Vielfalt durch Beweglichkeit

Aktuelle Jazzszene Hamburg


(nmz) -
Ein Blick auf die Website des Jazzbüros Hamburg, ein 1996 gegründetes Netzwerk mit Veranstaltungs- und Vermittlerfunktion, zeigt, dass die Elbmetropole rund zwei Dutzend Clubs, mehrere Festivals und andere Gelegenheiten hat, Jazzkonzerte zu hören und direkt zu erleben. Diese numerische Vielfalt ist nach einer längeren Zeit relativer Flaute zuvor beeindruckend. Genauer betrachtet, verteilt sich das Interesse an Jazz nicht nur auf Stadtgebiete, sondern auch auf Generationen und die damit verbundene Programmgestaltung.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Arrivierte und vor allem internationale Stars, denen man entsprechende Gagen bezahlt, werden in die Elbphilharmonie eingeladen. Dahin pilgern dann ältere Besucher, deren Portmonnaies gut gefüllt sind. Ebenso zum Rolf Liebermann Studio, wo der NDR als Pionier ab 1958 die schon legendären Jazzworkshops (u.a. mit John Surman und Keith Jarrett) veranstaltete, die nun unter dem Titel Jazzkonzerte (im Abo) fortgesetzt werden und sich auf 600 summiert haben. In der Jubiläumssaison 2018 / 2019  treten übrigens der in Hamburg lebende Perkussionist Trilok Gurtu und der norwegische Trompeter Nils Petter Molvær als Duo sowie das Quartett des polnischen Saxophonisten Maciej Obara auf. Gekoppelt an Radio und Fernsehen sowie per Internetportal (mit Archivaufnahmen) hat der NDR einen großen Wirkungsbereich und ist deshalb als Medienpartner begehrt. Darüber hinaus sind einheimische Stars wie die Sängerin Ulita Knaus und der Komponist Wolf Kerschek, zugleich Dirigent der dominanten NDR Big Band, eng mit dem Sender verbunden.

Die junge Garde rekrutiert sich zum einen aus Studierenden und Absolventen der Hochschule für Musik und Theater (HfMT) und manifestiert sich in anderen freien Bands. Sie werden vor allem von der Jazz Federation Hamburg (gegründet vor zirka 30 Jahren), dem größten Veranstalter für Clubkonzerte, gefördert. Regelmäßig gibt es nun Auftritte im Stage Club (Adressen und Fotos siehe u.g. Websites) und beim FAT JAZZ (von Saxofonist Gabriel Coburger) im Bunker Uebel und Gefährlich. Durch Kooperationen mit Hamburger Stiftungen werden „Mixed Generations“ nach einem Auswahlverfahren je ein(e) ambitionierte(r) Musiker(in) unter dreißig Jahren bei einem Traumprojekt lanciert, indem sie mit einem Mentor seines / ihres Wunsches zusammen arbeiten können, etwa Nathan Ott und Dave Liebman (USA), und „Large“ protegiert lokale Komponisten und Arrangeure für große Jazz-Ensembles.

Die Konzertreihe JazzLab präsentiert einmal pro Monat im VOLT, einem Techno-Club im Karolinenviertel, aufstrebende Talente: „Für mich der größte Erfolg der letzen Jahre“, schreibt Sophie Wackerbauer in ihrem „Kurzen Abriss der jungen Hamburger Jazz-Szene“, denn JazzLab hat auch noch andere Orte wie das Knust im Visier, wo unter anderem das Jazzhouse Festival stattfindet. Zugleich ist JazzLab eins von mehr als zehn in Hamburg ansässigen Labels des Genres, von denen einige (auch Neugründungen) aus einem speziellen Budget der Musikwirtschaft unterstützt werden.

Dort haben auch die sechs Rocket Men ihr Album „Twerk & Travel in Space“, eine markante Mischung harter Grooves und impulsiver Improvisationen, veröffentlicht. Andere beliebte Lokalitäten sind der Hafenbahnhof, „idyllisch an der Elbe gelegen“. Dort sind lokale und nationale Bands präsent, die musikalische Experimente und Uraufführungen wagen. Die Fabrique im Gängeviertel ist zwar klein, aber dort war das feel.jazz-Festival bereits zum zweiten Mal so erfolgreich, dass die Bands begleitende Live-Visuals sogar nach draußen übertragen werden mussten. Auch das 2014 wieder eröffnete Birdland, seit mehr als dreißig Jahren (mit Unterbrechung) festes Inventar der Hamburger Szene, hält weiterhin mit Jam Sessions und speziellen Programmen (Vocal Jazz) wacker die Position.

Alle zwei Jahre wird der Hamburger Jazzpreis vom Jazzbüro (2017 an den nunmehr verstorbenen Vibraphonisten Wolfgang Schlüter) beim etablierten Elbjazz vor der Kulisse der Blohm & Voss Werft verliehen, das mit internationaler Reputation und Stars aufwartet. Weniger spektakulär, aber in ebenso reizvoller Umgebung hat sich das Jazz Open im zentralen Park Planten un Blomen als Forum der einheimischen Szene profiliert. Ebenso das Überjazz-Festival in den Hallen der Kampnagel-Fabrik, das eher experimentelle oder doch progressive Tendenzen vorstellt.

Der Jazztrain fährt an einem Tag im September, dann sind wechselnde Bands in Waggons der U-Bahn-Linie 3 zum Bahnhof Schlump unterwegs. Ganz frisch hinzu gekommen ist das Star Festival im Miralles Saal der Jugendmusikschule Hamburg, vom Pianisten der NDR Big Band Vladyslav Sendecki initiiert, um deutsch-polnische Verständigung und interkulturellen Austausch zu forcieren, wozu 2018 eine multimediale Musikpräsentation (zum Film „Das Land“) und der „Club der Kontinente“ gehörten.

Stilistisch ist die Jazz-Szene in Hamburg breit gefächert. Neben den genannten Institutionen und Veranstaltungen, die primär modernen Jazz anbieten, sind auch maritimer Swing auf dem Feuerschiff und andere traditionelle Richtungen etwa im Cotton Club, New Orleans Atmosphäre im Jazzclub Bergedorf oder Jam Sessions in der Cascadas Bar vertreten. Und das Jazz.Radio bietet Titel von Cool- bis Nu-Jazz im Streaming-Format an. Während Orte wie die Elbphilharmonie und das Elbjazz-Festival einen Hauch von Exklusivität fürs Publikum haben, sind die Clubs durch enges und somit eher gemütliches Ambiente offenbar für junge Menschen attraktiv und werden von ihnen in ausreichender Frequenz besucht. Zumal deren Programme oft nicht strikt festgelegt sind, sondern Jazz als Option oder Alternative zu anderen Musikbereichen integriert haben. Diese Vielfalt in Beweglichkeit und eine gewisse Anpassung an Hörinteressen ist wohl zu einer Konstante der Jazzrezeption in Hamburg geworden, sodass man übers Jahr nicht nur verschiedene Distrikte und Winkel der Hansestadt, sondern auch fast die ganze Jazz-Palette kennen lernen kann.

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