Unterricht in Off- und Onlinewelten

Augmented Reality, Blended Learning, Communities of Practice und Co. – eine Übersicht


(nmz) -
Digitale Medien in Form von Apps und Clouds aber auch in Form von audiovisuellen Tutorials auf Online Plattformen wie YouTube, Vimeo und Co. scheinen immer häufiger Bestandteil des Unterrichts an und außerhalb von Ausbildungsstätten zu werden. Die Musik- und Instrumentalpädagogik bewegt sich nicht mehr nur in der Offlinewelt, sondern ist längst auch in der Onlinewelt präsent. Dadurch verändert sich auch das Lehren und Lernen in diesen Bereichen. Neben den traditionellen Unterrichtsformen stehen Möglichkeiten des Fernunterrichts offen, neue Gemeinschaften bilden sich, Tutorials werden zum alltäglichen Begleiter und digitale Innovationen entstehen.
Ein Artikel von Jasmin Wallner

Die Wissensvermittlung im Musik- und Instrumentalunterricht erfolgt längst nicht mehr nur Face-to-Face. Im Internet entdeckt man bereits zahlreiche, qualitativ hochwertige Onlineangebote. Neueste digitale Trends wie Virtual Reality, Augmented Reality oder Mixed Reality lassen uns erahnen, dass noch weitere didaktische Bereiche von Internet­anbietern übernommen werden können. Um sich bewusst zu werden, inwieweit digitale Trends bereits in der Wissensvermittlung vorhanden sind, seien einige Beispiele genannt:

Die junge App Areeka (areeka.net) bietet die Möglichkeit, (analoge) Lerninhalte mithilfe von Augmented Reality (digital) „lebendig“ zu machen. Aktuell ist mit Areeka eine Reise in Teile der Zahlenwelt, der Vergangenheit sowie der Naturwissenschaften möglich. Themen werden laufend erweitert. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis wir mit Areeka auch in die Musikwelt eintauchen können.

Augmented Reality hat aber auch bereits in der Kunst Einzug gehalten. Analog und digital kombiniert etwa die App Artivive (artivive.com) und kam bereits in Museen, Galerien und Festivals weltweit zum Einsatz. Mit einem Smartphone oder Tablet kann mithilfe der App ein Kunstwerk zum Leben erweckt werden. Durch die Bilderkennung auf dem digitalen Endgerät wird der Nutzer im Rahmen eines Videos auf eine (Geschichts-)Reise eingeladen. Die digitalen Inhalte können mit dem Tool Bridge erstellt werden. Auch im Musik- und Instrumentalunterricht lässt sich diese App einsetzen, indem beispielsweise eine Bildabfolge zur Musikgeschichte oder zum Aufbau eines Instruments erstellt wird, jedes Bild eine Epoche oder eine Phase darstellt und durch die App Artivive mehr (Hintergrund-)Wissen durch ein Video zu jedem Bild vermittelt wird.

Mit neuen digitalen Trends in der Wissensvermittlung und Rezeption im Bereich Musik beschäftigt sich unter anderem auch das Landeszentrum Musik – Design – Performance an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen (landeszentrum.net). Diese Einrichtung versteht sich als „Atelier für innovative Ansätze in künstlerischer Praxis, Forschung und Lehre im digitalen Zeitalter“ und realisiert viele interessante Projekte. Im interdisziplinären Symposium 2019 stand „Die Rolle des Auditiven in immersiven erweiterten Realitäten von Monteverdi bis Virtual Reality“ im Mittelpunkt. Das Erleben und die Entwicklung von Sound, Raum und Klang in virtuellen Realitäten sowie virtuelle Musikinstrumente werden in dieser Einrichtung laufend diskutiert, erforscht und in Projekten praktiziert. An dieser Stelle lässt sich beispielsweise auch die Erfindung der Mi.Mu Gloves (mimugloves.com) nennen. Diese ermöglichen eine Veränderung der Einstellungen (z.B. Filter, ­Grundsound etc.) durch Bewegungen. Diesen Bewegungen werden vorab verschiedene musikalische Parameter zugeteilt. Durch das Wissen, welche Bewegung welchen Parameter auslöst, können so Klänge und Rhythmen gefärbt und verändert werden.

Was bedeutet dies nun für die Entwicklungen im Musik- und Instrumentalunterricht?

Zwischen Realität und Virtualität

Online-Lernen nimmt einen wichtigen Stellenwert im aktuellen Bildungsangebot ein. Virtuelle Welten öffnen sich auch stetig im Musik- und Instrumentalunterricht, wie durch die digitalen Trends bereits aufgezeigt wurde. Der Präsenzunterricht in der realen Welt mit der physisch anwesenden Lehrkraft kann bis dato allerdings noch nicht gänzlich durch die Virtualität ersetzt werden. Gerade in der Musik sind ästhetische Erfahrungen von besonderer Bedeutung. Dabei geht es vor allem um bewusste, von Emotionen und Gedanken geleitete Wahrnehmung und die Voraussetzung, dass eigenes Interesse vorhanden ist, welches die Musik in Beziehung zur (analogen und digitalen) Welt und zu sich selbst stellt. Abgesehen davon, sind einige musikalische Domänen (z.B. Klang, Atmung, Agogik etc.) bisher noch nicht mit ihren gesamten Eigenschaften über digitale Mittel übertragbar, ohne dass die Qualität der Lernprozesse darunter leidet.

Ausgehend davon bieten sich in der Musik- und Instrumentalpädagogik Bildungs- und Unterrichtskonzepte an, welche Präsenz- und Fernunterricht miteinander kombinieren. Das Blended Learning Modell lässt sich beispielsweise in diesem Bereich gut einsetzen. Das Lernen findet dabei in Präsenzeinheiten sowie in der Fernlehre mittels Online-Ressourcen statt. Diese Unterrichtspraktik ermöglicht eine flexiblere räumliche, zeitliche und organisatorische Gestaltung des Lernens. Die soziale Dimension, welche in der Musik wesentlich ist, sowie das interaktive asynchrone Lernen stehen im Fokus. Nachfolgend werden einige Möglichkeiten für den Einsatz von Blended Learning im Musik- und Instrumentalunterricht vorgestellt:

  • Blogs und interaktive soziale (Kommunikations-)Medien ermöglichen eine Reflexion und Vertiefung außerhalb des Präsenzunterrichts. Die Ergebnisse der Studie „Blogging through the music student teaching experience: Developing virtual communities of practice“ von Kate R. Fitzpatrick (2014) zeigen beispielsweise, dass die Verwendung eines Blogs im Musik- oder Instrumentalunterricht regelmäßige Interaktion, den Austausch von Ressourcen sowie Problemlösungen zwischen Menschen ermöglicht, die das gemeinsame Interesse verfolgen, ihre Praxis zu verbessern. Mit Blogs oder anderen interaktiven sozialen (Kommunikations-)Medien stehen Netzwerke der sozialen Unterstützung zu Verfügung, in denen auch reflektierendes Denken stattfinden kann.
  • Apps, Musik- und Notenprogramme können sowohl in der Präsenzeinheit als auch im Fernunterricht verwendet werden. Mit Musik- und Notenprogrammen wie MuseScore (musescore.org/de) oder Sibelius (avid.com/de/sibelius) können Kompositionen niedergeschrieben oder Stücke mit mehreren Stimmen versehen werden. Diese Programme stellen keine Neuheiten dar und kommen schon längst in der Musik zum Einsatz. Dennoch bieten diese digitalen Anwendungen für Lehrpersonen die Möglichkeit, kreative Aufgaben wie zum Beispiel Kompositionsaufträge an Lernende zu vergeben. Neuere Varianten dafür bieten unter anderem die Apps Remix live, PlayGround und Jambl, mit denen die Gestaltung eigener Rhythmen und Improvisationen möglich ist. Der Ableton Link – direkt in den Apps vorhanden – schafft die Möglichkeit, die einzelnen digitalen Endgeräte miteinander zu verbinden und die reale Gruppe kann in der virtuellen Welt gemeinsam musizieren.
  • Mit selbst gestalteten, interaktiven Lernspielen, Apps und Tools kann der Unterricht aufgelockert, eigene Ideen umgesetzt und der Kreativität freien Lauf gelassen werden. Im World Wide Web findet man zahlreiche Webseiten, die einen dabei unterstützen, eigene Apps, Spiele oder Materialen für den Unterricht zu gestalten. Das Kreieren eigener Unterrichtsinhalte ist mit Computer, Laptop, Tablet, Phablet oder Handy einfach und unkompliziert möglich. Folgende Anwendungen können dabei unterstützen:
    • Kahoot! (kahoot.com): Lernspiele erstellen, teilen und spielen
    • Quizlet (quizlet.com): spielerisch lernen, üben und unterrichten
    • Socrative (socrative.com): Quizze erstellen und mit der Klasse teilen
    • Mentimeter (mentimeter.com): Umfragen, Präsentationen und interaktive Workshops erstellen
    • LearningApps (learningapps.org): interaktive und multimediale Lernbausteine für den Musik- und Instrumentalunterricht durchstöbern und erstellen
  • Lernplattformen unterschiedlicher Art können im Internet für den Blended Learning Einsatz gefunden oder auch selbst erstellt werden. Über die kostenpflichtige Plattform Musikkunde online (musikkunde.net) können zum Beispiel musiktheoretische Aspekte auf digitalem Weg (mit 14-tägiger Testversion) erkundet und für den Fernunterricht genutzt werden. Eine durchaus zeitaufwändigere Variante, welche auch weitaus mehr technologisches Knowhow voraussetzt, ist die Erstellung einer eigenen Lernplattform für den Unterricht zum Beispiel mit Moodle. Damit können unterschiedliche Kurse gestaltet werden, die an die Bedürfnisse der Lernenden angepasst und individuell aufgebaut werden können. Bei dieser Form kann auch ein Login-Bereich eingerichtet werden, so dass nur Schülerinnen und Schüler einer bestimmten Einrichtung oder Klasse Zugang haben.

YouTube, Vimeo und Co.

Eine wesentliche Möglichkeit im Blended Learning Modell spielen auch Tutorials, welche als schriftliche oder filmische Erklärungen von Lerninhalten oder anderen Anwendungen fungieren. Dinge werden dadurch veranschaulicht, demonstriert und präsentiert.

Angesiedelt zwischen informellem und formalem Lernen liegt der große Vorteil von Tutorials darin, dass Lernende selbst entscheiden, was, von wem, wann, wo und in welchem Tempo sie lernen wollen. In diversen Video­plattformen wie YouTube, Vimeo, Dailymotion, VidLii, Twitch oder Metacafe sind unzählige qualitativ hoch- und minderwertige Tutorials in den unterschiedlichsten Sparten zu finden. YouTube zählt dabei wohl zu den bekanntesten Onlinevideoportalen und ist neben WhatsApp nicht nur eine der meist genutzten digitalen Plattformen, sondern auch der zentrale, digitale Bildungsort vieler Jugendlicher. Dies belegt eine vom Rat für kulturelle Bildung 2019 durchgeführte Umfrage unter Jugendlichen (12–19 Jahre) zu deren Nutzung kultureller Bildungsangebote an digitalen Kulturorten. Auf YouTube sind unzählige Tutorials für den Musik- und Instrumentalunterricht zu finden.

Tutorials können einerseits im Fernunterricht verortet werden, um Lerninhalte zu vermitteln oder Impulse zu setzen. Im musiktheoretischen Feld kann zum Beispiel auf die Website musikkunde.info verwiesen werden, welche mittels Tutorials Lerninhalte vermittelt und anschließend das Erlernte mit kleinen Übungen auch gleich überprüft. Auch Tutorials zum Erlernen eines Instruments stellen keine Seltenheit mehr dar. In diesem Zusammenhang sei als Beispiel auf die Video-Tutorials der Gitarrenschule Berlin (www.gitarrenschule-berlin.de/videok…) verwiesen, welche auch auf YouTube zu finden sind. Als Hobbysaxophonistin kann ich auch das YouTube-Abo „Saxbrig – The Saxophone Channel“ empfehlen.

Andererseits können Tutorials auch Gegenstand im Präsenzunterricht sein und der Differenzierung, dem Austausch sowie der Vertiefung von Lerninhalten dienen. Es können beispielsweise unterschiedliche Tutorials miteinander verglichen und analysiert werden. Ein Highlight für Schülerinnen und Schüler ist auch die Eigenproduktion von Tutorials. Lernen durch Lehren ist nach wie vor fruchtbar und in diesem Zusammenhang gut im Musik- und Instrumentalunterricht einsetzbar.

Resümee

Durch die neuen digitalen Trends der Wissensvermittlung wie auch der unzähligen Blended Learning Möglichkeiten wird Methodenvielfalt geboten und die Lernenden können durch kreative Aufgaben und Abwechslung motiviert werden. Zudem entstehen sogenannte Communities of Practice, in denen sich Schülerinnen und Schüler in- und außerhalb des Präsenzunterrichts bewegen. Diese kennzeichnen sich nach Etienne Wenger (1998) durch die drei Merkmale eines gemeinsamen Interessensbereichs, der Gemeinschaft sowie der Praxis und eröffnen wiederum neue virtuelle und reale Welten im Lernprozess. Abseits vom Blasmusikverein und Laienchor können und werden zunehmend Informationen auf Online-Plattformen unter Gleichgesinnten ausgetauscht. Auch die musikalischen Praktiken sind in Communities of Practice eingebettet.

Nichtsdestotrotz sind Pädagoginnen und Pädagogen im Musik- und Instrumentalunterricht zwischen Realität und Virtualität auch „Challenges“ ausgesetzt. Um diese für sich zu entscheiden, ist eine entsprechende Bewusstseinsbildung bei den Lehrenden und eine Offenheit gegenüber neuen Bildungs- und Unterrichtskonzepten notwendig. Nur wer die aktuellen Herausforderungen ins Bewusstsein gerufen hat, die Off- und Onlinewelten bezogen auf die Zielgruppe und den Kontext optimal mischt sowie flexibel darauf reagiert und in weiterer Folge digitale Möglichkeiten sinnvoll im Sinne des Blended Learning Modells einzusetzen weiß, kann die „Challenge“ gewinnen und die Lernenden bestmöglich auf ihrem musikalischen Weg unterstützen.

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