Viel Reife im Frühjahr

Neuerscheinungen der Popindustrie, vorgestellt von Sven Ferchow


(nmz) -
Neue Scheiben von: Avril Lavigne, JORIS, Dendemann und ZAZ.
Ein Artikel von Ferchow

Lange hat man vom ehemaligen Teenie-Star Avril Lavigne nichts mehr gehört. Nach gescheiterter Ehe und langer Krankheit kommt sie nun mit „Head Above Water“ zurück. Und darauf ist vom Ex-Punkgirl im Kommerzhemd nichts mehr übrig. Schön. Denn man darf sich weiterentwickeln. „Head Above Water“ zeigt sich als aufgeräumtes, teils ruhiges Album. Songstrukturen lassen sich erkennen, Einsichten jeglicher Art ebenso. Avril Lavigne singt gut. Wirklich gut. Und der kommode Stil steht ihr auch. Natürlich ist „Head Above Water“ weit von einem Songwriter- Album entfernt. Dennoch sind es vor allem Songs wie „Head Above Water“ oder „I fell in love with the devil“, die gefallen und einige unerwartete Akkordwechsel beinhalten. Ob es das arg aufgesetzte wie aufschreckende Duett mit Rapperin Nicki Minaj gebraucht hätte, mag jeder selbst entscheiden. Weltbewegend ist es nicht. Alles in allem ein gelungenes Album, das reif, aber nicht anbiedernd kommerziell klingt (Warner). Anspieltipps: Birdie, Souvenir, Crush.

„Schrei Es Raus“ von JORIS ist zwar schon letztes Jahr veröffentlicht worden, dennoch sollte man es noch einmal erwähnen oder daran erinnern. Denn der junge Mann macht verdammt gute, erwachsene und – sorry – reife Musik. Freilich, deutsche Texte haben inhaltlich langsam ausgedient. Da kommt auch JORIS nicht daran vorbei. Zu selbst zitierend ist die heimatsprachliche Szene leider geworden. Dennoch. Musik und Text müssen passen. Und da hat er seinen Weg gefunden. Kann man akzeptieren. Musikalisch pendelt JORIS angenehm und geschickt zwischen Pop und manchmal schon auch Rock. Doch nie verkauft er sich der Plattheit, findet stets Töne und Harmonien, die das Besondere ausmachen, eben nicht als Radiomusik abgeschoben oder entlarvt zu werden. Dafür sind seine Sounds zu eckig und unangepasst. Bemerkenswert: Seine Stimme. Latent angeraut, sorgt für Knistern („Signal“) und einen Zuhöreffekt. Leise Töne funktionieren freilich ebenso („Feuerwesen“). Von daher bleibt nur die Gesamtnote „cool“ (Four Music). Anspieltipps: Signal, Glück auf, Zeitlupe.

Dendemann bleibt weiterhin und ganz einfach der beste Rapper Deutschlands. „Da Nich Für!“ steht dafür mehr als ein. Ein Album, das bei all der Aufgeregtheit um andere deutsche Rapper, die sich mit ihrem Leben im Gangster- Milieu, Fäkalsprache oder grundrechtlich bedenklichen Äußerungen Gehör verschaffen müssen, wie ein Monument für das Gute im Sturm steht und nicht umfällt. Dendemann hat Flow, Dendemann hat Herz und Dendemann hat Intelligenz. Jeder Song bleibt so herrlich unaufgeregt, brodelt aber unter der Oberfläche. Man muss mitdenken hier. Und man kommt diesem lässigen, fast schon aufreizend provozierendem Groove nicht aus. Dendemann ist ein kleiner Rattenfänger. Der geradezu minimalistisch in Wort und Musik Maximales schafft. Wer Dendemann nicht hört, hat die Kontrolle über sein Leben verloren (Vertigo Berlin). Anspieltipps: Ich dende also bin ich, Zauberland, Menschine.

Immer noch verbirgt sich hinter dem Kürzel ZAZ eine unfassbare talentierte, französische Musikerin namens ZAZ. „Effet Miroir“, ihr neues Album, veröffentlicht Ende 2018, hält eine wunderbare Reise bereit. Vielleicht ist es nicht mehr ganz der chansonartige, gar typisch französische Einschlag der früheren Alben, der ZAZ begleitet. Dafür sind es diesmal andere, fabrikneuere, spannendere Töne. Die kennt man mitunter aus Pop und – na ja – sanftem Rock (man muss eine E-Gitarre nicht gleich überbewerten). Schön diesmal: die dezent lateinamerikanischen Ausleihen. Und unverkennbar prägt ZAZ alles mit ihrer unglaublichen Stimme, die von trotzig-rotzig bis schmeichelnd-kühl scheinbare jede Bandbreite mühelos vereinnahmen kann. In diesen Kontext passt dann aber auch jene ZAZ eigene, versteckte, gar nicht so offensichtliche Melancholie, die jeder Song hat und die man erst entdecken muss. Vielleicht ist dieses Entdecken ja ein kleiner Arbeitsauftrag, den ZAZ den Hörern mitgibt. Für viele eine ganz gute Möglichkeit nachzudenken. Innezuhalten. Einfach mal zu entschleunigen. Mit „Effet Miroir“ liefert ZAZ einen Beitrag dazu, den man gerne annimmt (Warner). Anspieltipps: Je parle, Résigne-moi, Toute ma vie.

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