Unter Grenzgängern

Aktuelle Ausgaben für Klavier in allen Schwierigkeitsgraden (Teil 1)


(nmz) -
Dmitri Kabalewski: Sonatine g-Moll für Klavier, op. 13,2 +++ César Franck: Quatre Mélodies pour le piano +++ Otilie Suková: Klavierstücke +++ Leon Gurvitch: Poetic Whispers
Ein Artikel von Anke Kies

Dmitri Kabalewski: Sonatine g-Moll für Klavier, op. 13,2. Sikorski H.S 2118

Das im Jahr 1969 vom Komponisten umgearbeitete Werk besteht aus drei Sätzen und wird dem Anspruch an eine Sonatine mehr als gerecht. Im Kopfsatz, Allegro non troppo (Risoluto), erscheint das thematische Material in immer neuen Varianten, gespickt mit artikulatorischen Raffinessen und kühnen Modulationen, getrieben von kraftvoller Motorik. Im zweiten Satz, Sostenuto, überwiegt ein punktierter Rhythmus, der in feierlicher Gangart sehr melodiös und geerdet für ein Innehalten sorgt, bevor der Finalsatz, Vivace, mit einem fulminanten Fanfarenmotiv eingeläutet wird. Hier greift Kabalewski im Verlauf auch das Thema des ersten Satzes wieder auf, setzt es auch in die linke Hand und korres­pondiert mit Sechzehntelmotiven, die fast akrobatisch durch die Tonarten laufen und von der jeweils anderen Hand mit Staccato-Einwürfen angetrieben werden. Sehr hilfreich sind die im Text verankerten Fingersätze. Die Sonatine ist für Wettbewerbe wie „Jugend musiziert“ wärmstens zu empfehlen.

César Franck: Quatre Mélodies pour le piano. Edition Dohr E.D. 10151

Die Ausgabe von Heribert Koch umfasst die Deux Mélodies „À Félicité“ und die Deux Mélodies op. 15 und schließt mit dieser Ersterscheinung eine weitere Repertoirelücke im Klavierwerk Francks. Die Stücke blieben weitestgehend im Verborgenen und die Manuskripte sind auch heute noch schwer zugänglich, wie Heribert Koch im Vorwort bemerkt. Der Veröffentlichung muss großes Lob gezollt werden, denn diese vier Melodien suchen ihresgleichen und dürften nicht nur Pianisten ansprechen, die auf der Suche nach Unbekanntem sind.  „À Félicité“ ist der Frau César Francks im Jahr der Eheschließung 1848 gewidmet, während die zwei anderen Melodien Frühwerke des jugendlichen Franck sind. Imposant ist in allen Stücken die Melodieführung, die durch die Überlagerung der Hände mit der Begleitstimme ganz sanft eine Synthese eingeht, ruhig und anmutig fließt und auch bei Sechzehntel-Figurationen noch den Atem anhält. Die Auswahl der Tonarten (Des-, E- und Es-Dur) vermag das Atmosphärische, das teilweise Entrückte, von Liebreiz getragene Klangambiente noch zu unterstreichen.

Otilie Suková: Klavierstücke. Bärenreiter BA 11557

Otilie Suková, 1878 als Tochter von Antonin Dvorák geboren und mit Josef Suk verheiratet, war keine professionelle Musikerin. Musik spielte aber, allein schon durch den familiären Hintergrund, eine unverzichtbare Rolle in ihrem kurzen Leben. Die Entstehung der vorliegenden vier Klavierstücke ist weder zeitlich noch handschriftlich verbürgt. Einer Schilderung Suks zufolge hat seine Frau diese Stücke vorgespielt und er hat sie danach wohl zu Papier gebracht. In Otilie Suková schlummerte zweifelsfrei ein kreatives Potenzial, das sich mit diesen Stücken zu entladen suchte. Die Humoreske in lebhaftem 6/8-Takt wartet mit schwunghaft punktierten Akkordbrechungen im Staccato und kühnen harmonischen Wendungen auf, die Suk’sche Züge erkennen lassen. Das folgende Wiegenlied mag ein wenig an Zdenek Fibich erinnern. Die Liedmelodie ist akkordisch gesetzt, ruht in sich durch einen immer wiederkehrenden Grundton in der Begleitfigur und wird im Verlauf des Stückes in der Unterstimme figuriert, mit Sextolen verdichtet, was eine verträumte Stimmung hervorruft. Nur ein Achttakter unterbricht den Fluss in huschenden Quintolenläufen, in dem die Bässe wechseln. „Joschi auf dem Pferdchen“ ist mit fünf Seiten das längste Stück der Ausgabe. Es lebt von einer rhythmisch wiederkehrenden Staccato-Figur im Bass, die auch in der Oberstimme zum Einsatz kommt. Effektvoll stellt Sukova das unbeholfene Trotten dar, indem sie im Mittelteil die Hände zwei Achtel gegen eine Triole oder sogar die Triole gegen vier Sechzehntel spielen lässt und zum Höhepunkt im Forte führt. Das letzte Stück, „ Dem teuren Papa“, liegt handschriftlich vor und ist im bes­ten Sinne eine Erinnerung, verspielt und andächtig, aber auch bewegt. Es verrät Bodenhaftung auch hier durch ein immer wiederkehrendes großes D. Für alle Stücke ist eine große Spannweite der Hand unverzichtbar.

Leon Gurvitch: Poetic Whispers. Boosey & Hawkes BB3506

Leon Gurvitch wurde 1979 in Minsk geboren und erhielt seine Ausbildung an der Musikhochschule seiner Heimatstadt. Seit 2001 lebt er in Hamburg und betreut verschiedene Jazzprojekte, für die er auch Auszeichnungen erhielt. In den vorliegenden Stücken ist diese Jazz-Inspiration auch spürbar. Ihre Entstehung fußt auf einem bestimmten Erlebnis (das Pulsieren der Stadt New York), einem Vorbild (Keith Jarrett, Marcel Reich-Ranicki und Igor Strawinsky) oder einem plötzlichen Gedanken (Beethoven-Themen in 57 Takten). Genauere Angaben hierzu finden sich in den Anmerkungen des Komponisten. Das Album bündelt sechs Klavierstücke, die zwischen poetischer Melancholie und Esprit pendeln, improvisatorisches Einfühlungsvermögen erfordern und sowohl von Profis als auch von fortgeschrittenen Liebhabern gespielt werden können. Hier ist Gurvitch Grenzgänger, der stilistisch nicht festgelegt werden will. Die Kompositionen verraten einen pianistischen Background – da ist nichts von weit hergeholt.

 

 

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