Viel Überblick und ein wenig Detailschärfe

Ein Sonderband der „Musik-Konzepte“ nimmt Ralph Vaughan Williams in den Blick


(nmz) -
Dass es diesen Sonderband innerhalb der wichtigen Reihe der „Musik-Konzepte“ gibt, ist für sich genommen schon einmal höchst erfreulich. Denn nach wie vor wird dieser zentrale englische Komponist hierzulande, wenn überhaupt, allzu oft mit Herablassung behandelt. Ohne den Einsatz englischer Dirigenten wie Roger Norrington oder in jüngster Zeit Andrew Manze, würde seine Symphonik von deutschen Orchestern – von einigen rühmlichen Ausnahmen abgesehen – komplett ignoriert.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Die Freude über diese Neuerscheinung wird dann zunächst allerdings etwas getrübt. Denn was auf Meinhard Sarembas nützliche und viele wichtige Aspekte anschneidende Einführung folgt, sind zum größten Teil kursorische Überblickstexte: zu den Sinfonien (wobei die Nummern 1 bis 3, 4 und 5 sowie 6 bis 9 jeweils zusammengefasst werden), zur nicht-sinfonischen Orchestermusik, zu Liedern und Kammermusik, zu den Opern sowie zur Chor- und Kirchenmusik. Mehr als ein analytisches Anreißen unter Verweis auf Selbstzeugnisse und die zahlreich vorhandene englischsprachige Sekundärliteratur kann hier zumeist nicht stattfinden. Damit wurden zwei Chancen vertan: zum einen die wirklich herausragenden Werke von weniger bedeutsamen klar abzugrenzen, zum anderen genreübergreifende Merkmale von Vaughan Williams’ Personalstil – darunter das Pastorale, der Umgang mit Volksmusik und mit der Musik der Tudorzeit oder die Modalität – anhand gezielter Beispiele genauer in den Blick zu nehmen.

Wie ergiebig ein solch genauer Blick sein kann, machen dann die beiden gehaltvollsten Beiträge innerhalb des mit einer Zeittafel und einer knappen Bibliografie nicht eben üppig ergänzten, gut 200-seitigen Bandes deutlich: Norbert Abels geht der Bedeutung der „Morality“ in Opernform „The Pilgrim’s Progress“ innerhalb von Vaughan Williams’ Gesamtwerk mit viel Hintergrundwissen und anhand hellsichtiger, stets die Gesamtdramaturgie im Auge behaltender Detailbeobachtungen nach.
Dass es höchst sinnvoll gewesen wäre, die eng mit „The Pilgrim’s Progress“ in Verbindung stehende fünfte Symphonie hier mitzubehandeln, zeigt schließlich Arne Stollbergs pointierte Analyse der Filmmusik zu „Scott of the Antarctic“ und der daraus hervorgegangenen „Sinfonia Antartica“. In überzeugender Manier gelingt ihm der Nachweis, dass der Komponist mit seiner Musik die vom Film intendierte heroisierende Grundhaltung mit dem ihm eigenen Skeptizismus untergräbt. Hiervon hätte man gerne mehr gelesen.

  • Ulrich Tadday (Hrsg.): Ralph Vaughan Williams (Musik-Konzepte, Sonderband), Edition Text + Kritik, München, 2018, 218 S., Abb., € 38,00, ISBN 978-3-869167-12-1

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