Verein gegen Zwangsbeschallung ist gegen Bullshit-Theorie

Zu Jürgen Vogts Beitrag „Die Wiederkehr des Immergleichen“, nmz 6/07, S. 13f.


(nmz) -

Jürgen Vogt wischt Aussagen zur Wirkung von Musik als „Bullshit“ beiseite. Ohne meinerseits diesen unschönen Begriff verwenden zu wollen, muss ich dem entschieden widersprechen. Insbesondere die schädlichen Wirkungen populärer Musik sind sehr ernst zu nehmen. Vogt schreibt unter anderem: „Offensichtlich wird hier von einem einfachen Reiz-Reaktionsmodell ausgegangen, das doch Psychologie und Pädagogik schon lange hinter sich gelassen haben.“ Dabei übersieht er, dass Einflüsse und Wirkungen auch ohne Vorliegen eines „einfachen Reiz-Reaktionsmodelles“ existent sein können.


Psychologische Untersuchungen belegen, dass der Konsum von Mediengewalt, seien es nun Computerspiele, Filme oder Musik, bei vielen Menschen unmittelbar zu einer Erhöhung des Aggressionsniveaus führt. Neben diesem kurzfristigen Effekt ist ein langfristiger, persönlichkeitsverändernder, für aggressive (audio-)visuelle Medieninhalte ebenfalls erwiesen (was spätestens seit Manfred Spitzers Buch „Vorsicht Bildschirm!“ Allgemeinwissen geworden sein sollte). Untersuchungen für die langfristige Wirkung aggressiver Musik stehen noch aus; Die Indizien sprechen aber dafür, dass es sich damit nicht anders verhält als mit dem Konsum von aggressiven Videospielen oder Filmen. Warum sollte es auch?

In der Tat bestätigen Aussagen von Hörern in der musiksoziologischen und popularmusikkritischen Literatur, dass auch aggressive Musik sowohl unmittelbar zu Gewalt anregen als auch langfristig die Einstellungen etwa zu Gewalt, Sex und Drogenkonsum verändern kann. Wenn wir einmal auf die letzten Jahrzehnte zurückblicken, dann sehen wir, wie gut sich gesellschaftliche Entwicklungen mit der These von der manipulativen Kraft aggressiver Musik erklären lassen: In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde in den USA und in Europa bekanntlich ein dramatischer Wertewandel eingeleitet. (…)

Wir Musiker, Musikwissenschaftler und Musikpädagogen müssen uns endlich der Tatsache bewusst werden, dass Musik als Überträger von Emotionen mehr als nur eine Geschmacksfrage ist, und dass wir dafür verantwortlich sind, welche Emotionen und welche Werte wir über die Musik an die junge Generation weitergeben.

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