Unterhaltsames – nicht immer mit Happy End

Neue oder bearbeitete Stücke für Kammermusik mit Streichern


(nmz) -
Henry Purcell: Dido’s Lament from „Dido and Aeneas“. Für zwei Violinen, Viola und Violoncello. Bearbeitet für Streichquartett /// Ursula Erhart-Schwertmann (Bearb.): Erstes Duospiel. Kleine Stücke alter Meister /// Scott Joplin: 3 Ragtimes für Violine und Klavier /// Helmut Schmidinger: Zupf di! Rondo für Streichquartett. Four and more ... (strings) für Streichquartett
Ein Artikel von Antonia Bruns

Henry Purcell: Dido’s Lament from „Dido and Aeneas“. Für zwei Violinen, Viola und Violoncello. Bearbeitet für Streichquartett von Graham Bastable. Partitur und Einzelstimmen. International Music Company, New York 2008, $ 9,95, IMC Nr. 3609

„Wenn ich in der Erde liege, mögen meine Fehler keinen Kummer in deinem Herzen rühren. Denk an mich! Doch, ach! vergiss mein Schicksal.“ Mit dieser Klage lässt sich Dido auf ihrem Totenbett niedersinken. Die Geschichte vom Seereisenden Aeneas und der Königin Dido reicht zurück bis in die griechische Mythologie der Frühgeschichte. Der Sage nach soll Aeneas nach der Schlacht bei Troja lange Irrfahrten auf dem Meer unternommen haben. In aller Ausführlichkeit erzählt davon der römische Dichter Vergil. Er verrät uns auch, dass sich bei Aeneas’ Zwischenstopp in Karthago die schöne Dido unsterblich in ihn verliebte. Ohne Happy End natürlich, denn Aeneas musste weiter. Was die Karthagerkönigin schließlich in den Selbstmord trieb: Sie erstach sich mit Aeneas’ Schwert.

Dieses tragische Stück Literatur hat den dreißigjährigen Komponisten Henry Purcell (1659–1695) so gefesselt, dass er kurzerhand eine Oper mit dem Titel „Dido und Aeneas“ schrieb. Es sollte das Meisterwerk seines kurzen Lebens werden. Interessanterweise komponierte Purcell die Oper nicht für die Profi-Bühne, sondern für eine Mädchenschule. „Dido’s Lament“, die letzte Arie und Klage der Dido, ist ursprünglich für Sopran, Streicher und Basso Continuo gedacht. Die Bassstimme wiederholt dabei neun Mal eine chromatisch absteigende Linie. In der vorliegenden Bearbeitung für Streichquartett übernimmt – wer sonst? – das Cello diesen Part. Die erste Violine spielt Didos Arie, während die zweite Violine und die Viola gemeinsam das harmonische Gerüst bauen. Auf nur zwei Seiten Partitur werden Didos Hoffnungslosigkeit, ihr Schmerz, aber auch ihre letzte aufwallende Wut auf Aeneas deutlich. Ein Larghetto im Dreihalbetakt, das zwar keine technischen Schwierigkeiten bereitet, es von der Tongebung aber in sich hat. Ob Aeneas wohl zurückgekehrt wäre, wenn er diese ergreifende Klage Didos gehört hätte? 

Ursula Erhart-Schwertmann (Bearb.): Erstes Duospiel. Kleine Stücke alter Meister, bearbeitet für zwei Violinen (1. Lage). Doblinger, Wien 2007, € 13,90, ISMN: M-012-19680-8

Was gibt es für einen Geigenschüler schöneres, als von Anfang an mit anderen zusammenzuspielen? Das dachte sich auch die Cellistin und Musikbearbeiterin Ursula Erhart-Schwertmann. Kurzerhand schrieb sie 32 Werke von Bach bis Tschaikowsky für zwei Violinen um, immer mit dem Versuch, der Intention der Komponisten gerecht zu werden. Und falls es die Intention der Herren Telemann, Mozart oder Purcell war, ihre Melodien möglichst früh von motivierten kleinen Geigern spielen zu lassen, dann liegt die Bearbeiterin goldrichtig. Zum Großteil Klavierstücke, aber auch Kammermusik mit Basso Continuo hat Ursula Erhart-Schwertmann für den Anfangsunterricht umgeschrieben.

Um es den Schülern etwas leichter zu machen, hat sie einige Tonarten umgeändert und komplizierte Verzierungen weggelassen. Bogenstriche sind vereinfacht. Was bleibt, sind zwei Duostimmen, die beide gut in der ersten Lage spielbar sind. Feste Fingersätze sind nicht vorgegeben, sodass fortgeschrittene Schüler aus klanglichen Gründen auch in andere Lagen wechseln können. Ursula Erhart-Schwertmann, selbst Kammermusikerin, hat somit ein buntes Heft mit Stücken vor allem aus dem Barock und der Vorklassik zusammengestellt.

Neben den berühmten Komponisten hat sie auch nach weniger bekannten Namen gesucht. Da gibt es beispielsweise ein Menuett von Jacques Martin Hotteterre oder einen Ländler von Joseph Lanner. Diese Titel lassen schon erahnen, dass es sich bei dem Großteil der Duos um Tänze wie Bourrée, Gavotte, Allemande oder Hornpipe handelt. Fuge, Arie und Sonata runden die Sammlung ab. Die „Kleinen Stücke alter Meister“ sind der Beweis dafür, dass einfache Stücke auch gut klingen können.

Scott Joplin: 3 Ragtimes für Violine und Klavier. Bearbeitet von Wolfgang Birtel. Schott, Mainz 2008, € 8,95, ISMN 979-0-001-15377-5

„3 Ragtimes von Scott Joplin“. Wenn das mal nicht nach dem „Entertainer“ riecht. Das blaue Notenheft aufgeschlagen, tatsächlich: Jetzt gibt es den Ohrwurm also in einer neuen Fassung für Violine und Klavier. Und nicht nur den: Joplins weitere Hits „The Easy Winners“ und „Rag-Time Dance“ dürfen natürlich auch nicht fehlen. „Beste Unterhaltungsmusik für viele Gelegenheiten“, schreibt der Bearbeiter Wolfgang Birtel dazu – und er hat zweifelsfrei Recht. Beim „Rag-Time Dance“ darf kräftig mit dem Fuß aufgestampft werden. „The Easy Winners“ mit seinen typisch „zerrissenen“ Synkopentakten klingt einfach pfiffig und ist für fortgeschrittenere Geigenschüler leicht spielbar. Und der „Entertainer“ ist eben das Paradestück des „King of Ragtime“ und begeistert seit genau 107 Jahren. Für den vollen Spiel- und Unterhaltungsgenuss fehlen eigentlich nur noch Fingersätze, dann kann bis zum dreigestrichenen E fast nichts mehr schief gehen. Noch ein letzter Hinweis zur gelungenen Aufführung: Das gedruckte „Not too fast“ darf ruhig wörtlich genommen werden. Scott Joplin hat stets davor gewarnt, seine Rags zu hastig zu spielen. Und nun: Gutes Entertainment!

Helmut Schmidinger: Zupf di! Rondo für Streichquartett. Four and more … (strings) für Streichquartett. Partitur und Stimmen. Doblinger, Wien 2006, € 19,90, ISMN: M-012-19300-5

Die Auftraggeber: zwei Ensembles und deren Lehrer im Oberösterreichischen Landesmusikschulwerk. Die Mission: Komposition von zwei Streichquartetten. Der Tatort: Wettbewerb „Prima la Musica“. Der Agent: Helmut Schmidinger, geboren 1969. Das Indiz: Partitur und Stimmen der beiden Stücke „Zupf di! Rondo capriccioso für Streichquartett“ und „Four and more … (strings) für Streichquartett“.
So weit lassen sich die Hintergründe dieser Herausgabe im Verlagshaus Doblinger zurückverfolgen. Auch über die Dauer der beiden mittelschweren Werke gibt es einen Hinweis: jeweils etwa vier Minuten. Dem Vorwort nicht zu entnehmen ist, dass es sich bei den Quartetten um sehr humorvolle Stücke handelt, voller Zitate aus der Musikwelt („etwaige Ähnlichkeiten mit bekannten Themen sind nicht zufällig sondern unvermeidbar“, so der Komponist). Auch verschiedene Strich-, Zupf- und Schlagarten sind ausgiebig vorhanden. Mit überraschenden Dynamikwechseln, Spiel mit Rhythmus und Tempo und einem plötzlich gerufenen „Zupf di!“-Unisono macht Schmidinger klar, dass in seinen Kompositionen von Eintönigkeit und Ideenmangel keine Rede sein kann. Ein ideales Wettbewerbsstück also. Der Agent hat seine Mission glänzend erfüllt!

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