Ungebrochene Faszination

Typologie des Wagnerianers: eine Studie zu Wagner-Vereinen in der ganzen Welt


(nmz) -
Thomas Mann, Donald Duck und Adolf Hitler eint ihre Liebe zu Richard Wagner. In ihrer Verehrung für dessen Werk „gelten sie sogar als Wagnerianer.“ So sagt es die Musikwissenschaftlerin Elfi Vomberg in ihrer Untersuchung über „Wagner-Vereine und Wagnerianer heute“. Bei Thomas Mann weiß man es ja („die Passion für Wagners zaubervolles Werk begleitet mein Leben“); auch Hitlers Begeisterung kennt man, aber der Enthusiasmus der quirligen Ente aus Entenhausen ist doch eine Überraschung. Aber wie so oft bei Wagner: man lernt nie aus!
Ein Artikel von Dirk Klose

Die Autorin will zum einen das Bild des „Wagnerianers“ privat und als Vereinsmitglied von seinen Ursprüngen bis heute verfolgen, zum anderen die Wagnerverehrung in den USA, in Japan und in Deutschland zeigen. Der erste Teil fußt auf intensivem Quellenstudium, dem zweiten liegen Erhebungen bei 250 Vereinsmitgliedern und 30 Interviews zugrunde. Bei keinem anderen Komponisten haben sich dessen Verehrer in so großer Zahl organisiert. Der „Richard-Wagner-Verband-International“ (RWVI), heute der weltweit wichtigste Wagner-Verband, hat derzeit rund 22.000 Mitglieder in 137 Ortsvereinen in aller Welt.

Mit Wagners musikalischen Erfolgen entstand fast schlagartig, was als „Wagnerianer“ schon bald zum festen Begriff wurde – anfangs hoch respektiert, aber  bald mit pejorativer Bedeutung. Denn die Verehrer des Meisters kamen zwar aus gutbürgerlichen Kreisen, schlugen aber mit ihrer überbordenden Verehrung oft über die Stränge. Ein Wagnerianer unterwarf sich bedingungs- und damit auch kritiklos Wagners Weltanschauung und seinem Glauben an das „Deutschtum“. In Opernhäusern kam es schon bald zu Tumulten zwischen Befürwortern und Gegnern; eine österreichische Zeitung schrieb bereits 1884 halb belustigt, halb entrüstet:

„Der Wagnerianer spricht ihm völlig unbekannte Menschen an und fragt nach ihrer Meinung über die neuesten Wunderwerke des Meisters. Hält man mit seinem Lobe zurück, wendet er sich achselzuckend ab, wagt man es aber, offen zu tadeln, so nimmt er einen Bierseidel und schlägt es einem auf dem Kopfe entzwei.“

Die Wagner-Vereine, der erste 1871 in Mannheim gegründet, verbreiteten sich rasch über die ganze Welt; auch zwei Weltkriege stoppten diese Entwicklung nicht. Sie wurden schon bald so etwas wie ein familiäres Auffangbecken. Hier war man unter Gleichgesinnten, konnte sich austauschen, vor allem aber ging es immer um Karten für die Festspiele in Bayreuth. Diese waren  – und das bis vor zwei Jahrzehnten – das Höchste, was man erleben konnte. Dazu die Autorin: „Zu den Bayreuther Festspielen gibt es keine Individuen mehr, da soll die Gruppe der RWVI-Mitglieder als große Familie an der Seite der Wagner-Erben wahrgenommen werden.“ Wolfgang Wagner hat zeitlebens dieses Wir-Gefühl mit viel Psychologie gepflegt. Nach Katharina Wagners abrupter Kehrtwendung in der Kartenpolitik vor wenigen Jahren brach ein Sturm der Entrüstung los mit der Folge vieler Austritte vor allem in Übersee.

Die genannten Ländervergleiche zeigen, wie eine Wagner-Begeisterung sich ganz unterschiedlich äußert. Verallgemeinernd gesagt wird für einen japanischen Bayreuth-Besucher die Musik zu einem Glücksgefühl inneren Erlebens. In Deutschland und in den USA dient der Besuch von Wagners Werken mehr dazu, den jeweiligen sozialen Status herauszukehren; der Musikgenuss wird zum Event und gesellschaftlichem Happening.

Vombergs Studie ist eine Dissertation an der Universität Bayreuth – vermutlich darum das hohe theoretische Gerüst in fast jedem Kapitel. Es hätte größeres Lesevergnügen gemacht, wenn die Autorin noch mehr von ihren Interviews eingebracht hätte. Gleichwohl liest man das Buch mit wachsendem Staunen – Staunen über die ungebrochene Faszination Wagner’scher Musik in aller Welt. So meinte ein 70-jähriger Fan aus Düsseldorf: „Ich habe Wagner vollkommen im Körper. Ich habe bei meiner 136. „Götterdämmerung“ (!) immer noch feuchte Augen bekommen!“ Ein japanischer Verehrer verdankt, wie er sagt, Wagner sein Leben: „I tried to commit suicide, but at that time I listened to a broadcasting of the ,Ring‘. The ,Ring‘ saved me.“ Auf die Gefahr der Eks­tase weist eine Amerikanerin hin: „I almost get sick and I have butterflies in my stomach. I cannot control my body – and cry.“ Lapidar ein anderer: „Wagner is the Mount Everest of music!“

  • Elfi Vomberg: Wagner-Vereine und Wagnerianer heute (Thurnauer Schriften zum Musiktheater Bd. 34), Königshausen & Neumann, Würzburg 2018; 302 S., € 39,80, ISBN: 978-3-8260-6504-0

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