitaltechnologie und elektronische Klangerzeugung liegen also auf der Hand.

Forschung in Beispielen

Auf Basis elektronischer Klangerzeugung wird der Traum, auf Tasteninstrumenten flexibel mit der Stimmung auf die Erfordernisse der Partitur eingehen zu können, Realität: Eine mit der TU Graz (Ltg. Univ. Prof. Gerhard Graber) entwickelte Software erlaubt nun entsprechendes Interagieren in Echtzeit. Die Stimmung (Temperatur) einer E-Orgel kann sich also dynamisch während des Spiels anpassen. Hierfür dienen zwei Temperaturen (z.B. gleichstufig und pythagoräisch) als Pole, zwischen denen stufenlos überblendet werden kann. Diese Basistemperaturen können jeweils von einem beliebigen Stimmungszentrum (Grundton) ausgehen. Damit eröffnet sich ein Kosmos neuer interpretatorischer Möglichkeiten. In Hinkunft soll durch Score-Following-Technik dem Instrument vermittelt werden, welche Stelle der Partitur gerade gespielt wird: Zum Beispiel wären damit hochaufgelöste Farbverläufe, Stimme für Stimme, als Presets möglich und damit eine wesentlich differenziertere Interpretation komplexer Kompositionen.

Schlafes Bruder

Eine Pfeifenorgel ist ein Rauminstrument: Durch die Unterteilung in getrennte Werke mit oft mehreren tausend einzelnen Klangerzeugern (den Pfeifen) sind Orgelklänge immer räumlich verteilt.  Für die E-Orgel lassen sich Erkenntnisse aus der elektroakustischen Musik übertragen, um den Parameter „Raum“ nun frei zu gestalten. Mit vielkanaligen Laut- u   sprechersystemen lassen sich auch Orgelklänge
beliebig anordnen und verteilen, zum Beispiel im MUMUTH – dem Haus für Musik und Musiktheater der Kunstuniversität Graz.

Am 4. Mai 2016 war dies beim Studierenden-Konzert „Schlafes Bruder“ in Kooperation mit dem Institut für Schauspiel zu erleben. Eine mobile E-Orgel des ZfO wurde dafür im MUMUTH eingerichtet und stand den Visionen von Robert Schneiders Protagonisten Johannes Elias Alder, dem exzentrischen Genie aus dem Ländle, zur Verfügung. An der Orgel übernahm Aleksej Vylegzhanin die virtuose  Imagination einer absoluten Musik, aus dem Roman rezitierte Magdalena Wabitsch, die ebenso schlichte wie schöne Raumgestaltung kam von Priska Petau.

Weitere Informationen unter:
www.kug.ac.at
 orgelforschung.at

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