Uraufführung zum Reformationsjubiläum

Projekt am Nordkolleg Rendsburg vernetzt Akteure aus Kultur, Kirche und freier Musikszene


(nmz) -
500 Jahre Reformation: Wie kann eine Akademie für kulturelle Bildung und Landesmusikakademie dazu beitragen, dass das Jubiläumsjahr auch in ihrem Wirkungskreis angemessen Raum findet – mit den ihr zur Verfügung stehenden Kompetenzen, Methoden und Ressourcen? Diese Frage war Ausgangspunkt für das Projekt „Sprache.Reformation.Musik. Zeitgenössische musikalische Annäherungen an Martin Luther.“, welches vom Nordkolleg Rendsburg entwickelt und in Kooperation mit der örtlichen Christkirchengemeinde von November 2016 bis Mai 2017 umgesetzt wurde.
Ein Artikel von Anne Kankainen

2 x Luther, 1 x Dickinson

Kernelement war die Beauftragung und Uraufführung einer Komposition, die sich mit musikalischen Mitteln dem Reformator Martin Luther annäherte. Mitwirkende Ensembles waren das Raschèr Saxophone Quartet und das Sonux Ensemble – die Männerstimmen der Chorknaben Uetersen unter der Leitung von Hans-Joachim Lus­tig. Über die rein musikalische Ebene hinaus sollte eine gedankliche Annäherung zwischen Mitwirkenden beziehungsweise Rezipierenden und Werk im Reformationskontext initiiert werden. Hierfür beinhaltete das Konzept mit einem Einführungsgespräch vor der Premiere, zu dem Gastredner aller beteiligten Disziplinen eingeladen waren, einen besonderen Impuls. Weiterhin boten informelle Begegnungen während der Probenarbeit sowie während des begleitenden Saxophon-Workshops Gelegenheit zum Austausch und zur Vertiefung.

„Can you guess who said what?“ Mit dieser an das Publikum gerichteten Frage eröffnet der Chor die Komposition „Luther-Quiz“ von Bernd Franke. Im Folgenden werden Originalzitate Martin Luthers und des US-amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King jr. vom Chor singend, rezitierend, szenisch-agierend einander gegenübergestellt. Zwei Chor-Solisten übernehmen dabei gewissermaßen die Funktion eines Quizmasters. „The ultimate measure of a man is not where he stands in moments of comfort and convenience, but where he stands at times of challenge and controversy.“ Martin Luther oder Martin Luther King jr.? Erstaunlich, wie schwer sich manche Aussagen aufgrund ihrer Zeitlosigkeit eindeutig zuordnen lassen. Kompositorische Details wie die wiederkehrende Verwendung einer Blue-Note in Kombination mit dem „amerikanischen“ Luther sind dabei eine willkommene Hilfestellung. Anstelle einer vermeintlich folgerichtigen Auflösung der Quizfragen verklingt die Komposition mit einem Epilog, in dem Gedichtzeilen von Emily Dickinson vertont werden: ein im positiven Sinne unvollkommener, transzendenter Schluss.

Nachwuchschor trifft Profimusiker

Den jungen Sängern des Sonux Ensembles gelang es in der Uraufführung am 25. Mai in der Christkirche Rendsburg, die Chorstimmen innerhalb ihrer jeweiligen Tessitur ausdrucksvoll und dynamisch nuanciert zu gestalten. Insbesondere sorgten die hohen Tenorstimmen für Glanz und Obertonreichtum im Chortutti. Die vorausgegangene enge Zusammenarbeit zwischen Komponist und Chorleiter Lustig im Entstehungsprozess des „Luther-Quiz“ zahlte sich hier aus: im kollegialen Austausch konnten kompositorische Ideen an die Kompetenzen eines musikalisch noch nicht gänzlich routinierten, stimmlich jedoch sehr flexiblen Nachwuchschores angepasst werden. Der facettenreich ausgearbeitete Saxophon-Part wurde von den Profis des renommierten Raschèr Saxophone Quartet gekonnt in Szene gesetzt: sei es im aleatorisch-frei gestalteten Einleitungsteil, in fein ausbalancierten Liegeklängen oder in virtuosen Passagen der Komposition.

Gefragt nach der Relevanz Martin Luthers für das kirchenmusikalische Geschehen der Gegenwart, waren sich die Teilnehmenden des Einführungsgesprächs einig: Über die Pflege der Tradition hinaus sind Produktivität und Kreativität die entscheidenden Kräfte, um den Blick im Lutherschen Sinne nach vorn, hin zu einer aktiven Fortschreibung der Kirchenmusikgeschichte zu lenken. Die Entstehung neuer Kompositionen, auch oder insbesondere für ungewöhnliche Besetzungen, ist dabei ein wichtiges Element. Und noch eines wurde im Laufe des Projektes deutlich: Zeitgenössische Musik besitzt das Potential, auch junge Ensembles zu begeistern: indem sie Teil einer Uraufführung werden und so „Musikgeschichte live“ mitgestalten.

Das Projekt „Sprache.Reformation.Musik.“ wurde aus dem Etat der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, sowie aus Mitteln des Kulturministeriums und der Kulturstiftung des Landes Schleswig-Holstein, der Arbeitsstelle Reformationsjubiläum der Nordkirche und der Kulturstiftung des Kreises Rendsburg-Eckernförde gefördert. Das Notenmaterial ist bei der Edition C.F. Peters erhältlich.
  

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