Veränderung als Chance begreifen

Zur Arbeitszufriedenheit von Musikschullehrkräften in Kooperationsprojekten · Von Susanne Stamm


(nmz) -
Im Jahr 2011 gab es deutschlandweit 4.136 Kooperationen zwischen Musikschulen des VdM und allgemeinbildenden Schulen, Kindertageseinrichtungen und anderen Partnern (VdM 2012, S.177). Insgesamt wurden 236.428 Schüler von 15.821 verschiedenen Bildungspartnern unterrichtet. Der stetige Zuwachs an Kooperationen stellt die beteiligten Institutionen und Personen vor teils erhebliche organisatorische und (musik-) pädagogische Herausforderungen. Um diese zu bewältigen und zu gewährleisten, dass die Bedürfnisse und Möglichkeiten aller Partner berücksichtigt werden, muss an vielen verschiedenen Stellen angesetzt werden.
Ein Artikel von Susanne Stamm

Durch Ganztagsschulen und G8 werden neue Bildungskonzepte und -strukturen erforderlich. Diese müssen gleichermaßen die Bedürfnisse der allgemeinbildenden Schulen und der Musikschulen berücksichtigen (vgl. VdM 2011). Die Leiterinnen und Leiter der Schulen, Kindertageseinrichtungen und Musikschulen müssen sich im Kommunizieren und institutionsübergreifenden Organisieren üben. Das fordert von ihnen mehr Initiative, teils andere Planungsvorläufe und auch mehr Unterstützung der „außer Haus“ arbeitenden Musikschullehrkräfte, zum Beispiel durch Supervision, Anrechnung von Regiezeiten, Fortbildungsmöglichkeiten oder ähnliches. Wie aber geht es den Instrumentalpädagoginnen und -pädagogen in ihren neuen Arbeitsfeldern? Neben der Herausforderung des Unterrichtens von großen, im Hinblick auf Motivation und Leistungsfähigkeit heterogenen Gruppen von Schülern sehen sich Musikschullehrkräfte mit verschiedenen strukturellen Bedingungen, Sozial- und Aktionsformen sowie ziel- oder inhaltbeschreibenden Konzeptionen konfrontiert.

In Methodik und Reichweite unterschiedlich, existieren bisher einige wenige Studien zur Arbeitszufriedenheit von Musikschullehrkräften aus Deutschland (Loritz 1998, Popp 2011 oder ver.di 2008 bzw. 2012), Österreich (Paulus 1993, Hofstätter 2001) und der Schweiz (Ulrich/Lehmann 2011). Das Thema Kooperationen wird darin nur am Rande berücksichtigt. Während die Gewerkschaft einerseits den „freien Fall“ (Bossen/Simon 2012, S. 35) der Musikschullehrkräfte und Privatmusiklehrer/-innen skizziert, verheerende Einkommenssituationen und Arbeitsbedingungen aufzeigt, ermitteln jedoch die einzelnen Studien eine relativ hohe Arbeitszufriedenheit der Befragten. Die Ursache für diese tendenziell hohen Zufriedenheitswerte liegt vermutlich auch in den „allgemeinen Bedingungsfaktoren“ (Weinert 1998, S. 214) der Arbeitszufriedenheit begründet: Voraussetzung ist demnach eine geistig fordernde, erfolgsvermittelnde sowie den eigenen Interessen, Kenntnissen und Bedürfnissen entsprechende Arbeitssituation (vgl. ebd.). Diese Kriterien werden von vielen Lehrkräften als erfüllt angesehen. Als Grund für Zufriedenheit werden beispielsweise häufig Aspekte wie die (musikalische) Arbeit mit Menschen genannt.
Zweifelsohne können „die Befindlichkeiten von Lehrenden nicht Ziel von Unterricht sein“ (Behne 1991, 34), doch ist Arbeitszufriedenheit im Sinne eines „wichtigen Beitrag[s] für die Lebensqualität des arbeitenden Menschen“ als „erstrebenswert“ (Hofstätter 2001, S. 198) anzusehen. Die Zunahme von Kooperationen mit instrumentalem und vokalem (Groß-)Gruppenunterricht sowie der Eindruck einer höheren Belastung von Musikschullehrkräften in Kooperationsprojekten haben mich dazu veranlasst, eine Untersuchung der Arbeitszufriedenheit von Musikschullehrkräften speziell in Kooperationsprojekten durchzuführen.

Im Zentrum der Untersuchung standen unter anderem Fragestellungen zu folgenden Bereichen:
Qualifikationen der Lehrkräfte für das Unterrichten in Großgruppen

  • subjektive Einschätzung über das Ausreichen der eigenen Qualifizierung
  •  Arbeitszufriedenheit
  • zufriedenstellende bzw. belastende Aspekte (Teilzufriedenheiten)
  • Einfluss der Arbeitsbedingungen auf die Qualität der Arbeit
  • Bewertung der eigenen Tätigkeit nach ihrer Belastung
  • Haltung gegenüber der Methode Großgruppenunterricht
  • Probleme bzw. Besonderheiten
  • gut zu realisierende Unterrichtsziele

 Entwicklungsbedarf

Im Sommer 2012 wurden eigens entwickelte Fragebögen an fünf öffentliche Musikschulen im Großraum Nürnberg verteilt. Insgesamt wurden 35 Fragebögen ausgefüllt (lt. Angabe der Musikschulen lag die Anzahl der in Kooperationen tätigen Lehrkräfte zu der Zeit bei etwa 40 bis 50). Bei eigentlich gutem Rücklauf führen die relativ kleine Stichprobe und die regionale Begrenzung sowie die bei solchen Untersuchungen übliche Verteilungsschiefe natürlich zu Problemen bei einer Verallgemeinerung auf die Grundgesamtheit. Dennoch zeigt die Auswertung der Fragebögen relevante Punkte auf.

 Ergebnisse

Die Mehrzahl der Befragten (54 %) verfügt über eine sehr hohe bis hohe Arbeitszufriedenheit. Fast alle Lehrer (94 %) würden ihre Tätigkeit wieder ergreifen. Auch in der Bewertung der Einzelzufriedenheiten zeigen sich die Befragten durchgehend „mittel“ bis „zufrieden“. Unzufrieden sind die Lehrkräfte vor allem mit ihrer Bezahlung. Obwohl 85 Prozent der Lehrkräfte nach TVöD bezahlt werden, zeigt sich kein Befragter „sehr zufrieden“ mit seiner Bezahlung. Dass 88 Prozent der Lehrkräfte eine höhere Arbeitszeitbelastung im Vergleich zum Einzelunterricht empfinden, ist bezeichnend und dürfte eine mögliche Ursache dafür darstellen. Es konnte ein Zusammenhang zwischen den Einzelzufriedenheiten und der Arbeitszufriedenheit ermittelt werden, das heißt, je mehr Rahmenbedingungen die Ausübung der Tätigkeit fördern, umso höher ist die Arbeitszufriedenheit. Trotz der hohen Arbeitszufriedenheit empfindet mehr als ein Drittel der Befragten den Unterricht als Anstrengung. 88 Prozent der Lehrer/-innen fühlen sich für ihre Tätigkeit qualifiziert. Der Anteil von 58 Prozent, der angegeben hat, sich „mittlerweile“ qualifiziert zu fühlen, deutet auf einen Entwicklungsprozess hin.

Auf den ersten Blick scheinen also einige der erhaltenen Ergebnisse als Argumentationshilfe im Streit um bessere Arbeitsbedingungen wenig brauchbar. Bedenkt man jedoch, dass diese teilweise auf einem – noch vorhandenen – hohen Grad an Motiviertheit und Idealismus basieren, ist ein Stagnieren der Bemühungen um Arbeitszufriedenheit und -bedingungen absolut keine Option.

Der stetige Zuwachs an Kooperationen wird von den Befragten mehrheitlich pragmatisch bis positiv betrachtet. Die Haltung der Lehrkräfte zum Großgruppenmusizieren liegt dabei überwiegend im neutralen Bereich. Nur drei Befragte bezeichneten diese Unterrichtsform als generell ungeeignet.

Wollen wir Veränderung als Chance begreifen, so ist neben der (finanziellen) Gleichstellung zu Lehrkräften der allgemeinbildenden Schule – und einem damit einhergehenden Zugewinn an Anerkennung der musikpädagogischen Arbeit – auch eine Integration der Musikschule ins deutsche Schul- beziehungsweise Bildungssystem wichtig. Beachtet man die Zufriedenheit einzelner Aspekte der Tätigkeit sowie weitere Aussagen und Verbesserungswünsche, lässt sich ein Entwicklungsbedarf in verschiedenen Bereichen feststellen: Besonders unzufrieden zeigen sich die befragten Lehrkräfte mit ihrer Bezahlung. Um die Attraktivität des Unterrichtens von Großgruppen weiter zu steigern, ist die Berücksichtigung der höheren Arbeitszeitbelastung wichtig. Mit den von ver.di ermittelten prekären Einkommenssituationen im Hinterkopf muss eine grundlegende Verbesserung der Honorare angestrebt werden. Den Befragten zufolge sollte außerdem die Aus-, Fort- und Weiterbildungssituation verbessert werden. Verbesserungswünsche beziehen sich darüber hinaus auf Rahmenbedingungen (z.B. Raumausstattung, Instrumentarium, Stundenplangestaltung) und Kommunikationsstrukturen (z.B. klare Zuständigkeiten und Kommunikationswege).

Gemeinsame Forderungen

Die bisher genannten Verbesserungswünsche bestätigen, was der VdM schon lange empfiehlt beziehungsweise fordert: Für das Gelingen einer Kooperation werden in der „Arbeitshilfe und Materialsammlung zur Kooperation von Musikschule und Ganztagsschule“ (2005) folgende Punkte genannt: entsprechende Vergütung, Musikschule und allgemeinbildende Schule als gleichberechtigter Partner, Schaffen einer „langfristige[n] kontinuierliche[n] Zusammenarbeit unter dem Gesichtspunkt eines gemeinsamen Bildungsauftrages“ (VdM 2005, S. 37), gemeinsamer Wille zur Kooperation, feste Ansprechpartner, sinnvolle Integration in den Stundenplan, optimaler und rechtzeitiger Informationsfluss, angemessene Unterrichtsräume und gutes Instrumentarium sowie „Fortbildungen in entsprechender Methodik und Didaktik beziehungsweise zu bestimmten Unterrichtsangeboten“ (ebd.). Auf Verbands- oder Gewerkschaftsebene scheinen gemeinsame Ziele für eine Verbesserung bereits klar ermittelt zu sein. So wird beispielsweise die Forderung nach angemessener Vergütung und verbesserten Rahmenbedingungen von ver.di, VdM und DTKV getragen. Es ist davon auszugehen, dass sich das Berufsfeld weiter in Richtung einer stärkeren Verflechtung der Bildungsinstitutionen entwickeln wird. Daher ist es jetzt an der Zeit, die notwendige Verbesserung der Arbeitsbedingungen umzusetzen.

 Literatur

  • Behne, Klaus-Ernst (1991): Die Zufriedenheit des Lehrers – ein paradoxes, ein utopisches Lernziel? In: Kraemer, Rudolf-Dieter (Hrsg.): Musikpädagogik. Unterricht, Forschung, Ausbildung. Schott, Mainz u. a., S. 28–36
  • Bossen, Anja/Simon, Jürgen (2012): Im freien Fall – ver.di befragte Lehrkräfte. Situation an Musikschulen und bei Privatmusiklehrern verschlechtert sich weiter. In: neue musikzeitung. Nr. 12, 2012. ConBrio, Regensburg, S. 35
  • Hofstätter, Anna Maria (2001): Freud und Leid des Musikschullehrers. Eine empirische Studie zur beruflichen Belastung und zur Arbeitszufriedenheit von Musikschullehrern am Beispiel von oö. Landesmusikschullehrer/innen. Studio Weinberg, Kefermarkt
  • Loritz, Martin D. (1998): Berufsbild und Berufsbewußtsein der hauptamtlichen Musikschullehrer in Bayern. Studie zur Professionalisierung und zur aktuellen Situation des Berufs des Musikschullehrers. Wißner, Augsburg (=Form Musikpädagogik, Bd. 28)
  • Paulus, Norbert (1993): Arbeitszufriedenheit. Eine qualitativ empirische Untersuchung über Ursachen zufriedenstellender Arbeitstätigkeit bei Instrumentallehrerinnen und -lehrer am Salzburger Musikschulwerk. Dissertation: Naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Salzburg, Salzburg
  • Popp, Reimund (2011): Musikschullehrer – Biographie, Berufsalltag und Berufszufriedenheit von Lehrerinnen und Lehrern an öffentlichen Musikschulen in Deutschland. Eine Evaluationsstudie als Beitrag zur Professionalisierung des Musikschullehrerberufs. WorldWideVoice-Music, Darmstadt
  • Rehberg, Sonja (2012): Die Leidenschaft, die Leiden schafft. Patchwork: Der schwierige Berufsalltag junger Musikpädagogen. In: Neue Musikzeitung, Nr. 9, 2012: ConBrio, Regensburg, S. 49–50
  • Ulrich, Sonja/Lehmann, Andreas C. (2011): „Da konnte ich mich völlig zurück-ziehen. Es brauchte mich nicht“ - Eine Tagebuchstudie zur beruflichen Zufriedenheit und Professionalisierung von Lehrkräften im Instrumentalen Gruppenunterricht. In: Beiträge empirischer Musikpädagogik. Jg. 2, Nr. 1, 2011, S. 1 28. URL: http://www.b-em.info/index.php?journal=ojs&page=article&op=viewArticle&path[]=47&path[]=128 (Stand: 08.09.2012)
  • VdM Verband deutscher Musikschulen (2005): Arbeitshilfe und Materialsammlung zur Kooperation von Musikschule und Ganztagsschule (in offener, teilgebundener und vollgebundener Form). 3. Aufl. VdM Verlag, Bonn
  • VdM Verband deutscher Musikschulen (2011): Gemeinsame Resolution des VdM und der RKM. Umfassendes Musik-Bildungskonzept notwendig. URL: http://www.musikschulen.de/aktuelle… (Stand: 27.01.13)
  • VdM Verband deutscher Musikschulen (2012): VdM Jahresbericht. Themenschwerpunkte und statistische Daten 2011. Berichte des Bundesvorstandes, der Bundesgeschäftsstelle, der Landesverbände und der Bundes-Eltern-Vertretung. VdM, Bonn
  • ver.di (2008): Auswertung der ver.di Umfrage. „Einkommenssituation und Arbeitsbedingungen von Musikschullehrkräften und Privatmusiklehrkräften.“ Februar 2008–April 2008. Berlin. URL: http://musik.verdi.de/musikschulen/… (Stand: 08.09.2012)
  • ver.di (2012): Im freien Fall. Die Situation der Musikschul- und Privatmusiklehrkräfte verschlechtert sich dramatisch. URL: https://musik.verdi.de/musikschulen… (Stand 11.02.2013)
  • Weinert, Ansfried B. (1998): Organisationspsychologie. Ein Lehrbuch. 4. Aufl. Beltz, Psychologie Verl.-Union, Weinheim

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