Unterwerfung – Theo Geißler über TTIP, Barbarei und Zivilisation


(nmz) -
Über viele Jahrzehnte herrschte die Meinung, der Limes, jene mehr oder weniger stark befestigte Grenzanlage zwischen dem römischen Imperium und den Barbaren, habe vor allem dazu gedient, einfallende unzivilisierte, barbarische Horden abzuwehren und römische Lebensart und Zivilisation zu schützen. Inzwischen wird dieser Grenzwall zwischen der Zivilisation, also dem römischen Imperium, und den Barbaren, also jenen germanischen und asiatischen Stammesvölkern, die sich nach Westen ausbreiteten, stärker auch als Zollgrenze und Kanalisierung des Warenaustauschs gesehen. [Aus der aktuellen nmz 3/2015]
Ein Artikel von Theo Geißler

Das lenkt uns direkt ins Heute, da derzeit TTIP, CETA und weitere rein zahlenstrom-gesteuerte Handelsabkommen ausgeheckt werden. Denn wie SPD-Vorsitzender Sigmar Gabriel – den mit Horst Seehofer die Lichtgeschwindigkeit beim Standpunkt-Wechsel vereint – in enger Umarmung mit EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström und Martin Schulz, EU-Parlamentspräsident, bei einer Tagung Ende Februar in Berlin unmissverständlich klar machte, dient TTIP vor allem dazu, der gelben Gefahr zu begegnen. Ein ums andere Mal wurde warnend gefragt, ob unsere westlichen Standards in der Zukunft gelten sollten oder ob anderen Weltregionen die Normsetzung überlassen wird. Folglich: lieber Chlorhühnchen statt Hundeeintopf.

Wir Musikmenschen wissen nur allzu gut, was uns droht, wenn der gelben Gefahr kein TTIP-Limes entgegen gesetzt wird. In unseren Orchestern spielen nur noch Chinesen. Bald wird es eine Einheimischen-Quote an deutschen Musikhochschulen geben müssen. Die hiesige Musikindustrie wird nach Peking verlagert und wir jodeln künftig in Mandarin. Gabriel, Malmström und Schulz spielten souverän auf der Angstklaviatur. Längst wurde ad acta gelegt, dass uns mit TTIP eigentlich mal Wirtschaftswachstum versprochen wurde, dass tausende neue Arbeitsplätze als blühende Landschaften entstehen sollten (Kommt einem irgendwie bekannt vor). Jetzt geht es scheints nur noch darum, Überfremdungs-Furcht zu schüren. Wenn nicht wir West-Kultivierten die Standards und Normen setzen, werden es die ominösen „anderen“ tun. Eine Kultur-Katastrophe schier houellebecq’schen Ausmaßes droht. Doch welche Standards sind gemeint? Welche gemeinsamen Standards haben wir mit den USA, wenn diese noch nicht einmal die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ratifiziert haben? Wir erinnern uns: Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen, Beseitigung der Zwangsarbeit, Abschaffung der Kinderarbeit und Verbot von Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf. Gewerkschaftliche Organisationen und Betriebsratswahlen sind in einigen US-Bundesstaaten keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Und die UNESCO-Konvention in Sachen kultureller Vielfalt? Makulatur.

US-Ökonomie als neue Leitkultur – gestützt durch willfährige Europäer? Geht es nicht schlicht darum, dass TTIP imperial agierenden US-Konzernen wie Google, Amazon und Apple weiter die kapitalen Panzerstraßen planiert? Auf diesen Rollfeldern ist der Tod des einen oder anderen Kulturpflänzchens doch nur ein tolerabler Kollateralschaden.

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